Kino-Tipp: Skurriles Schauermärchen

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Irgendwo zwischen Märchen und knallharter Realität findet sich „Bibliotheque Pascal“. Auf der einen Seite zeigt der Film schonungslos menschliche Abgründe, auf der anderen Seite geht er über das Normale hinaus. Und ist damit ein Paradebeispiel für einen Independent-Streifen.

Mona sitzt beim Jugendamt und weiß, dass die nächsten Minuten über ihr Leben entscheiden werden. Sie muss es irgendwie schaffen, ihre Tochter Viorica wieder zu bekommen. Doch mit der Wahrheit wird das schwer, denn ihre Geschichte ist zu viel für den normalen Menschenverstand.

Eine folgenschwere Entführung

Nach der Liebesnacht mit Mona stirbt Viorel. Foto: Camino Filmverleih

Nach der Liebesnacht mit Mona stirbt Viorel. Foto: Camino Filmverleih

Fünf Jahre zuvor: Mona wird von einem Verbrecher entführt und als Geisel genommen. In der Nacht passiert das, was man als Stockholm-Syndrom kennt: Mona verliebt sich in ihren Entführer Viorel und schläft mit ihm. Am nächsten Morgen wird Viorel von der Polizei erschossen. Das Andenken an ihn ist ein Baby, das in Monas Bauch heranwächst.

Jahre später schlägt sich Mona als Schaustellerin durch, die kleine Viorica ist immer dabei. Das Geld ist knapp und die einzige Familie, die Mona hat, ist ihre Schwester Rodica – bis Monas Vater Gigi plötzlich auftaucht. Er sei krank und nur deutsche Ärzte könnten ihm helfen, sagt er. Mona begleitet ihren Vater und lässt Tochter bei ihrer Schwester Rodica.

Bordell statt Krankenhaus

Doch in Deutschland wird Mona von ihrem eigenen Vater an Menschenhändler verkauft und  nach England verschifft. Dort wird die hübsche Mona an den exzentrischen Stripclub-Besitzer Pascal verkauft. Eine Wahl hat die junge Ungarin nicht und wehren kann sie sich ebenso wenig.

Mona muss ihre Freier als Jeanne D´arc beglücken. Foto: Camino Filmverleih

Mona muss ihre Freier als Jeanne D´arc beglücken. Foto: Camino Filmverleih

So landet sie, ohne auch nur ein Wort Englisch sprechen zu können, in der Bibliotheque Pascal – einem edlen Stripclub mit einem Privatbereich, der keine noch so perverse Phantasie offen lässt: Die einzelnen Räume sind nach Märchenfiguren benannt und die Prostituierten empfangen ihre Freier mit Passagen aus berühmten Büchern wie Jeanne D´arc, Lolita oder Pinnoccio.

Ein modernes Märchen?

Während Mona in England als Sex-Sklavin arbeiten muss, ist ihre Tochter bei Rodica in Ungarn. Monas Schwester entdeckt, dass die Kleine übersinnliche Kräfte hat: Menschen können sehen, was Viorica träumt. Und das, was sie träumt, wird Wirklichkeit. Rodica, die ziemliche Geldsorgen hat, macht ein Geschäft aus der Gabe: Sie nimmt Eintritt und lässt die Kleine mitten im Dorf schlafen – damit alle sehen können, was Monas Tochter träumt. Und da kleine Kinder nicht auf Kommando schlafen, muss ein Schnaps nachhelfen. Viorica vermisst ihre Mutter und träumt, dass ein großes Blasorchester diese aus dem englischen Bordell befreit. Auch das wird wahr – ein etwas anderes Happy End.

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Zu viele schwache Momente

Der exzentrische Pascal in seiner Bibliotheque: Eine Mischung aus edlem Stripclub und Bordell. Foto: Camino Filmverleih

Der exzentrische Pascal in seiner Bibliotheque: Eine Mischung aus edlem Stripclub und Bordell. Foto: Camino Filmverleih

Bibliotheque Pascal ist vollgepackt mit Handlung, es scheint, als hätte Regisseur Szabolcs Hajdu so viel Stoff wie möglich in knapp zwei Stunden quetschen wollen. Doch worum es wirklich geht, kann der Zuschauer beim besten Willen nicht beantworten. Der Film hat weder Moral noch eine Pointe, er erzählt einfach – und davon eindeutig zu viel.

Das Schauermärchen aus Rumänien glänzt nicht durch große Namen, aber auch nicht durch Qualität: Bibliotheque Pascal verwirrt, lässt den Zuschauer fragend zurück und ist dabei schonungslos. Sexuelle Abnormalitäten werden hier genauso thematisiert wie die Alltags-Probleme einer alleinerziehenden Mutter. Was auf den ersten Blick normal scheint, wird schnell skurril. Bibliotheque Pascal wirkt einfach zu gewollt und überzeugt leider weder durch Handlung noch durch schauspielerische Leistung. Ein märchenhaftes Ende ála „…und sie lebten glücklich bis an ihr Ende“ will der Zuschauer nicht sehen. Er bekommt es trotzdem.

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