Ein Jodeln geht durch Dortmund

Die Jodel-App

Ein anonymes soziales Netzwerk versucht die deutschen Unis zu erobern. Die Macher von Jodel setzen auf Inhalt und nicht auf Followerzahlen: Wer etwas Gutes, Witziges oder Wichtiges schreibt, wird von der Community hochgevotet.

Bei Jodeln denkt niemand mehr an bayrische Gesänge oder den Almschrei bei Heidi. Jodeln ist so etwas wie twittern, nur anonym; etwas wie Snapchat, nur mit weniger Bildern und begrenzt auf zehn Kilometer Umkreis.

Jodeln kann man über die Jodel-App. Aber was ist das überhaupt? Jeder Nutzer kann sich nach dem Herunterladen der App direkt anmelden. Er muss weder Namen noch eMail-Adresse oder Geschlecht angeben. Nur die zehn Jodel-Gebote muss er durchlesen und akzeptieren bevor er das erste Mal etwas schreibt. Keine Freundschaftsanfragen, kein Followen, nichts von all dem braucht der neue Jodler. Sofort hat er eine Timeline, auf der ganz in bunt alle Jodel – so heißen die Posts – erscheinen, die in zehn Kilometer Umkreis geschrieben werden. Dabei gibt es keine Namen, keine Pseudonyme, alle posten vollkommen anonym. „Uns ist es wichtig, dass der Inhalt vor dem Nutzer kommt. Es soll wichtig sein, was geschrieben wird und nicht wer es schreibt. Wir haben hier keinen Justin Bieber, dessen Posts tausende Male geteilt werden, egal was er schreibt. Hier hat jeder Jodel dieselbe Chance, ganz nach oben zu kommen“, sagt Alexander Linewitsch vom Jodel-Team.

Die 10 Jodel-Gebote

Eine Community, die auf Anonymität beruht

Jodel von der TU Dortmund.

Jodel von der TU Dortmund. Foto: Screenshot

Jodler sind anonym, bleiben anonym und sind öffentlichkeitsscheu. Ich habe sie über Jodel gefragt, wie sie die App nutzen und warum. Die Antwort: „Man redet nicht über Jodel. Man erwähnt es nichtmals.“ Scheinbar hat die Community schon ihre eigenen Regeln – und ich habe sie gebrochen. Harte Kritik. Aber niemand kann mich auf Jodel dafür verurteilen, mich blocken oder unfollowen. Schließlich ist alles anonym und wenn ich das nächste Mal etwas poste, wird niemand wissen, dass ich dieselbe bin, die damals diese Frage gestellt hat.

Eine Jodlerin hat dann doch etwas mehr geantwortet: „Ich finde, dass es eigentlich vollkommen überflüssig ist. Aber ich mag es trotzdem, weil es teilweise echt witzig ist. Was ich nicht mag, sind die sexistischen und rassistischen Witze, die einige manchmal machen.“

Die Jodler selbst haben die Macht

Was sie anspricht, ist eine Gefahr, aber andererseits auch ein großer Vorteil des Netzwerks. Jeder kann posten, was er will, also auch kritische Meinungen abseits des Mainstreams – im negativen und im positiven Sinne.

Ein etwas taktloser Witz auf Jodel.

Ein etwas taktloser Witz auf Jodel. Foto: Screenshot.

Hier in Deutschland ärgern die Nutzer sich ab und zu über Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und taktlose Witze in den Posts. Das ist ärgerlich, aber der Preis für die Anonymität. Doch das Team von Jodel setzt darauf, dass sich die Community selbst reguliert: „Die Nutzer können jeden Post hoch- oder runtervoten. Sobald ein Jodel als Bilanz -5 oder noch weniger erreicht, verschwindet er von der Timeline. Hier haben die Nutzer die Macht zu entscheiden, was sie lesen wollen und was nicht und im Allgemeinen klappt das auch ganz gut“, erklärt Alexander Linewitsch. Eine andere Option gibt es trotzdem noch: Jodel melden. Der Jodel wird dann von Community-Managern geprüft und wenn nötig gelöscht.

Andererseits könnte die Anonymität solcher Apps in Ländern mit beschränkter Meinungs- und Pressefreiheit einen großen Vorteil bieten: Meinungen, die sonst zensiert würden, können zwar durch die Votes verschwinden oder gemeldet werden, aber ihre Autoren jedenfalls nicht verhaftet und ausgepeitscht werden, wie der Blogger Raif Badawi in Saudi-Arabien. Ob ihre App jemals dazu genutzt werden wird, Zensur zu umgehen, wissen die Unternehmer noch nicht: „Wir können nicht erzwingen, dass Jodel für einen bestimmten Zweck genutzt wird. Momentan sind unsere Zielgruppe allerdings hauptsächlich Studenten“, sagt Alexander Linewitsch. Das macht auch Sinn für die App, schließlich wohnen Studenten oft im Umkreis von zehn Kilometern um ihre Uni. So wird die App auch gerne genutzt, um das Mensaessen zu beurteilen oder die nächste Party anzukündigen.

Jodel war mal TellM

Ein Werbe-Sticker der Jodel-App an der TU Dortmund.

Ein Werbe-Sticker der Jodel-App an der TU Dortmund. Foto: Leonie Gürtler

Die zehn Kilometer Umkreis sind eins der wichtigsten Elemente der App. Vor zwei Jahren hatten Alessio Avellan, der Geschäftsführer von Jodel, und drei weitere ehemalige Studenten der RHTW Aachen eine App namens „TellM“ gegründet. Sie war der Vorgänger von Jodel und das Unternehmen hinter der heutigen App heißt noch immer TellM GmbH. Sie waren damals sehr euphorisch und gingen auf Marketing-Tour in Kalifornien. Damals war das Konzept zwar schon dasselbe, aber die Posts kamen von den Telefonkontakten des Nutzers. Dadurch war es schwierig, eine so hohe Nutzerzahl zu erreichen, dass sich die App für den Einzelnen lohnte. Daraus hat das Team gelernt und damit großen Erfolg gehabt: Jodel wurde insgesamt in Spanien, Schweden und Deutschland schon 400.000 Mal heruntergeladen.

 

Beitragsbild: Lukas Arndt

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