Buchtipp: „Goethe ruft an“

In John von Düffels jüngst erschienenem Roman „Goethe ruft an“ wird der Leser Teil der großen Suche nach dem Erfolg. Es geht um einen Literaturkurs in der Lausitz, ums „Leichtschreiben“, um Probleme zwischen den Teilnehmern und vor allem um eines: Die geheime Romanformel von Goethe. Verpackt ist das alles in einem lustigen, kurzweiligen Buch ─ eine optimale Spätsommerlektüre.

Der Erzähler ─ ein erfolgloser und profilloser Schriftsteller, der zudem seit Jahren in einer Schreibkrise ist ─ bekommt eines Abends einen Anruf seines guten Freundes Goethe. Sein Freund heißt natürlich nicht wirklich Goethe: Der Erzähler nennt ihn nur so, „weil er so sehr Goethe ist, wie man heute nur sein kann“. Und Goethe ist vor allem das genaue Gegenstück zum Erzähler. Goethe ist charismatisch, beliebt und insbesondere schon zu Lebzeiten ein wahrer Klassiker. Er ist eigentlich alles, was der Erzähler gerne wäre.

Seinen ersten Roman veröffentlichte von Düffel im Jahr 1998. Seitdem ist er literarisch sehr produktiv: Beinahe jährlich kommt ein neues Werk heraus. Foto: Katja von Düffel

Seinen ersten Roman veröffentlichte von Düffel im Jahr 1998. Seitdem ist er literarisch sehr produktiv: Beinahe jährlich kommt ein neues Werk heraus. Foto: Katja von Düffel

Und Goethe hat eine Bitte: Da er mit seinem neuen Buch auf Platz 1 der Bestsellerliste in China ist und dorthin reist, bittet er seinen Freund darum einen „Leichtschreiben“-Kurs in der Lausitz zu übernehmen. Das sei auch ganz einfach, sagt Goethe, schließlich könne er detailgetreu nach dem Goethe-Manuskript arbeiten. In dem steht nämlich alles, was man zum „Leichtschreiben“ und generell auf dem Weg zu einem richtigen Literaten braucht. So nimmt der Erzähler leicht überrumpelt an, ohne wirklich zu wissen worauf er sich da einlässt.

Fünf Tage in der Hölle…

…und das mit fünf schwierigen Kursteilnehmern, die hohe Erwartungen in Goethe und den Schreibkurs haben, der nur leider dieses Jahr ohne Goethe stattfindet. Und der Leiter hat so seine Probleme mit dem Kurs und den Teilnehmern: Erstens verlegt er das Goethe-Manuskript und zweitens wird er von allen Teilnehmern umworben. Diese wollen schließlich das Manuskript, nachdem sie davon Wind bekommen haben. Allen voran die Unterhaltungsschriftstellerin Hedwig. Hedwig ist eine attraktive Mittdreißigerin und lässt nichts unversucht. Überhaupt sind die Romanfiguren vom Autor mit ironischen und überzogenen Eigenschaften versehen.

So zum Beispiel der verrückte Literaturkritiker Schwamm, der alle Bücher zerreißt und die Ursache für die Schreibkrise des Erzählers ist. Oder aber Marlies Rottenmeier, die zwar mit ihrem rätselhaften Mann dort ist, sich aber dennoch in den Kursleiter verliebt.

Die Charaktere kommen in dem sehr dialoglastigen Roman in absurde und komische Situationen, unterhalten sich beispielsweise über die Wichtigkeit des ersten Satzes im Buch oder tuckern um 5 Uhr morgens in einem Kanu auf der Spree. Der Erzähler, die eigentliche Hauptperson, kränkt dagegen an mangelnder Tiefe und Vielfalt. Vor allem in den Dialogen nervt die Eigenart des Erzählers, da er sich mit häufigen „Ähs“ und halbgaren Sätzen durch den Roman laviert.

John von Düffel war vor seiner Zeit als Autor als Theater- und Filmkritiker tätig. Zusätzlich lehrt er regelmäßig an deutschen Universitäten im "Szenischen Schreiben". Foto: Katja von Düffel

John von Düffel war vor seiner Zeit als Autor als Theater- und Filmkritiker tätig. Zusätzlich lehrt er regelmäßig an deutschen Universitäten im "Szenischen Schreiben". Foto: Katja von Düffel

Lesespaß für Zwischendurch

Trotz der Schwächen bei der Konstruktion der Figuren, ist die Geschichte interessant konzipiert. Gerade durch die schnellen, abwechslungsreichen Dialoge wird die Geschichte vorangetrieben und gibt dem Roman eine charismatische Note. Zudem wird der Leser durch die ominöse Romanformel in Bann gezogen: Es wird zwar viel über die Formel gesprochen, doch was sich genau dahinter verbirgt kommt nur in Andeutungen vor. Erst gegen Ende der Geschichte, nach vielen skurrilen Wendungen, scheint sich dieses Rätsel für den Leser zu lüften.