Socken stricken

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Dicke Bücher belasten den Rücken, im Kino zahlt man für Überlänge drauf. Zeit ist Geld – im wahrsten Sinne. Wofür also die knappe Freizeit verwenden? Wir lesen, spielen und schauen für euch – nach zwei Stunden hören wir auf. Entweder, weil wir fertig sind oder weil die Zeit um ist. Heute stricken wir Wollsocken selber. Der Wecker ist gestellt, los geht’s: 

Schnelldurchlauf

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Fünf Holznadeln und Wolle, mehr braucht es nicht

Die Nadel durch die Masche, den Faden holen, durch die Schlaufe ziehen, alte Masche abstreifen. Nächste Masche. Parallel ein Hörbuch hören, die Lieblingsserie einschalten, sich unterhalten oder einfach nur entspannen. 

Eigentlich ist Stricken gar nicht so schwer, und es macht sogar Spaß. Hat man die Grundbewegung erst mal drauf, hat es fast schon was meditatives. Man kann entspannt auf dem Sofa sitzen und über Gott und die Welt nachdenken, während die Händen arbeiten. 

Bevor man den Dreh raus hat ist es allerdings, zugegeben, etwas nervenzermürbend. Man lässt Maschen fallen, hält plötzlich eine maschenlose Nadel mehr in der Hand als es geben dürfte oder bekommt den blöden Faden nicht durch die viel zu enge Schlaufe. 

Nach zwei Stunden habe ich es aber endlich verstanden und immerhin schon etwas mehr als das Bündchen der ersten Socke fertig. Das ist zwar nicht viel, aber der Stolz und die Vorfreude, irgendwann eine selbstgemachte Wollsocke am Fuß tragen zu können, wiegen das locker wieder auf.   

Kurzweilig

Nach den ersten zwei Runden strickt es sich sehr viel leichter. Mit jeder neu gestrickten Masche füllt sich der persönliche Wohlfühltank. Vor allem in einer gemütlichen Strickposition mit Blick aufs nass-kalte Wetter und einer Tasse Tee fühlt man sich schnell als säße man auf einer verschneiten Berghütte am Kamin. Und das in einem Mehrfamilienhaus in Dortmund Hörde.  

In Wirklichkeit waren es nur zwei Stunden auf meinem Sitzsack mit einem spannenden Hörbuch. Eigentlich müsste ich ein schlechtes Gewissen haben, weil ich faul rumgesessen und nicht für die nächste Klausur gelernt habe. Stattdessen fühle ich mich entspannt und produktiv zugleich. Und ich halte die ersten fünf Zentimeter meiner selbstgestrickten Wohlfühlsocke in den Händen. 

Langatmig

Aller Anfang ist schwer: Das Maschenaufnehmen war nicht so meine Stärke. Nach sechs Fehlversuchen musste ich mir die Technik nochmal auf einem Youtube-Video ansehen, zog die Maschen dann aber viel zu fest um die Nadeln. Deshalb wurde die erste Runde zu einem Kraft- und Konzentrationsakt. Nicht nur, dass ich kaum mit der Stricknadel durch die engen Maschen kam,  sie lagen auch so dicht beieinander, dass ich Mühe hatte, keine zu verlieren. Das Resultat nach einer Dreiviertelstunde: Zwei viel zu eng gestrickte Reihen und Krämpfe in den Fingern. 

Momentaufnahme

Eine dichte Wolkendecke am Himmel, Nebel in den Baumwipfeln. Langsam fängt es an zu regnen. Ich habe mich in eine Decke gekuschelt, sitze auf meinem riesengroßen Sitzsack am Fenster und höre Inferno von Dan Brown. Ich bin in der vierten Strickrunde, langsam beginnt das Fadengewusel um die vier Holznadeln Form anzunehmen. Und ich hab endlich raus, wies funktioniert. Zumindest bis zur Ferse muss ich mir also keine Gedanken mehr machen und kann entspannt weiter stricken, während der Sprecher erzählt, wie Professor Langdon die Welt rettet. 

Zeit um

Die ersten Zentimeter der selbstgemachten Socke

Die ersten Zentimeter der Wollsocke

… und es ärgert mich fast, eine Pause einlegen zu müssen. Ich war gerade so im Fluss! 

Begutachtet man mein Zwischenprodukt, fallen direkt zwei grobe Verstricker auf. Auch die Maschengröße variiert leicht, man sieht, wann ich fester und wann ich lockerer gestrickt habe. Sogar meine energische „Das soll jetzt verdammt nochmal funktionieren!“-Zeit am Anfang kann man an der Socke ablesen, denn die Maschen sind hier viel kleiner, fester und der Faden von den Fehlversuchen etwas ausgefranst. 

Besser alles aufribbeln und nochmal neu starten? Auf keinen Fall! Dieser Socke wird man später ansehen, dass ich sie selbst gemacht habe. Man wird sogar an ihr ablesen können, dass ich von Runde zu Runde besser geworden bin. Vermutlich wird sie die erste und einzige Socke sein, die ich voll Stolz tragen werde. 

Bei der nächsten längeren Zugfahrt oder dem nächsten freien Tag werde ich also in jedem Fall weiter stricken. Im nächsten Winter gibt es für mich keine kalten Füße, so viel steht fest. Und vielleicht schaffe ich es sogar, für einige Freunde und meine Familie ein paar Socken zu machen. Schließlich ist etwas Selbstgemachtes unterm Tannenbaum, das nützlich ist und in das man Zeit und Arbeit gesteckt hat, nicht die schlechteste Art „Ich liebe dich“ zu sagen.

Teaserbild: Jasmin Assadsolimani
Beitragsbilder: Marie-Louise Timcke