Musik-Streaming: Wer hat etwas davon?

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Oldschool oder digital? Musik hören die meisten heutzutage im Netz. Bildrechte: flickr.com/Tekke

Jetzt auch noch Soundcloud: Neben Spotify, Napster, Apple Music und Amazon Music Unlimited startet jetzt auch der in Stockholm gegründete Online-Musikdienst Soundcloud einen Streamingdienst in Deutschland. Soundcloud Go bietet den Nutzern seit wenigen Tagen 135 Millionen Songs an. Damit will Soundcloud sich von der etablierten Konkurrenz abheben, die in der Regel zwischen 30 und 40 Millionen Tracks anbietet. Aber auch Soundcloud wird auf eine geringe Bezahlung der Künstler setzen müssen, um konkurrenzfähig zu sein. Doch das ist das größte Problem in Sachen Streaming-Dienste, wenn man den Stars glaubt. 

Nach Songs von Taylor Swift, den Toten Hosen oder den Ärzten kann man beim Marktführer Spotify lange suchen. Denn manche Musiker sehen es nicht ein, ihre Musik kostenlos anzubieten. Spotify-Nutzer können sich neben dem Monatsabo auch für eine – wohlgemerkt mit Werbung vollgepackte – Gratis-Version des Streaming-Riesen entscheiden. Dadurch generiert Spotify keine Einnahmen. Taylor Swift kommentierte ihren Spotify-Boykott in einem Artikel des Wall Street Journal: Die 26-jährige ist der Meinung, dass Musik eine Kunstform ist, die es nicht für Lau geben darf. 

Und wer verdient jetzt an Streaming-Diensten?

Reich werden können Künstler durch Spotify jedenfalls nicht. Einer Recherche des französischen Produzentenverbandes Syndicat National de l’édition Phonographique (SNEP) zufolge erhalten die Musiker nur etwa 68 Cent an einem monatlichen Spotify-Abonnement für 9,99 Euro. Die Angaben beziehen sich zwar auf den französischen Musikmarkt, seien aber laut Guillaume Leblanc, dem Generaldirektor von SNEP, mit dem deutschen Markt vergleichbar. Die Werte wichen auf dem deutschen Markt nur aufgrund der höheren Mehrwertsteuer auf Musiktitel leicht ab.

 

Trotz der geringen Einnahmen helfen Streaming-Dienste aber gerade kleinen Musikern, bekannt zu werden. Gerade deshalb ist diese Option für viele vor allem am Anfang ihrer Karriere unersetzlich.

Streaming als Chance für kleine Bands 

Die norddeutsche Band Leoniden nutzt die Möglichkeit, ihre Musik bei den bekannten Streaming-Anbietern zu veröffentlichen. Gitarrist Lennart ist niemandem böse, der sich die Musik der fünf Kieler in der kostenlosen Version anhört: „Ganz im Gegenteil, es ist cool, wenn wir gehört werden und durch Streaming an Bekanntheit gewinnen.“ Hinter Leoniden steht kein Label, die Jungs müssen sich auf eigene Faust vermarkten und dazu nutzen sie eben auch Streaming-Dienste. „Wir verdienen nicht viel damit, aber 200.000 Streams unseres bekanntesten Tracks „1990“ ist für uns eigentlich eine astronomische Zahl!“, sagt Lennart. Es ist schwer für ihn, sich vorzustellen, dass so viele Leute einen Song von ihm und seinen Bandkollegen gehört haben. Auch wenn die Band nicht viel am Streaming verdient, ist es für sie der beste Weg ihre Musik in der heutigen Zeit zu verbreiten. 

„Neben den digitalen Songs verkaufen wir unser Debüt-Album, welches im Februar 2017 erscheint, parallel auch auf CD und Vinyl“, sagt Gitarrist Lennart. Er selber ist Verfechter des Vinyl-Trends.

Hat die CD ausgedient?

„Seitdem die Streaming-Dienste im Angebot sind, gehen die CD-Verkäufe ganz klar zurück, keine Frage“, sagt Manuel Deinert von andrä Musik-Filme-Games in Dortmund. Gerade die junge Zielgruppe greife immer weniger zur CD und habe keinen Bezug mehr zu dem reflektierenden Tonträger. Doch ganz so negativ müsse man die aktuelle Veränderung auf dem Musikmarkt nicht sehen: „Das ist ein zweigleisiger Prozess – natürlich gehen die CD-Verkäufe stark zurück, aber dafür greifen die Kunden immer häufiger zu der Vinyl, die in dieser digitalen Zeit offensichtlich immer mehr an Charme gewinnt“, sagt Deinert. 

Vinyl ist auch für Lennart von Leoniden romantischer als die CD, macht ihnen beim Auflegen wesentlich mehr Spaß machen und ist musikalisch für die Band gerade im Gegensatz zu den Streaming-Sons ein großer Qualitätsunterschied. „Für uns als kleine Band stehen aber eher die Konzerte im Vordergrund – hier begegnen wir den Leuten und haben auch finanziell mehr davon, als von den Streams unserer Songs“, sagt Lennart, der sich von den CDs größtenteils verabschiedet hat, während auch er die Vinyl für sich entdeckt hat. Zwar dürfen die Fans ruhig streamen, aber: „Wir freuen uns sehr, wenn unsere Musik so gekauft wird, weil die Leute dann noch was in der Hand haben.“, sagt Lennart.

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Leoniden – Band und eigenes Label zugleich (Foto: Robin Hinsch)

Am Ende profitiert die Musikbranche

Um 4,6 Prozent verbesserte sich der Gesamtumsatz der Musikbranche 2015 im Vergleich zum Vorjahr. Einen Anstieg verzeichnet der Bundesverband Musikindustrie (BVMI) schon seit drei Jahren. Der Umsatz aus dem Streaming-Angebot hat sich mehr als verdoppelt und kompensiert so den Rückgang der CD. Nils Wlömert vom Institut für Interactive Marketing & Social Media der Wirtschaftsuniversität Wien und Dominik Papies von der Universität Tübingen haben in einer Studie mit rund 2700 Probanden herausgefunden, dass Nutzer, die vor der Streaming-Zeit nur Radio hörten, vereinzelt zu Abo-Kunden und so zu aktiven Nutzern wurden. Der Anteil, den Spotify so mobilisieren konnte, sei allerdings nur minimal. Im Gegenzug würden die Nutzer der kostenlosen Version zehn Prozent weniger für Musik ausgeben, als vor der Nutzung von Spotify. Lediglich die Abonnenten des Premium-Abos für 9,99 Euro kompensieren den Rückgang des Verkaufs von Musik durch den Kauf von CDs und Schallplatten sowie Downloads. Somit kommen die beiden Forscher zu einem gemischten Fazit für Spotify. 

Für kleine Bands ohne Label – wie Leoniden – können Streaming-Dienste ein gutes Sprungbrett sein, für Anbieter wie Manuel Deinert bleibt die Hoffnung in die Schallplatte, wenn die CD-Verkäufe aufgrund von Streaming-Diensten zurück gehen. Für Taylor Swift und die Ärzte mag Spotify ausbeuterisch sein. Doch ob solche Musik-Größen noch auf die Streaming-Einnahmen angewiesen sind, ist mehr als fraglich. Für die Streaming-Nutzer war es aber nie einfacher Musik zu genießen. Ob sie nun dafür bezahlen oder nicht.