Duell am Donnerstag: Ist die Schumi-Berichterstattung gerechtfertigt?

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In letzter Zeit werden viele Medien für eine zu umfangreiche Berichterstattung über Michael Schumachers schweren Skiunfall kritisiert. Das Thema Schumacher sei viel zu dominant und würde zu boulevardesk gehandhabt. Der Tagesschau-Chefredakteur Dr. Kai Gniffke sah sich sogar dazu veranlasst, das Vorgehen in einem Blog zu verteidigen. Welcher Weg ist der Richtige? Unser Duell am Donnerstag zwischen der Kritikerin Pia Lisa Kienel und dem Befürworter Hendrik Pfeiffer.

pro

„Wenn zwei Menschen das Gleiche tun, ist es nicht das Gleiche“, bringt es der Chefredakteur der Tagesschau Kai Gniffke auf den Punkt. Es ist aus Sicht vieler Außenstehender eben doch etwas Anderes, wenn anstelle eines „Normalbürgers“ ein absoluter A-Promi wie Schumacher einen schweren Skiunfall erleidet. Warum? – Weil extrem viele Menschen Interesse an der Person Michael Schumacher haben und das nicht nur innerhalb der Landesgrenzen. Kritiker werden bemängeln, dass Schumacher keine tragende Rolle im Staat hat und sein Unfall deswegen nicht besonders relevant für die Öffentlichkeit ist. Doch man sollte eingestehen, dass eine umfangreiche Berichterstattung durch seine außergewöhnlich hohe Popularität auf genug Interesse stößt, um den Aufwand zu rechtfertigen.

Die Fans leiden mit

Denn Schumacher verkörpert in den Augen vieler nicht nur Werte, wie Erfolg, Perfektion und Fleiß, sondern übernimmt dadurch für sehr viele Menschen eine Vorbildfunktion. Zu einem Vorbild baut jeder zwangsläufig eine gewisse Bindung oder zumindest ein gesteigertes Interesse auf. Somit betrifft sein Schicksal indirekt auch einen breiten Teil der Bevölkerung, der so einen Bezug zum Autorennstar „Schumi“ hat. Diesen Menschen gegenüber haben Journalisten eine Pflicht, sie mit wichtigen Informationen über ihr Vorbild zu versorgen. Dabei sind Meldungen über seinen Gesundheitsstand völlig legitim und haben mit dem oft gehörten Vorwurf einer „boulevardesken Berichterstattung“ nichts zu tun.

Darüber hinaus hat „Schumi“ mit seinen herausragenden Erfolgen auch eine repräsentative Rolle für das ganze Land. Er ist ein Deutscher, der auf internationaler Ebene beachtlichen Erfolg hatte und auch im Ausland ein geschätzter Mensch ist. Nicht umsonst nehmen in ganz Europa Schumacher-Anhänger Anteil an seinem Schicksal. In dieser exponierten Rolle kann man eine seriöse, aber trotzdem umfangreiche Berichterstattung durchaus rechtfertigen.

Nicht zu unterschätzen ist auch, dass sein Schicksal mehr Menschen vor Augen führt, wie wichtig eine Helmpflicht auch bei geringen Geschwindigkeiten ist. Wenn selbst ein – subjektiv gesehen – absoluter Siegertyp und körperlich fitter Mensch wie Schumacher nur durch seinen Helm überleben konnte, mahnt diese Tatsache viele Menschen zu mehr Vorsicht. Die Wirkung ist deutlich stärker, als bei einem unbekannten Menschen, zu dem die Distanz deutlich größer ist.

Sachliche Berichterstattung ist gefragt

Wie ich schon angedeutet habe, rechtfertigt dies aber nur eine sachlich-seriöse Berichterstattung. Bei Spekulationen und sensationslustigen Nachrichten ist die Grenze zum Boulevard überschritten. Es ist also höchst verwerflich, wenn das gesteigerte Interesse an der Person Michael Schuhmacher für Versuche der Quotensteigerung ausgenutzt wird. Außerdem müssen die seriös arbeitenden Medien darauf achten, den Wert der Informationen über Schumacher richtig einzuordnen. Sollten für das Land relevante oder andere wichtige Nachrichten anliegen, muss das Thema Schumacher zurückgezogen werden. Es wäre nicht fair, das persönliche Interesse vieler Fans über national oder international bedeutende Neuigkeiten zu stellen. Da laut Tagesschau-Chefredakteur Kai Gniffke zur Zeit eher „nachrichtenschwache Tage“ sind, ist die umfangreiche Berichterstattung nicht nur völlig legitim. In Anbetracht des hohen öffentlichen Interesses und der persönlichen Anteilnahme weltweit ist sie sehr erstrebenswert.

contra

Ich sehe ihn auf den Titelseiten der großen deutschen Tageszeitungen, ich höre seinen Namen, sobald ich das Radio im Auto auf dem Weg zur Uni einschalte und ich komme auch beim Zappen durch die Fernsehprogramme nicht um ihn herum: Michael Schumacher. Siebenmaliger Formel1-Weltmeister und einer der größten deutschen Sportler überhaupt.

Zweifelsfrei, was ihm passiert ist, ist schlimm. Aber müssen die Medien deshalb 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche über dieses Thema berichten? Ich kann zwar verstehen, dass „Schumi“ für einige Menschen ein Held und in gewisser Weise auch ein Vorbild geworden ist. Trotzdem lautet meine Antwort ’nein‘.

Überzogene Berichterstattung

Fangen wir mal von vorne an: Nach Bekanntwerden des schweren Unfalls dauerte es keine zehn Minuten, bis die ersten Sondersendungen im Fernsehen zu sehen waren. Auch die Nachrichten wurden von dieser Meldung dominiert. Doch was wusste man überhaupt zu diesem Zeitpunkt? Nicht viel! Lediglich das grobe Geschehen konnte aufgezeigt werden. An sich natürlich definitiv eine Meldung wert, aber muss es gleich in eine aufgeblasene Berichterstattung ausarten? Es gab schließlich zu diesem Zeitpunkt noch keine konkreten Informationen zu seinem Gesundheitszustand. Und trotzdem folgte unverzüglich auf die Nachrichten ein Interview mit einem Arzt, der weder vor Ort war noch Einsicht in irgendwelche Akten hatte, der den Unfall medizinisch einordnen sollte und direkt danach über Heilungschancen und Folgeschäden aufklärte. Und das alles vor der eigens dafür einberufenen Pressekonferenz, auf der die verantwortlichen Ärzte erstmals Stellung nahmen.

Dort verkündeten die Ärzte, dass der Gesundheitszustand „kritisch, aber stabil“ sei. Diese wenigen Informationen wurden dann in den unterschiedlichsten Formulierungen durch die Medien verbreitet, mal zugespitzt, mal nüchtern. Da sich dieser Zustand fünf Tage lang nicht geändert hat, gab es in dieser Zeit auch keine Neuigkeiten zu verkünden. Trotzdem wurde munter weiter getickert und berichtet. An der Seriosität einiger Berichte darf dabei gerne gezweifelt werden, denn meistens stehen bei einem so prominenten Beispiel vor allem die Quoten und die Klick-Zahlen im Vordergrund. Dabei gehen Einige sogar so weit, dass sie sich mit allen Mitteln in das Krankenhaus schmuggeln wollen. So versuchte es beispielsweise ein als Pfarrer verkleideter Journalist.

Privatsphäre achten

Doch wer denkt bei der ganzen Berichterstattung eigentlich an Michael Schumacher und vor allem an seine Familie? Keiner! Die Kamera-Teams und Redakteure vor Ort stehen unter Druck. Die Chefredakteure verlangen neue Informationen und Bilder von ihnen. Die Belagerung vor dem Krankenhaus ging mittlerweile so weit, dass sich Corinna Schumacher persönlich mit der Bitte um Privatsphäre an die Journalisten wandte.

Und doch spätestens ab diesem Punkt sollten auch alle Fans Verständnis für diese prekäre Situation haben. Sachlich aufbereitete Informationen und neue Erkenntnisse: ja. Sondersendungen und boulevardeske Nebensächlichkeiten: nein.

Denn was man trotz aller Tragik nicht vergessen darf: Auch das tagesaktuelle Geschehen geht weiter. Die Einwanderungsdebatte in Europa oder Politikerwechsel in die Wirtschaft sollten nicht untergehen, weil der zehnte ‚Experte’ sein Statement zum Fall Schumacher abgeben möchte.

 

das-duell-feeder Foto: stockxchng/bizior, Teaserfoto: S. Hofschlaeger / pixelio.de, Montage: Steinborn/Schweigmann

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