Rudi, seine Nüsschen und andere Eichhörnchen-Geschichten

Dunkle, treue Augen schauen mich an. Rudi ist ein Frauentyp. Einer von der Sorte, bei dem die Mädchen „Oh, ist der süß“ rufen und kichern, wenn er vorbeihuscht. Trotzdem stimmt mit ihm etwas nicht. Er klettert nicht mehr. Für ein Eichhörnchen ganz schön ungünstig.

Rudi verlässt den Boden kaum noch, man muss aufpassen, dass man nicht auf ihn tritt. Fotos: J. Mueller-Töwe

Rudi bleibt auf dem Boden. Fotos: M.-Töwe

Als Jungtier hatte Rudi epileptische Anfälle. Ohne die Hilfe der selbständigen Tier-Homöopathin Helga Meissner und des Eichhörnchen-Notrufes hätte er’s vermutlich nicht geschafft. Nun teilt er sich den Winter über das 26 Quadratmeter große Freiluftgehege in Holzwickede mit Eichhörnchen-Dame Dorothea und den beiden separat untergebrachten Jungtieren Noah und Zwiebel.

„Dame“ ist ein ziemlich übertriebenes Wort, wenn man über Dorothea spricht. „Die verteidigt ständig ihr Revier und jagt Rudi durchs Gehege“, erzählt Meißner, eine der Futterschüsseln noch in der Hand, während das umtriebige Muskelpaket Doro eine Runde nach der nächsten über Decke und Wände dreht. Rudi störts nicht besonders. Er scheint gar nicht richtig zu bemerken, was um ihn herum vorgeht. Er ist zufrieden mit Nüsschen, Milch und ab und zu ein bisschen Aufmerksamkeit.

Notrufnummer: 0700 – 200 200 12

Der Eichhörnchen-Notruf e.V. hat sich bundesweit organisiert und verknüpft über eine durchgängig besetzte Notruf-Zentrale 84 ehrenamtlich aktive Anlaufstellen. So ulkig die Idee eines Notarztwagens für die kleinen Tiere anmutet – auf diese Weise, wenn auch ohne Blaulicht, rettet der Dienst im Jahr geschätzt etwa 1500 Eichhörnchen das Leben. Zumindest nahmen 2009 alle Stationen gemeinsam so viele kleine, rot-braune Nager auf.

Helga Meissner muss Noah gelegentlich aus dem Pullover fischen.

Helga Meissner muss Noah gelegentlich aus dem Pullover fischen.

In freier Wildbahn hätten nämlich sowohl Rudi als auch Dorothea schlechte Chancen: Rudi – so er sich weiter weigert zu klettern – wäre schutzlos Greifvögeln und Mardern ausgeliefert. Dorothea hat nur noch die beiden unteren Schneidezähne , die Meissner regelmäßig stutzen muss – sonst könnte Dorothea einfach nicht mehr schmerzfrei fressen.

Bessere Chancen räumt die gelernte Tierarzthelferin den beiden acht Wochen alten Jungtieren Noah und Zwiebel ein. Sie muss es wissen. Seit 1999 versorgt sie im Jahr etwa 50 verletzte oder hilflos von den Eltern zurückgelassene Eichhörnchen, heilt ihre Wunden, päppelt sie mit der Flasche auf, bis sie in schnellen Trippelschritten in die Freiheit entlassen werden.

Eichhörnchen-Aufzucht ist eine Menge Arbeit

Bei Noah und Zwiebel wäre es eigentlich schon bald soweit, aber den Winter würden sie sehr wahrscheinlich nicht überleben. „Nur etwa 20 Prozent der Eichhörnchen werden älter als ein Jahr, weil sie im Winter nicht genug Nahrung finden, überfahren oder gefressen werden“, erläutert Meissner. Die zutraulichen Tiere gelten als bedrohte Tierart. „Deswegen ist es auch wichtig, dass im Winter an geschützten Stellen zugefüttert wird.“

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Eichhörnchen-Mädchen Zwiebel knabbert an ihren Nüsschen.

Als wir das Gehege der Jungtiere betreten, freuen sich die beiden. Futter, Gesellschaft: Das finden sie gut und beginnen, kaum haben wir einen Fuß in ihr kleines Reich gesetzt, auf uns herum zu klettern. Macht gar nichts, denn sie sind federleicht, wiegen gerade einmal 160 Gramm. Auch sie hat Meissner mit der Flasche groß gezogen. „In der ersten Woche brauchen sie jede Stunde etwas Milch – die Abstände werden dann mit jeder Woche etwas größer“, sagt Meissner. In diesem Alter sind sie noch taub, blind und nackt. Ab einem Alter von etwa vier Wochen nehmen die flinken Nager dann feste Nahrung zu sich. Deswegen trainieren die Zwei nun auch eifrig, im Gehege ihre Nüsschen zu verstecken. Kapuzen und Hosentaschen scheinen sich dafür besonders gut zu eignen.

Neue Eichhörnchen erwartet Meissner dieser Tage nicht mehr. Die letzten Würfe erblicken Ende September das Licht der Welt. Die Paarungszeit beginnt erst Ende Dezember wieder. Erst im Frühjahr, wenn die jetzigen Bewohner des Geheges ausgewildert werden, häufen sich aller Wahrscheinlichkeit nach wieder die Notrufe. Dann werden Noah und Zwiebel, so verspielt sie im Moment noch sind, bald wieder zu Wildtieren – Eichhörnchen entfremden sich bei aller Zutraulichkeit recht schnell von ihren menschlichen Bezugspersonen. Brauchen sie Hilfe, suchen viele der aufgezogenen Tiere trotzdem wieder zögerlich die Nähe von Menschen.

Als wir das Gehege verlassen, sind Noah und Zwiebel etwas enttäuscht. Noah versucht sich sogar noch unter Meissners Pullover zu verstecken. Dorothea ist offensichtlich zufrieden und hört langsam mit ihrem wilden Derwisch-Tanz auf. Rudi ist’s vermutlich egal. Er hat ja seine Nüsschen.