Wenn das Leben entgleist…

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Sie unterstützen Menschen mit sozialen Schwierigkeiten, Menschen in psychischen Krisen, aber auch Menschen, die einfach Hilfe beim Reisen brauchen – die Mitarbeiter der Bahnhofsmission. Auf 105 Bahnhöfen ist die christliche Hilfsorganisation deutschlandweit vertreten. Seit 1900 auch am Dortmunder Hauptbahnhof. Die 48-jährige Karin arbeitet hauptberuflich bei der Bahnhofsmission.  Doch für sie ist die Arbeit viel mehr als nur ein Job.

Kurz vor acht Uhr, der Geruch von frisch gekochtem Kaffee schwebt in der Luft. Es klopft an der Tür und zwei junge Männer schlürfen in ein kleines Zimmer herein. „Mojen zusammen“, sagen sie ganz selbstverständlich. Eine blonde Frau lächelt sie herzlich an. „Wollt ihr Kaffee, Tee oder eine heiße Brühe? Ich kann euch gerne etwas machen.“

Es wirkt wie ein Besuch in „Muttis guter Stube“. Ist es aber nicht. Außerhalb dieser kleinen Räumlichkeit läuft es chaotisch, hektisch und unpersönlich ab. Viele Menschen stoßen hier aufeinander – Bänker, Staatsanwälte, Sozialpädagogen, aber auch Menschen ohne Einkommen: am Dortmunder Hauptbahnhof. Mittendrin, am Gleis 2-5, die Bahnhofsmission und ihre Mitarbeiter.

Karin, 48 Jahre alt, ist Sozialpädagogin. Sie ist knapp 1,75 Meter groß, hat blonde, schulterlange Haare mit Pony und ein rundes Gesicht mit Brille. Die Sozialpädagogin ist eine von den fast 40 Mitarbeitern der Bahnhofsmission in Dortmund. Dreimal die Woche, je sechs Stunden, hilft sie mit. Sie ist stellvertretende Teamleiterin und hat seit Anfang 2016 eine Teilzeitstelle. Warum sie sich diesen Job ausgesucht hat? Weil sie die Arbeit mit Menschen liebe, weil sie Menschen ohne Zukunftsperspektiven unterstützen wolle und ihnen eine bessere Zukunft ermöglichen möchte, erzählt sie.

Ein Ort der Begegnung, Wärme und Ruhe

Die zwei jungen Männer setzen sich an den eckigen Holztisch und schlürfen ihren Kaffee, den Karin ihnen gerade gemacht hat. Sie sind die ersten, die an diesem Morgen zur Bahnhofsmission kommen. Der Zug, der durch das Fenster gegenüber zu sehen ist, fährt gerade ab. Das Rauschen der rollenden Zugräder ist in der Bahnhofsmission ein ständiges Hintergrundgeräusch. Die Männer wärmen ihre frierenden Hände an den Kaffeetassen und fühlen sich sichtlich wohl in dem kleinen, gemütlichen Räumchen. Alles ist sehr herzlich eingerichtet: helle Wände mit fröhlichen Bildern, auf den Fensterbänken stehen bunte Blumen. Warme Luft erfüllt den Raum.

In der Missionsstation gibt es noch weitere Räume: ein kleines Arbeitszimmer und ein Büro mit eingebauter Küche für die Mitarbeiter. „Die Bahnhofsmission ist vor allem für viele Obdachlose ein Ort, an dem sie sich willkommen fühlen. Wir bieten ihnen pro Schicht ein warmes und ein kaltes Getränk an”, sagt Karin.  Besonders im Winter kämen viele vorbei, um sich aufzuwärmen. 60 Leute gingen täglich ein und aus.  Manche blieben nur kurz, um etwas zu trinken, andere länger. „Manche brauchen einfach jemanden, der zuhört.”

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Helfen in Not – das ist die Motivation, die Karin und ihre Arbeitskollegen antreibt. Sie stehen Menschen mit sozialen Schwierigkeiten und Menschen in psychischen Krisen bei. Sie unterstützen aber auch Menschen, die einfach Hilfe beim Reisen brauchen. Bei Anfragen holen sie Reisende vom Gleis, unterstützen sie beim Ein- und Umsteigen, geben ihnen Auskunft und helfen bei der Verständigung. Die Bahnhofmissionen unterstützen besonders oft Leute mit Behinderungen –  sehbehinderte Menschen oder Rollstuhlfahrer.

Karin übernimmt heute zusammen mit Juan und zwei weiteren Mitarbeitern die Frühschicht. Juan ist seit September ehrenamtlicher Mitarbeiter beim Bahnhofssozialdienst. Hauptberuflich ist der 35-Jährige Musiker. Die erste Schicht geht von 8-14 Uhr. Für die nächste Schicht, von 14-20 Uhr, kommt ein neues Team. Bei jeder Schicht sind mindestens zwei Mitarbeiter im Dienst. Schüler, Studenten, Arbeitende oder Rentner – bei der Bahnhofsmission arbeiten rund 2.400 Menschen deutschlandweit. Für die Haupt- und Ehrenamtlichen steht vor allem eines im Vordergrund: gute Teamarbeit – Hand in Hand anderen helfen.

Karin und Juan machen sich für den gemeinschaftlichen „H-Dienst“ fertig. „H-Dienst“ bedeutet „Hinausreichender Dienst“. Hinausreichend, weil Hilfe und Beratung nicht nur in der Missionsstation angeboten wird, sondern auch auf dem gesamten Bahnhof. Zwei mal pro Schicht gehen die Mitarbeiter über den Bahnhof. „Bei den H-Diensten gucken wir, ob jemand Hilfe benötigt. Meistens handelt es sich dabei nur um kleinere Sachen: die Tasche tragen oder den Fahrkartenautomaten bedienen“, sagt Karin während sie in ihre blaue Jacke schlüpft, auf der groß gedruckt „Bahnhofsmission“ steht. 

Ursprünglich für Frauen gegründet

Draußen regnet es, es ist kalt und nass. Als erstes geht es Richtung „Nordausgang“. Der Bahnhof ist überfüllt, Menschen eilen zu den Zügen. Dennoch heben sich die beiden Mitarbeiter der Bahnhofsmission von der Menschenmasse durch ihre auffälligen, blauen Jacken und ihr freundliches Lächeln ab.

Eine junge Frau kommt auf Karin und Juan zu. „Entschuldigung, ihr seid doch von der Bahnhofsmission? Wo genau kann ich euch finden?“ Karin und Juan erklären ihr den Weg zu Gleis 2-5.

Viele Frauen suchen bei der Anlaufstelle Rückhalt. Die erste Bahnhofsmission – 1894 in Berlin gegründet – wurde ursprünglich eingerichtet, um hauptsächlich Frauen Schutz und Hilfe zu bieten. Dieses Angebot wird heute noch von vielen Frauen, die beispielsweise Angst vor ihren Männern haben, genutzt. Sie werden an soziale Beratungsstellen oder an Frauenübernachtungsstellen weitergeleitet.

Vom Nordausgang geht es quer durch den sich etwas leerenden Bahnhof hin zum Haupteingang. „Gerade an den Ausgängen sitzen oft Obdachlose und unterschiedliche Gruppen. Wir werden nicht immer angesprochen, aber viele kennen uns und wissen, dass sie zur Missionsstation kommen können, wenn sie ein Anliegen haben“, erzählt Karin.

Die Arbeiter der Bahnhofsmissionen haben auch schon vielen reisenden Kindern geholfen: „Seit 2003 bieten wir in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn „Kids on Tour“ an – eine Kinderbetreuung im Zug, freitags und samstags. Das Angebot ist für sechs bis 15-Jährige. Wir bringen die Kids zum Zug, während der Fahrt werden sie von einem Mitarbeiter begleitet.“

Es sind die kleinen Erfolge, die zählen

Zurück in der Missionsstation macht Juan frischen Kaffee für weitere Besucher und Karin kümmert sich um das überfüllte Postfach. Neben Sozialarbeit, H-Diensten und Reisehilfen ist sie vor allem für die Organisation der Bahnhofsmission verantwortlich. Sie nimmt Anrufe entgegen, kümmert sich um Reisehilfeanträge oder Anfragen zu „Kids on Tour“.

Für die Menschen, die bei der Bahnhofsmission tätig sind, bedeutet zuverlässiges Arbeiten, mit vollem Herzen dabei zu sein. Für sie ist es mehr als nur ein simpler Job. Denn bei der Arbeit in der Bahnhofsmission steht nicht das Geld oder die Anerkennung im Vordergrund. Es sind die kleinen Erfolge, die die Arbeit so besonders machen. Das ist die Motivation, die Karin Tag für Tag antreibt.

Bilder: Sophia Averesch

Ein Beitrag von Sophia Averesch und Kathi Liesenfeld

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