Trödeln im Regen

Tropf. Nicole Galip merkt die Nässe kaum mehr. Die 32-Jährige steht mitten auf dem „Flo(h)rian“ – dem großen Flohmarkt im Westfalenpark – und ist von der Kappe bis zu den Schuhen nass bis auf die Haut. Es ist 12.30 Uhr. Es regnet seit Stunden.

Nicole Galip ist nass - und trotzdem guter Dinge. Fotos: Lena Seiferlin, Teaserbild: Lothar Wandtner/pixelio.de

Nicole Galip ist nass - und trotzdem guter Dinge. Fotos: Lena Seiferlin, Teaserbild: Lothar Wandtner/pixelio.de

Auf den Asphaltwegen in Dortmunds größtem Park steht das Regenwasser, überall haben sich Pfützen gebildet, die Wiesen sind matschig. 1400 Händler hatten sich für den Flohmarkt angemeldet. Nur 691 Verkäufer haben sich am Sonntagmorgen trotz des Mistwetters in den Westfalenpark getraut, wollen Kleidung und Allerlei verkaufen. Eine von ihnen: Nicole Galip. Als eine der wenigen hier hat sie kein Dach über dem Kopf.

„Einen Pavillon konnte ich auf die Schnelle nicht besorgen. Wenn ich morgen krank bin: egal“, sagt Galip, und lässt den Blick über die Zeltstadt schweifen. Sie sieht fröhlich aus. Denn sie hat seit Flohmarktbeginn um neun Uhr schon einige ihrer Kleidungsstücke verkauft. Und das, obwohl viel weniger Menschen in den Westfalenpark gekommen sind, als in den vergangenen Jahren bei gutem Wetter. Eigentlich wollte Nicole Galip auch ihre alten Handys verkaufen, doch der Regen macht ihr einen Strich durch diese Rechnung. Nicole Galips knallgrünes T-Shirt klebt an ihrem Körper, die Feuchtigkeit lockt ihre brustlangen schwarzen Haare.

Schlange stehen im Dunkeln

Ralf Winkelmann und Roger Titze trotzen dem strömenden Regen mit einem Pavillon.

Ralf Winkelmann und Roger Titze trotzen dem strömenden Regen mit einem Pavillon.

Direkt nebenan haben Ralf Winkelmann und Roger Titze ihren Stand aufgebaut. Im Schutze eines großen weißen Zeltes haben sie Glasvasen und Schachteln drapiert, sie verkaufen Bilderrahmen und Schmuck, Kaffeekannen und Silberbesteck. „Mit dem Geld aus unserer gemeinsamen Kasse machen wir uns wie jedes Jahr einen schönen Urlaub“, sagt Roger Titze in den strömenden Regen hinein. Er und Ralf Winkelmann sind beide 50, seit Jahren beste Freunde. Sie teilen das Geld gleich auf, sind seit 12 Uhr nachts zusammen am Westfalenpark. „Wir haben im Wohnmobil geschlafen, sind um halb sieben aufgestanden, um uns in die Verkäuferschlange zu stellen“, sagt Titze. Und bei so viel Gemeinschaft, da seien die grauen Wolken über Dortmund doch ganz egal. Hauptsache Spaß.

Vom Laden direkt auf den Flohmarkt

Unabdingbar auf dem Flohmarkt im Westfalenpark: Ein Regenschirm.

Unabdingbar auf dem Flohmarkt im Westfalenpark: Ein Regenschirm.

Spaß scheinen auch Svenja Harfung und Verena Langanke zu haben. Die beiden Studentinnen aus Dortmund arbeiten nebenbei in einem Klamottenladen. Heute verkaufen sie auf dem „Flo(h)rian“. „Wir besitzen so viele Anziehsachen, so viel können wir gar nicht tragen“, sagt Verena Langanke. Sie hat sich ein Stirnband um die Ohren gebunden und trägt einen dicken Strickschal um den Hals.

Vor den Tapeziertischen der beiden Mädels stehen vom Regen durchweichte Pappkartons, vollgestopft mit Schuhen und Taschen, fast alles ist vintage. Die beiden waren auch in den letzten Jahren auf dem Flohmarkt. Bei Sonnenschein. Warum verkaufen sie trotz des Unwetters? „Wir brauchen das Geld. Und müssen so oder so bis zum Ende bleiben. Denn der Veranstalter lässt erst heute Abend wieder Autos auf den Platz“, sagt Svenja Harfung. Inzwischen ist es Nachmittag geworden. Normalerweise, erzählt Harfung, habe sie um diese Zeit schon mindestens 500 Euro verdient, nach dem ersten Kassensturz ein paar Minuten zuvor zählte sie gerade einmal die Hälfte. Die Standmiete kostet 15 Euro oder mehr.

Aus Antiquitäten wird Schrott

Schon jetzt beginnen die ersten Verkäufer auf dem Flohmarkt im Westfalenpark mit dem Abbauen. Ein skurriles Bild: Viele werfen ihre vollkommen durchnässten Kleidungsstücke oder durch den Regen unbrauchbar gewordene Elektrogeräte einfach in den Müll. In den Abfallcontainern stapeln sich antike Lampen und feuchte Holzregalbretter. „Bald ist der Tag rum. Und wenn man mal drüber nachdenkt: Ist ja nur Wasser“, sagt Svenja Harfung. „Irgendwann kommt die Sonne auch wieder.“ Sie wickelt ihr Butterbrot aus der Frischhaltefolie und wischt mit der Handfläche über den nassen Tapeziertisch. Wasser perlt von den Stangen des Pavillons. Tropf.