Outing für mehr Toleranz

Mit Respekt, Lob und Anerkennung haben ehemalige Teamkollegen, Politiker und Funktionäre auf das Coming-out von Ex-Fußballprofi Thomas Hitzlsperger reagiert. Dem 31-Jährigen geht es darum, anderen Sportlern unter die Arme zu greifen. „Ich hoffe, dass ich mit diesem Schritt in die Öffentlichkeit jungen Spielern und Profisportlern Mut machen kann“, sagte Hitzlsperger der Zeitung „Die Zeit“. „Profisport und Homosexualität schließen sich nicht aus.“

Foto: knipseline  / pixelio.de Teaserbild: manwalk  / pixelio.de

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Dass Deutschlands Fußballstadien immer noch viel zu sehr von Homophobien, also von Feindseligkeiten gegenüber Homosexuellen, geprägt sind, davon ist Susanne Hildebrandt von der Koordinierungsstelle für Lesben, Schwule und Transidente von der Stadt Dortmund überzeugt. „Die Homophobie hat sicherlich etwas mit der Fankultur im Fußball zu tun“, sagt sie. Dort stehe es an der Tagesordnung, jemanden von der gegnerischen Mannschaft abzuwerten. Fans seien häufig darauf aus, gerade Schwächen des Gegners zu suchen und entsprechend zu pöbeln. „Und ‚Homosexuell‘ ist dort ein Schimpfwort mit sehr starker Wirkung.“ Außerdem würden Schwule in vielen Köpfen das Klischee vom verweichlichten Schwulen, was nach deren Meinung wohl nicht mit dem harten Männersport Fußball vereinbar sei.

Auch Hitzlsperger kann sich an Vorurteile dieser Art erinnern: „Ich habe es ab und zu erlebt, wenn es darum ging, einen ’schwachen Pass‘ zu umschreiben. Da sagte man ganz gern mal ‚ein schwuler Pass‘. Man denkt, schwul sei weich, schwach. Das traf auf mich nicht zu. Ich war bekannt für einen harten Schuss und ein gutes Passspiel“, so Hitzlsperger in einer Videobotschaft auf seiner Internetseite.

Homosexualität ist auch abseits des Fußballplatzes häufig noch ein Tabuthema

In vielen Bereichen – nicht nur im Profifußball – ist Homosexualität nach wie vor ein Tabu-Thema. Überraschend: „Vor allem unter Jugendlichen nimmt Homophobie zu“, weiß Hildebrandt. Das macht es jungen Menschen dann erst Recht schwer, sich zu outen. „Die meisten Jugendlichen machen dann auch schlimme Erfahrungen mit Mobbing.“ Hildebrandt zufolge sollen sie sich dann an Beratungsstellen in ihrer Stadt wenden: „Dort wird ihnen gezeigt, dass sie nicht ein Kreis unter lauter Vierecken sind.“ Die Tolerantesten Homosexualität gegenüber seien im Übrigen Menschen zwischen 25 und 45 Jahren.

Als ein „tolles Signal“ bewertet Carsten Bock das Outing von Hitzlsperger. Der Bundesvorsitzende für Schwule und Lesben in der Dienstleistungsgewerkschaft verdi hofft nun auf einen positiven Effekt auf deutsche Betriebe. „Es gibt keine offen lebenden Vorstände in größeren Unternehmen“, sagt Bock. „Bis heute ist es für einen Vorstand in einem Dax-Unternehmen ein Todesurteil, sich zu outen.“ Insofern sei die Beispielwirkung des Hitzlsperger-Outings wichtig für Firmen und deren Vorstandsetagen.

Werden sich nun auch weitere homosexuelle Studenten der TU Dortmund trauen, sich zu outen? Sebastian Horstmann vom Schwulenreferat ist sich da nicht so sicher: „Das ist ganz unterschiedlich und hängt meist von der Person selber ab. Die Erfahrung zeigt, dass es einigen leichter fällt und anderen schwerer.“ Selbstbewusstsein und die eigene Offenheit würden eine große Rolle spielen. Generell sei aber zu beobachten, dass es ausländischen Studenten oder welchen mit Migrationshintergrund aufgrund ihrer Erziehung oder ihres Umfeld schwerer fällt, ihre Neigungen offen auszuleben.

 

Hitzlsperger hatte als erster prominenter deutscher Fußballer in einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ öffentlich erklärt, schwul zu sein. In einer Videobotschaft auf seiner Internetseite fand Hitzlsperger, dass inzwischen junge Spieler, „die sich viel früher im Klaren sind über ihre Neigungen“, darüber sprechen könnten. Er selbst hatte sich erst nach einem „langwierigen Prozess“ und nach dem Karriereende 2013 öffentlich geäußert. Der Zeitpunkt seines Coming-outs sei für ihn und seine Familie nie wichtig gewesen. „Wichtig ist es nur für die Leute, die homophob sind, andere ausgrenzen aufgrund ihrer Sexualität – und die sollen wissen: Sie haben jetzt einen Gegner mehr.“

Foto: Nils Fabisch  / pixelio.de

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Für sein Coming-out erntete er viel Anerkennung aus den unterschiedlichsten Bereichen wie Sport, Gesellschaft und Politik. Darunter Regierungssprecher Steffen Seibert, der mitteilte: „Es ist gut, dass er über etwas spricht, das ihm wichtig ist und was ihn möglicherweise auch befreit. Wir leben in einem Land, in dem niemand Angst haben sollte, seine Sexualität zu bekennen, nur aus Angst vor Intoleranz. Wir haben als Land, als Gesellschaft im vergangenen Jahrzehnt gerade auf diesem Gebiet doch enorme Fortschritte gemacht. Fußballer beurteilen wir danach, ob sie sich auf dem Platz und abseits des Platzes gut und würdig verhalten, und ich glaube, das trifft beides für Herrn Hitzlsperger zu.“ Auch frühere Mitspieler wie Lukas Podolski („Mutige und richtige Entscheidung“) oder Arne Friedrich („Bin stolz auf dich“) äußerten sich zum Coming-out. Sogar der englische Premierminister David Cameron meldete sich zu Wort. Er twitterte als Fan von Hitzlspergers ehemaligem Club Aston Villa: „Ich habe immer bewundert, was Thomas Hitzlsperger auf dem Feld geleistet hat – aber heute bewundere ich ihn noch mehr.“

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