Die meisten Kunden wollen Sex

Auf den ersten Blick führt Pia ein Leben wie viele Studentinnen: Sie besucht Vorlesungen, trifft sich mit ihren Freundinnen und treibt Sport. Doch etwas unterscheidet Pia gewaltig von vielen anderen ihres Alters: ihr Job. Denn die 25-Jährige ist nebenbei als Escort-Dame tätig.

Pia*, wie kam es dazu, dass du diesen Job gewählt hast?
Angefangen hat es mit einer Mischung aus Neugierde und ganz klar der Möglichkeit, sehr schnell sehr viel Geld zu verdienen. Ich habe mich bei einer kleinen Agentur beworben, ohne mir sicher zu sein, ob ich das überhaupt ernst meine. Ich hatte es fast schon wieder vergessen, als ich mehrere Wochen später einen Anruf bekam. Nach mehreren Tagen habe ich mich dann dazu entschlossen, es probehalber einfach mal auszuprobieren. Und wenn du dann zwei Treffen hinter dir hast und dir klar wird, dass du für das Geld in einem „normalen“ Nebenjob mehr als einen Monat arbeiten müsstest, überlegst du dir zweimal ob du damit wieder aufhören möchtest.

Wie lief denn dein allererstes Treffen mit einem Mann ab?
Da meine erste Agentur wusste dass ich komplett neu auf dem Gebiet bin, hat das erste Treffen mit einem Kunden stattgefunden, der der Agentur bereits bekannt war und der ebenfalls Bescheid wusste. Bei Problemen hätte ich mich jederzeit telefonisch bei der Agentur melden können. Das ist übrigens auch jetzt noch der Fall. Ich muss z.B. immer telefonisch bestätigen, dass ich erfolgreich beim Treffen angekommen bin und es gibt eine Art Notfallnummer. Während des Treffens war ich schon ziemlich unsicher, aber er war super nett und wir haben uns tatsächlich richtig gut verstanden. Wie ich mich dabei gefühlt habe? Nervös auf alle Fälle!

Wie lange buchen dich die Kunden und wie läuft so ein Abend ab?
Die Mindestdauer beträgt zwei Stunden, nach oben hin sind keine Grenzen gesetzt. Es gibt auch Buchungen für einen kompletten Tag oder gar mehrere Tage. Je nach Dauer variiert der Ablauf natürlich. Der klassische Abend sieht so aus, dass ich mich zuerst öffentlich mit dem Mann treffe, sehr häufig zum Essen in einem Restaurant oder einer Bar, im Theater oder als Begleitung auf einer Feier. Dort lernen wir uns dann erst einmal kennen – betreiben Smalltalk. Für die meisten Kunden ist die Unterhaltung bzw. das Verbringen eines schönen Abends nämlich mindestens genauso wichtig wie der Sex. Im Anschluss zieht man sich dann auf das Hotelzimmer zurück.

Und dann kommt es zum Sex?
Ja, meistens. In geschätzt 90 Prozent aller Fälle wollen die Männer auch mit mir schlafen. Den sogenannten Begleitservice gibt es auch, häufig dann als Begleitung auf einer Feier, wo man nicht alleine auftauchen möchte, gelegentlich auch bei Geschäftsessen. In diesem Fall wird dann ein sogenanntes Dinner Date gebucht, in dem ganz explizit keine intimen Handlungen inbegriffen sind.

Pia* trifft sich mit den meisten Männern zum Essen, um danach mit ihnen zu schlafen.

Git es einen bestimmten Typ Mann, der dich bucht?
Ich arbeite im High Class Escort Service, der wird aufgrund der Kosten natürlich hauptsächlich von beruflich erfolgreichen Männern in Anspruch genommen. Berufstechnisch ist nahezu alles aus dem akademischen Bereich vertreten, häufiger sind es Männer, die sich beruflich in einer anderen Stadt aufhalten und den Abend nicht alleine im Hotel verbringen möchten. Was den Beziehungsstatus betrifft, frage ich nicht nach – es geht mich nichts an. Solange der Kunde also nichts von sich aus erzählt, erfahre ich den gar nicht. Es ist aber von verheiratet über Single bis zu geschieden alles dabei.

Du hast gesagt, dass es dich vor allem reizt, viel Geld in kurzer Zeit zu verdienen. Wie oft übst du den Job denn eigentlich aus und wie viel Geld verdienst du dabei?
Das variiert sehr stark, es kommt darauf an wie viel Zeit ich habe und wie viele Anfragen es gibt. Durchschnittlich mache ich den Job 6-7 Mal im Monat. Das Honorar ist immer dasselbe, egal welche Dienstleistung am Ende verlangt wird. Lediglich das Dinner Date kostet etwas weniger. Für 2 Stunden bekomme ich 340 €, für 3 Stunden 460 €.

Machst du alle Leistungen, die von dir erwartet werden oder gibt es auch Tabus?
Ich treffe mich zum Beispiel auch mit Frauen oder Paaren, das kommt allerdings sehr selten vor. Natürlich habe ich aber auch Tabus: Ich treffe mich nicht mit mehreren Männern gleichzeitig. Außerdem biete ich nichts an, was in irgendeine Richtung von Fetisch oder Ähnlichem geht, damit kann ich einfach nichts anfangen.

Was hast du bisher außergewöhnliches in deiner Tätigkeit als Escort-Dame erlebt?
Ich bin mal von einem jungen, beruflich sehr erfolgreichen Unternehmer für 6 Tage nach Dubai eingeladen worden. Dort haben wir uns für einen Kurzurlaub mit seinen Eltern, die in Südafrika wohnen, getroffen. Ich war ausschließlich da, um seine Eltern glauben zu lassen, dass ich seine Freundin wäre. Seine Eltern sind ihm wohl permanent damit auf die Nerven gegangen sind, dass er schon so lange Single ist.
Außerdem habe ich mich vor kurzem mit jemandem getroffen, der in der Führungsebene eines Konzerns sitzt, für den ich mich schon aufgrund meines Studiums als potentiellen späteren Arbeitgeber interessiere. Er hat dann auch sehr gerne und ausführlich von seinem Job erzählt und ich habe Mäuschen spielen können und einiges an Interna aufschnappen können.

Einige Kunden nehmen ihre Escort-Damen sogar mit in den Urlaub oder auf Geschäftsreisen. Pia begleitete einen Mann bereits nach Dubai.

Wie ist das mit deiner Familie und Freunden, wissen Sie von deinem Job?
Eine gute Freundin weiß in groben Zügen Bescheid, aber auch nur, weil sie sich selbst mal für das Thema interessiert hat, ansonsten niemand. Ich kenne keinen, der so einen Job Freunden oder Familie erzählen würde. Ich denke, da würden jede Menge Freundschaften dran zerbrechen, weil man schnell abgestempelt wird. Was meine Familie davon halten würde, darüber möchte ich lieber gar nicht nachdenken – definitiv nichts Positives.

Macht dir die Arbeit als Escort-Dame denn wirklich Spaß oder geht es dir nur um das Geld?
Macht der Kassiererin an der Supermarktkasse der Job Spaß? Ich habe kein Problem damit, ihn auszuüben, die meisten Kunden möchten einen wirklich schönen Abend erleben und sind daher bemüht, dass auch ich mich wohl fühle. Da man hauptsächlich mit erfolgreichen, selbstbewussten Männern zu tun hat, sind die meisten Unterhaltungen auch wirklich interessant. Die Tage an denen man sich aber denkt „ach nö, heute muss echt nicht sein“ sind aber wahrscheinlich häufiger als in anderen Berufen.

Wie fühlst du dich selbst dabei, mit fremden Menschen intim zu werden?
Ich war sexuell schon immer recht offen, wenn ich ein großes Problem damit hätte mit fremden Männern zu schlafen, wäre ich die Falsche dafür. Während des Treffens schlüpfe ich einfach in eine Rolle und denke nicht groß darüber nach. Natürlich sind aber auch immer wieder Männer dabei, mit denen ich freiwillig keinen Sex haben würde, aber dafür wird es ja so gut bezahlt. Wenn es wirklich einmal eine Phase gibt, in der ich einfach nicht mehr möchte, nehme ich mal für 2-3 Wochen keine Treffen an. So gewinne ich etwas Abstand.

Kannst du dir die Männer aussuchen?
Natürlich sehe ich im Vorfeld keine Bilder und weiß somit gar nicht, mit wem ich mich treffe. Theoretisch habe ich die Möglichkeit das Date innerhalb der ersten 20 Minuten abzubrechen, das darf der Kunde genauso. Natürlich ist es aber nicht Sinn der Sache, dass ich die Dates ständig vorzeitig beende. Das ist mir bisher auch erst 3 Mal passiert, einmal standen am vereinbarten Treffpunkt plötzlich 3 Männer, die auf mich gewartet haben und zweimal waren die Kunden ganz offensichtlich stark angetrunken.

Kannst du überhaupt eine Beziehung führen?
Ich hatte einen Freund für knapp 2 Monate. Ich habe es dann beendet. Er wusste nichts von dem Job und ich wusste auch nicht, wie ich ihm das jemals hätte erklären sollen. Für mich war das definitiv so, dass ich ihn betrogen habe. Hauptsächlich war es aber die Angst, dass er es irgendwann heraus findet und fragt, wo ich die Abende bin. Das ist wohl der größte private Nachteil an dem Job. Da ich die Möglichkeit einer Beziehung für mich selber ausgeschlossen habe, solange ich dort aktiv bin, denke ich aber nicht groß darüber nach.

Wie lange möchtest du den Job noch machen?
Das weiß ich noch nicht genau, da ich selbst bestimmen kann, wie häufig ich einen Termin annehme ist es durchaus auch möglich, dass ich vereinzelt nach dem Studium weiter mache, wenn ich Lust dazu habe.

Risiken und Gefahren im Escort-Service
Dass das soziale Umfeld meist nichts von einem Sexjob mitbekommt, ist in der Branche offenbar normal. „Ich kenne kaum Frauen, die Freunden und Bekannten von dieser Arbeit berichten“, sagt Silvia Vorhauer von der Dortmunder Mitternachtsmission e.V. Der Verein berät Prostituierte, ehemalige Sexarbeiterinnen und Opfer von Menschenhandel. Vorhauer kennt die Probleme der jungen Frauen.
Viele empfänden es als sehr belastend, wenn sich der Familie oder den Freunden offenbaren würden. Andere haben Angst, dass der Partner sie verlässt, weiß Vorhauer. Deshalb wenden sich sowohl Frauen an die Mitternachtsmission, die sich offenbaren möchten und dabei Hilfe brauchen, als auch Sexarbeiterinnen, die versuchen mit ihren Lügen klarzukommen.
Risiken und Probleme blenden Frauen laut der Expertin anfangs aus. Sie sehen nur das schnelle Geld. „Es entsteht eine Einstiegseuphorie“, sagt Vorhauer. Doch psychische Probleme wie Schuldgefühle gegenüber sich selbst und dem sozialen Umfeld, Depressionen und Angsterkrankungen bis hin zur paranoiden Schizophrenie würden viele Sexarbeiterinnen plagen. Hinzu kämen häufig Drogenprobleme. „Lügen fliegen auf, die Prostituierten ziehen sich aus ihrem sozialen Umfeld zurück, verhaften im Milieu. Sie befinden sich somit in einem Teufelskreislauf“, sagt Vorhauer.

 

* Der Name wurde von der Redaktion geändert. Beitagsbild: Flickr (lizensiert nach Creative Commons) Bild „Dinner“: Flickr (lizensiert nach Creative Commons) Bild „Dubai“: Flickr (lizensiert nach Creative Commons)