Der Breitmaulfrosch: Frauen pfeifen aufs Pfeifen!


Ob Glitzerbärte, grüne Smoothies oder hippe Fummel aus der Mottenkiste – über Kunst, Lifestyle, Mode und Kultur lässt sich gut das Maul zerreißen. Besonders gut kann das der Breitmaulfrosch, der in dieser Kolumne über merkwürdige Trends wütet – dabei nimmt er kein Seerosenblatt vor den Mund. Heute gilt sein Ärger einer ganz speziellen Sorte Mann: den Hinterherpfeifern.

Frauen in Deutschland haben es gut: Sie können sagen, was sie wollen. Sie können anziehen, was sie wollen. Sie können seit bereits 60 Jahren eigenständig ein Konto eröffnen und seit fast 100 Jahren wählen gehen. Da ist es natürlich nur selbstverständlich, dass man meinen könnte, anderen Ländern in Sachen Demokratie und Frauenbild ein Vorbild sein zu müssen. Auch der Breitmaulfrosch freut sich über die vielen Freiheiten der Frau heutzutage. Doch nachdem er einen Tag lang undercover als Frau unterwegs war, kommt er zu dem Schluss, dass es mit dem Frauenbild hierzulande nicht so weit her ist, wie man(n) meinen könnte.

Frauen ziehen an, was sie wollen – theoretisch

Egal zu welcher Jahreszeit wird so manche Fußgängerzone – wahlweise auch Bahnhof, Bushaltestelle oder x-beliebige Bürgersteig – zu einem Trainingsparcours für Gelassenheit und angestrengtes Ignorieren. Denn: Ja, Frauen können formal zwar anziehen, was sie wollen. Aber häufig genug steht Frau doch vor dem Kleiderschrank und überlegt dreimal, bevor sie das Lieblingsteil anzieht. Bin ich allein unterwegs? Muss ich mit blöden Kommentaren rechnen? Kann ich da drüberstehen? Herrlich, diese Freiheit!

Schnalzen, Schmatzen, Pfeifen. „Ey! Sag mal, ist denn schon Sommer?“ Gelächter. Kleine Aufmerksamkeiten dieser Art werden gerne auch ganz ohne Worte zwischen den akustischen Auswürfen zu Gehör gebracht. Da fragt sich nicht nur der Breitmaulfrosch, was in den Köpfen solcher Menschen vorgeht. Was erwartet der Mann darauf für eine Reaktion? Gab es jemals eine Frau, die sich allen Ernstes umgedreht und „Boah, deine stammhirngesteuerte, dadaistisch anmutende Lautäußerung finde ich ziemlich heiß, lass uns vögeln!“ gesagt hat? Oder glauben Männer vielleicht, Frauen seien mit Singvögeln verwandt und nur für diese Art Pfeifbalz empfänglich?

Diese Missverständnisse lassen sich leicht ausräumen: Nein, Frauen sind nicht restlos davon begeistert, wenn ihnen eine Horde auf den Boden rotzender Kerle hinterher pfeift. Und schon gar nicht, wenn sie das Vergnügen mehrmals täglich haben. Es ist kein schönes Kompliment, für die Oberweite oder den Hintern anzügliche Kommentare vom Seitenrand zu kassieren. 

Das wäre doch gelacht!

„Ey! Kannst du auch lächeln? Lächel doch mal!“ Diese und ähnlich charmant formulierte Aufforderungen werden Frauen ebenfalls noch viel zu oft entgegengebracht. Die Variante „Wenn du lächelst, siehst du viel hübscher aus!“ kommt so schön harmlos daher und klingt trotzdem ein wenig nach den Ratschlägen für gute Hausfrauen aus vergangenen Dekaden: „Machen Sie nach der Hausarbeit fünf Minuten Pause, um Ihren Mann, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, mit einem frischen Lächeln begrüßen zu können.“

Da drängt sich dem Breitmaulfrosch die Frage auf: Könnte es vielleicht sein, dass die Angesprochene weder lächeln noch schön sein möchte? Ist das so unvorstellbar? Und ist es so schwierig, sich den einen oder anderen Kommentar einfach mal zu klemmen? Wie sähen deutsche Fußgängerzonen aus, wenn Frauengruppen Männern hinterher pfeifen und schmatzen würden? „Hey Süßer, lächel doch mal!“ „Soll ich dir meine Jacke leihen?“ „Hast du den gesehen? Der hatte voll kleine Hände…“

Die Biologie der Frau als Argumentationsallzweckwaffe

Bringt eine Frau ihren Unmut über solcherlei Äußerungen zum Ausdruck, sieht sie sich mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einem Klassiker konfrontiert: „Hast du deine Tage oder was?“ Von einem Fremden hören Frauen das schon nicht gerne, aber besonders unfair ist diese – ja, was soll das eigentlich sein? Eine Feststellung? Ein Argument vielleicht? – in einer Beziehung. Glaubt der Mann, damit einen Streit zu entschärfen? Denn oft ist der Streit damit zwar beendet, weil die Frau darauf so schnell nichts antworten kann, aber das heißt noch lange nicht, dass alles wieder in Butter ist! Im Gegenteil: Als Frau fühlt man sich dann erst so richtig vor den Kopf gestoßen und ist frustriert, weil das scheinbare Argument, „sie hat ihre Tage und zickt deshalb rum“, augenscheinlich bestätigt wird.

Doch was genau macht diese – soll es vielleicht sogar ein Vorwurf sein? – Äußerung so unfair? Einerseits haben Frauen es sich nicht ausgesucht, einmal monatlich ihre Periode zu bekommen. Und andererseits gibt es keine gute Reaktion darauf: „Nein, und selbst wenn ich sie hätte, täte das nichts zur Sache“, führt nur dazu, dass sich der Mann in seiner (wahnsinnig fortschrittlichen) Haltung bestärkt sieht. Bejahen Frauen die Frage, bekräftigen sie diese Haltung ebenfalls. Vielleicht hilft an dieser Stelle wieder ein Beispielszenario: Wenn Frauen einen Streit mit den Worten „Hattest du mal wieder Erektionsstörungen?“ beenden würden, wäre das genauso unfair. Und absurd.

Das immer gleiche Lied

Der Breitmaulfrosch hatte gedacht, die Themen „Gleichberechtigung“ und „Frauenbild“ seien schon oft genug zur Sprache gekommen. In unzähligen Talkshows und Zeitungskommentaren haben Frauen ihrem Ärger Luft gemacht und man hätte meinen können, so langsam sei es dann auch gut damit. Es gebe schließlich noch andere Themen! Dann müssen Frauen eben mal über der einen oder anderen unangenehmen Äußerung drüberstehen! Aber genau da liegt das Problem: Es sind nicht vereinzelte Bemerkungen einzelner Personen, denen Frauen vielleicht noch die Meinung sagen würden. Das Problem ist, dass solches Verhalten ein Gruppenphänomen zu sein scheint. Und kaum eine Frau traut sich, gleich einer ganzen Gruppe ihr körperlich überlegener Männer zu sagen, dass sie die Bemerkung eben nicht so ganz klasse fand.

Sicherlich gibt es noch genügend andere Themen, über die eine Gesellschaft mal reden müsste. Doch solange Frauen mit diesen alltäglich gewordenen, teilweise herabwürdigenden und beleidigenden Kommentaren begegnet wird, werden sie sich darüber auch in der (Medien-)Öffentlichkeit ärgern. So lang, bis es normal ist, als Frau schlecht gelaunt zu sein, ohne dass das mit einer normalen (!) Körperfunktion in Verbindung gebracht wird, so lang, bis Frauen nicht mehr das hübsche und ständig gut gelaunte Accessoire sein sollen und ohne zu hadern ihre Lieblingsstücke anziehen können, solange werden sich Frauen darüber aufregen.

Und so schnell wird ihnen der Redestoff darüber wohl nicht ausgehen. Denn es scheint immer noch normal zu sein, unter Beiträgen wie diesem Kommentare wie „Da hatte wohl jemand seine Tage…“ zu lesen.

Teaserbild: flickr.com/ Michael lizenziert nach Creative Commons
Beitragsbild: Helena Brinkmann

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