Porträt: Balkan-Ska Band

Einmal eine eigene CD produzieren, auf Tour gehen, in den angesagtesten Clubs spielen – und das am besten, so lange man jung ist. Welcher Musiker träumt nicht von so einem Erfolg? Acht Studenten aus Witten-Herdecke haben sich diesen Traum schon erfüllt – und das auf eigene Faust und durch eigens organisierte Finanzierung.

Herr Paschulke_Börries und Micha beim Pizza essen; Foto: Melanie Meyer

Börries und Micha beim Pizza essen vor dem Auftritt. Foto: Melanie Meyer

Eine Pizzeria in Duisburg. Vor der Tür steht ein dunkelblauer Van, der schon mehr gesehen hat, als der „Witten-Herdecke“-Aufkleber an der Seitentür vermuten lässt. In der Pizzeria sitzen sechs Jungs und ein Mädel an einem langen Tisch. Sie essen Hawaii, Mageherita oder Proscuitto und unterhalten sich dabei über die Uni, Politik, Kultur – wie es ganz normale Studenten an einem Donnerstagabend tun. Doch dann fällt ein Satz, der aufhorchen lässt: „Als die Leute in Zagreb die Bühne stürmten – das hatte schon Rockstarfeeling.“ Niko, der angehende Arzt, bekommt für diesen Kommentar Zustimmung von Börries, dem größten Mann am Tisch. Wie dieser da so sitzt, mit seiner Bionade und einer vegetarischen Pizza, erinnert er an alles andere als an einen Rockstar.

Doch keine zwei Stunden später sieht das völlig anders aus. Da rocken Börries und seine Mitstreiter die Bühne des Djäzz-Clubs in Duisburg. Denn neben ihrem Studentendasein an der Privatuni Witten-Herdecke bilden Börries, Michael, Niko, Jakob, Tilman, Theo, Johannes und Ruth die Balkan-Ska-Band „Herr Paschulke“.

Die Wittener Band Herr Paschulke, Foto: Arne Poll

Die Wittener Band Herr Paschulke. Foto: Arne Poll

Herr Paschulke – der europäische Kulturnachbar

Herr Paschulke? Wer früher Fan der Kinderserie Löwenzahn mit Peter Lustig war, dem dürfte dieser Name tatsächlich etwas sagen. Paschulke war nämlich der übellaunige Nachbar des Herrn Lustig. „Der Urtypus des Deutschen“ formuliert es die Band auf ihrer Homepage. Aber, wie passt dieser deutsche Urtypus nun mit der Definition als Balkan-Ska-Band zusammen? Ganz einfach: Die Band schafft einfach einen neuen „Herrn Paschulke“. Einen Nachbarn, der die multikulturellen Elemente Europas vereint.

„Die deutsche Sprache geht in der Musik einfach gar nicht“, erzählt Frontmann Börries (27), „wir haben die sogenannte Zigeunerharmonie und Elemente der Polka für uns entdeckt.“ Auch, wenn die Balkansparte ziemlich überfüllt sei, versuchen die jungen Musiker, sich von der Masse abzuheben.

Herr Paschulke beim Auftritt; Foto: Melanie Meyer

Herr Paschulke beim Auftritt. Foto: Melanie Meyer

100 Prozent tanzbar und körperbetont

Bei der Verwirklichung eines einzigartigen Sounds spielt wiederum der dunkelblaue Van eine Rolle. Hier lagern vor dem Auftritt die Musikinstrumente: Trompete, Saxophon, Posaune, Percussion und natürlich die Klassiker Bass, Gitarre und Schlagzeug. Die Musik, die die Band macht, ist laut Börries „100 Prozent tanzbar und absolut körperbetont“.

Auf der Bühne zeigt er dann, wie das aussieht. Mit einer russischen Pelzmütze auf dem Kopf, einem weißen Hemd, knielangen, roten Basketballshorts und Turnschuhen versprüht er sofort gute Laune und reißt den kleinen Club in Duisburg mit. „There’s a short form for freedom: Dance!“, lautet Börries‘ Motto. Er selbst könnte sogar spontan seinen Namen tanzen. Denn Börries ist – ebenfalls Rockstar-untypisch – ehemaliger Waldorfschüler.

Textchaos, getanzte gute Laune und eindrucksvolle Musik

Herr Paschulke_Frontmann Börries in action; Foto:Melanie Meyer

Frontmann Börries in Aktion. Foto: Melanie Meyer

Auch wenn der Frontmann durch getanzte gute Laune das Publikum begeistert, seine Texte versteht kaum jemand. Denn Börries singt nicht nur auf Englisch, Italienisch und Spanisch, sondern auch auf Russisch, Jiddisch und manchmal sogar alles auf einmal. Warum er das kann? „Ich spreche nicht alle Sprachen fließend, aber Russisch habe ich in der Schule gelernt. Außerdem habe ich jüdische Vorfahren aus Russland – da tauchten bei uns immer mal ein paar jiddische Gesangsbücher auf“, so Börries. Aus den Feinheiten dieser Sprache hat er sich dann das Beste zusammengestellt. Herausgekommen sind Songs wie „Russian wedding“, „Freijlich“ oder „Chiflado mundo“.

„Wir wissen alle nicht so genau, was Börries da so singt“, erzählt Johannes, der Saxophonist, „Er hat uns zwar mal gesagt, was das bedeutet, aber der Text ist ja auch nur ein Bestandteil unserer Musik.“ Und die kann sich auch ohne den kuriosen Text sehen lassen. Die instrumentalen Parts geben der Paschulkschen Musik die charakteristische Dynamik.

Als die Bläser loslegen, kommt sofort Bewegung in den Club und die Finger von Gitarrist Micha scheinen nur so über die Seiten so fliegen. „Micha ist unser kreativer Kopf“, sagt Börries und gerät fast ins Schwärmen.

Herr Paschulke_Theo an der Trompete; Foto: Melanie Meyer

Herr Paschulke: Theo an der Trompete. Foto: Melanie Meyer

Am Tage Arzt, Rockstar in der Nacht

Doch die Musik ist nicht das einzige, was im Leben der 22- bis 28-Jährigen zählt. Vier von ihnen studieren Medizin, die anderen vier Philosophie und Kulturreflexion. „Wir haben echt krasse Leute dabei. Das erfordert eine gute Organisation, unser Probenplan ist bis September durchstrukturiert“, sagt Börries, der vor dem Auftritt ein T-Shirt mit dem Wittener Wappen trägt.

Doch die Strapazen nimmt die Band ohne Murren auf sich. So auch Theo: Er kommt an dem Abend des Auftritts etwas später in den Club – er steckt grad mitten in einem Klinikpraktikum. Während die anderen schon Bionade und Bier in 70er Jahre Stühlen schlürfen, checkt er den Sound seiner Trompete. Bei einer Cola berichtet er, wie ihn schon wieder ein Patient für einen Oberarzt gehalten hat. Von Aufregung vor dem Auftritt ist bei den Studenten nichts zu spüren.

Herr Paschulke_Ruth und Tilman backstage; Foto: Melanie Meyer

Ruth (Percussion) und Tilman (Posaune) chillen backstage. Foto: Melanie Meyer

Sound, der international ankommt

Kein Wunder, wenn man sich die Orte anguckt, an denen die Band schon gespielt hat. Neben etlichen Clubs in NRW haben sie Aufritte in Hamburg, dem „Juicy Beats“ in Dortmund, im Berliner „Hard-Rock-Café“ und dem dortigen „Kaffee Burger“ hingelegt. Vor allem auf den Auftritt in der Berliner Szenebar ist Börries stolz: „Das ist DER Club, wenn man in der Balkan-Szene unterwegs ist.“ Und sie haben es bereits geschafft. „Auch wenn wir sonst eher das Boybandpublikum bedienen“, sagt Gitarrenvirtuose Micha.

Herr Paschulke_Gitarren; Foto: Melanie Meyer

Guter, selbstgemachter Sound, der international ankommt. Foto: Melanie Meyer

Doch das intensivste Banderlebnis ist ein anderes: Die „East to West“-Tour, die sie 2010 durch Osteuropa bis nach Istanbul geführt hat. „Eigentlich wollten wir nur einen Bandurlaub machen“, erinnert sich Börries. Da Pécs, Istanbul und das Ruhrgebiet jedoch Kulturhauptstädte waren, wurde aus dem Urlaub kurzer Hand eine Tour.

Tour-Urlaub mal anders

Mit einem klassischen Ruhr-2010-Projekt hatte diese Bandreise jedoch nichts zu tun. „Wir haben keinerlei Fördergelder bekommen, ich habe einfach drauf los organisiert“, so Börries. Telefoniert hat er. Mit vielen, vielen Clubbesitzern in Ungarn, Bulgarien, Österreich, Kroatien, Serbien, der Schweiz und der Türkei. Am Ende stand ein Tourplan mit 19 Auftritten in acht Ländern zwischen September und Oktober.

Auch hier war der dunkelblaue Van mit dabei. Er brachte die acht – zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal in aktueller Besetzung unterwegs – unbeschadet durch ihr Abenteuer.

Das Logo der Band. Foto: Herr Paschulke

Das Logo der Band. Foto: Herr Paschulke

Kleine Pannen auf dem Weg zur großen Karriere

„Das war eine richtig geile Zeit“, schwärmt Niko. Und Johannes ergänzt: „Es war super zu sehen, wie gut unsere Musik auch in anderen Ländern angekommen wird und wie die Leute mit uns feiern.“

Ganz nebenbei hat die Band noch pünktlich zum Tourstart ihre erste und eigens produzierte CD auf den Markt gebracht. Dass einige der kyrillischen Buchstaben falsch übertragen wurden, fällt aber wohl nur Frontmann Börries auf.

Herr Paschulke_Bassist Niko; Foto: Melanie Meyer

"Eine geile Zeit!" - Bassist Niko über die Tour. Foto: Melanie Meyer

Auch bei der Organisation passierte die ein oder andere kleine Panne: „Ich habe mit einem Clubinhaber in Istanbul telefoniert der, zugegebener Maßen, sehr schlecht Englisch sprach. Er versicherte mir, dass wir auf jedem Fall bei ihm spielen könnten. Als wir dann nach gut einem Monat Tour in Istanbul ankamen, wusste er von nichts – also haben wir kurzer Hand auf der Straße gespielt“, erzählt Börries.

Auf der Straße, im Club aber niemals heimatlos

Auf der Straße spielen? Für „Herr Paschulke“ nichts Besonderes. „Das machen wir öfter. Natürlich in voller Besetzung. Und es ist der Wahnsinn, wenn die Leute stehen bleiben und sogar mittanzen“, so Börries. Am Ende fand die Band aber auch in Istanbul Obdach. „Wir spielten dann in einem Club, der einen deutschen Namen trug – nur falsch geschrieben. Er hieß ‚Haymatlos‘ „, erinnert sich Börries.

Herr Paschulke_Tanzende Fans; Foto: Melanie Meyer

Wenn Herr Paschulke auftritt, steht keiner mehr still. Foto: Melanie Meyer

Heimatlos – auch ein gutes Stichwort in Zusammenhang mit dieser Band. Fast alle, bis auf „Frau Paschulke“ Ruth die sich zwischen den Jungs pudelwohl fühlt, haben für das Studium ihre Heimat verlassen. „Aber die Musik bringt es ja auch irgendwie mit sich, dass man sich darauf einlässt überall zu sein“, sagt Börries.

Herr Paschulke hat somit rein gar nichts mit dem knurrigen typisch-deutschen Nachbarn zu tun, sondern ist vielmehr eine Band, die europäische Kultur lebt und dabei alles andere als heimatlos ist. Der Aufkleber auf dem Van ist der beste Beweis.

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