Die Grobschlechtige

Immer noch leicht fiebrig stieg ich in die U35. Meine einzige Hoffnung war eine Packung Antibiotika und ein ungewollt geschüttelter Kaffee im Thermobecher in meiner Tasche. Dann fiel mir zu allem Übel wieder ein, dass erst Dienstag ist. Schlimmer konnte es diese Woche eigentlich nicht mehr werden.

anne-k-dote-logoFür das Antibiotikum musste ich am Vortag zum Arzt. Als Student ist man normalerweise gesetzlich krankenversichert und dazu verdammt, ewig zu warten. Das Warten an sich konnte ich mit unberührten Kreuzworträtseln überbrücken. Nach dem vierten Klatschblatt ließ meine Konzentration nach. Ich begann, mir die Umgebung anzusehen. Leider. Denn dort stand sie: Die Grobschlechtige.

Eine Frau – zumindest ließ ihr Namensschild darauf schließen – welche vielleicht besser hinter einer Metzgertheke aufgehoben wäre. Sie war nicht fett, jedoch unförmig und ein wenig außerhalb normaler Dimensionen. Warum also grobschlechtig und nicht grobschlächtig? Diesen Begriff habe ich von einem Politik-OAW-Studenten gelernt. Damals erklärte er mir, wie eine Kollegin im asiatischen Möbelhaus auftritt. Eine grobschlechtige Person ist demnach ein verbal und manuell grobmotorischer Zeitgenosse, welcher Meinungen oder andere Menschen nicht respektiert oder akzeptiert - quasi von Grund auf schlecht ist. Nichtmal ansatzweise tolerant. Freundlichkeit dient dem Egoismus, wenn die Autorität größer als der Mut seiner selbst ist. Manche nennen diesen Schlag Mensch auch „Bölkender Dorftrampel“, aber das wäre ein längerer Begriff für mich - und ich bin bekanntlich faul.

Bis gestern war ich froh, keine dermaßen offensichtlich grobschlechtige Person kennengelernt zu haben. Irgendwann ist bekanntlich immer das erste Mal. Im Wartezimmer stieg das Gefühl in mir auf, dass ich ohne diese Grobschlechtige vielleicht schon längst außerhalb dieser vier Wände und mit hoffentlich wirkungsvollen Medikamenten wäre. Aber es half alles nichts - ich war noch im Wartezimmer.

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Auch an der Universität finden sich kreative Versuche, einen Ausweg zu finden. Foto: Anne K. Dote

Meine Faszination war so erschreckend penetrant, dass ich anfing, mir Kinderbücher anzuschauen. „Such Tim“ half nicht wirklich, weil dieser Tim auf jeder Seite an der gleichen Stelle war - nur in verschiedenen Größen. Bestimmt hat jemand dieses Buch erstellt, dem es egal ist, wie langweilig selbst Kinder das finden könnten. Ich regte mich innerlich auf. Dann näherte sich ein Schatten. Die Grobschlechtige kam auf mich zu. Ab da wird es schwammig. Sie gröhlte unsanft meinen Namen, bemerkte, dass nur ich weiblich und somit zum Namen passend anwesend war, nahm mir das Buch kopfschüttelnd aus der Hand und watschelte mir den Weg frei.

Sympathisch und fürsorglich ist nach meiner Definition anders. Normalerweise hätte ich mich beschwert, aber ich musste meine gesamte Energie aufbringen, um ihr schnell genug zu folgen. Wo sie mich hinbrachte? Zum Arzt, sodass er einmal sehen konnte, dass ich wirklich erkältet war, mir das Rezept für ein Antibiotikum unterschrieb und direkt wieder in die Obhut der Grobschlechtigen übergab. Damit ich auch ja zur Tür hinausgehe.

Wäre ich doch privat versichert!

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Anne K. Dote ist eine Studentin des N-Gebäudes an der Ruhr Universität Bochum, die sich regelmäßig auch in anderen Buchstaben verirrt. In ihrer Kolumne gibt sie einen persönlichen Einblick in den Kosmos RUB - und das normalerweise alle zwei Wochen. Grafik: F. Steinborn

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2 Kommentare zu “Die Grobschlechtige”

  1. Marc

    warum solch eine kolumne? sicher, es gibt menschen, mit denen man nicht gerne zusammen ist. aber sich dermaßen über jemanden auszulassen, nur weil er einem nicht in den kram passt, dass ist doch einigermaßen unverschämt.

    und vor allem stört mich ein zweiter teil in dieser kolumne enorm. die autorin reitet darauf herum, wie schlecht es einem ergeht, wenn man gesetzlich versichert ist. gerne wäre sie privat versichert. aber hier hätte sich viel stärker eine kolumne angeboten, die die ungleichheit in der behandlung aufzeigt und das system unterschiedlicher versorgung im krankheitsfall zum thema macht.

    was eine wirkliche anekdote gewesen wäre, sind geschichten, die reflektieren einladen. so zum beispiel studentinnen, die sich erst einmal intensiv über die vorteile der pkv auslassen und anschliessend darüber jammern, dass der arzt aber auch mahnungen schickt, wenn man die rechnung nicht zahlt. so ist das ganze leider sehr unangenehm unreflektiert….schade

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