Job Shadowing – neue Alternative zum Praktikum?

Viele Studierende wissen nicht genau, welchen beruflichen Weg sie nach dem Studium einschlagen sollen. Die meisten Studiengänge öffnen  einem viele Türen. Doch um hinter jede dieser Türen zu schauen, bräuchte es zeitaufwendige Praktika. Zeit, die Studierende bekanntlich nicht immer haben. Genau hierfür bietet sich Job Shadowing an – ein neuer Trend in Sachen Berufsorientierung: die Beschattung.

Shadowing, englisch für Beschatten, klingt erst mal spannend, zumindest aber ungewöhnlich. Doch was verbirgt sich dahinter? „Ganz konkret bedeutet das: Studierende begleiten einen normalen Arbeitnehmer einen Tag lang in seinem ganz normalen Job“, erklärt Anja Robert von der Leitung des Career Centers der RWTH Aachen. Das Besondere daran: Man selbst greift dabei nicht ins Geschehen ein, sondern beobachtet den Arbeitenden nur – wird zu seinem „Shadow“. Klingt schon weniger ungewöhnlich, stellt aber eine interessante Möglichkeit da, seinem Wunschjob näher zu kommen.

Job Shadowing, ursprünglich aus den USA kommend und dort hauptsächlich genutzt, um High School-Schülern einen ersten Berufseindruck zu vermitteln, ist als Begriff in Deutschland noch relativ unbekannt. Das Prinzip eignet sich aber eben auch für Studierende. Denn nach dem Studium kommen für die meisten immer noch viele Jobs infrage.  Neben dem Unialltag, Hausarbeiten, Klausuren und Urlaub – ja, man darf sich auch mal eine Auszeit gönnen – bleibt da oft nicht die Zeit, sich die unterschiedlichen Jobs anzuschauen.

Anja Robert: "Der eine Tag muss nicht der eine Tag bleiben" (Foto: Thilo Vogel)

Anja Robert: "Der eine Tag muss nicht der eine Tag bleiben." Foto: Thilo Vogel, Teaserbild: Ilias Stampoulis.

RWTH Aachen mit neuem Pilotprojekt
„Studierende nehmen sich immer weniger die Zeit, sich einzelne Berufsbilder einfach mal  anzuschauen“, sagt Anja Robert.  Auch von Unternehmen sei eine solche Rückmeldung gekommen. Durch die Umstellung auf das Bachelor/Master-System seien die Studierenden zeitlich immer stärker eingebunden. Aus diesen Gründen rief das Career Center der RWTH Aachen ein Job Shadowing-Programm ins Leben.

Das Projekt, das seit Oktober 2012 läuft, steht auf zwei Säulen: Zum einen kann man sich direkt bei einem der Partner-Unternehmen bewerben, wenn man sich eine Stelle bei einem bestimmten Konzern anschauen möchte. Zum anderen kann man sich an die teilnehmenden Alumni wenden, die einen guten Bezugspunkt bilden: „Häufig bewegt man sich als Absolvent in ähnlichen Fußstapfen wie tausend Leute vor einem schon.“

Fit For Job – embedded Job Shadowing
Ein anderes Modell verfolgt Fit For Job, ein Kooperationsprojekt zwischen  Fachhochschule und Jugendamt Dortmund. Seit 2010 wird Studierenden des Fachbereichs Angewandte Sozialwissenschaften ein Seminar angeboten, in dem das Job Shadowing eingebettet ist – „als Teil eines Prozesses, der den Übergang von der Hochschule zum Beruf begleiten soll“, erklärt Ute Kreuz-Fink, Fachreferentin des Jugendamtes Dortmund, die das Projekt mitentwickelt hat und es auch leitet. Die Studierenden werden über ihre Berufskontakte vermittelt.

(Foto: Petra Schrader)

Ute Kreuz-Fink: "Job Shadowing stärkt auch das Vetrauen in das Gelernte." Foto: Petra Schrader

Im zweitägigen Workshop werden die Wünsche und Ziele der Teilnehmer besprochen. Einem Bewerbungstraining und Gesprächen folgt ein drei- bis fünftägiges Job Shadowing. Es sei wichtig,  Ziele im Vorfeld abzuklären und im Nachhinein zu überprüfen. „Gerade bei den geisteswissenschaftlichen Abschlüssen soll es auch darum gehen, das Selbstbewusstsein und Vertrauen zu stärken, für das, was man im Studium gelernt hat“, hebt Kreuz-Fink hervor.

Wenig Aufwand für viel Einblick
Job Shadowing soll und kann kein Praktikum ersetzen. Es ist aber ein möglicher Schritt vorher. Der Vorteil sei der geringe zeitliche Aufwand: „Einen Tag hat wirklich jeder Zeit, da gibt es keine Entschuldigung“, betont Anja Robert. Dieser eine Tag könne dann als Entscheidungsgrundlage genutzt werden, ob man sich in die Richtung vertiefen möchte. Oder eben nicht. „Aber auch das ist ja hilfreich.“

Zwar könne man an einem Tag nicht alle Höhen und Tiefen eines Jobs kennenlernen. Nichtsdestotrotz sei der eine Tag ziemlich authentisch: Oft reicht die Zeit aus zu erkennen, ob der Job zu einem passt. „Dinge wie Betriebsklima, Arbeitsalltag, und den Umgang mit Kollegen kriegt man da schon mit“ sagt Robert. Auch Ute Kreuz-Fink findet: „Da kommt schon eine ganze Menge Lebens- und Berufspraxis rüber.“ Hinzu kommt die mögliche Vernetzung: Die entstandenen Kontakte können genutzt und vertieft werden, ob Praktikum, Werkstudententätigkeit oder sogar Jobangebote. Anja Robert bringt es auf den Punkt: „Der eine Tag muss nicht der eine Tag bleiben.“

Wer initiativ werden möchte, sollte Vorteile erklären
Da es bisher recht wenige Hochschulen anbieten, könnte es sich durchaus lohnen, wenn man auf eigene Faust Unternehmen nach einem Job Shadowing fragt. Auch Anja Robert hält das für eine gute Möglichkeit, auch wenn man am Anfang wahrscheinlich auf fragende Gesichter stößt. Man müsse die Unternehmen einfach aufklären und die Vorteile betonen: Der Aufwand für die Unternehmen hält sich in Grenzen. Denn die Beschatteten in den Betrieben müssen ja kein spezielles Programm planen. Aus dem Shadow von heute kann der Arbeitnehmer von morgen werden.

Was möchte ich nach dem Studium machen? Beim Job Shadowing kann es zum Aha-Effekt kommen. Foto: Tony Hegewald/pixelio.de

Ist dieser Job etwas für mich? Oft reicht ein Tag Job Shadowing aus, um herauszufinden, ob die Arbeit zu einem passt. Foto: Tony Hegewald/pixelio.de

Job Shadowing auch bei uns im Ruhrgebiet möglich?

Und was braucht, es um das Ganze auch an unsere Unis zu bringen? „Das ist gar nicht so viel an Struktur“, sagt Anja Robert. „Der Aufwand ist eigentlich  gering.“ Es werde die Internet-Plattform angeboten und das Projekt bei den Unternehmen beworben. Die Kontakte können sowohl über den Career Service als auch die Alumni laufen, aber auch Studenteninitiativen können solche Projekte ins Leben rufen. Gerade in den Alumni stecke Potenzial, betont Robert: „Auch, um Mut zu schöpfen, dass ein Leben nicht geradlinig verläuft. Eine Berufsentscheidung muss nicht unbedingt für den Rest des Lebens gelten.“

Aber auch das Modell des Jugendamtes und der FH Dortmund sei umsetzbar, sagt Kreuz-Fink: „Da bräuchte es vor allem eine Person, die die Fäden zusammenhält – über die Kontakte bis zur Reflexion“.

Job Shadowing – ein Zukunftsmodell?

Bei beiden Projekten gab es bisher durchweg positive Rückmeldung. Kann Job Shadowing also als the next big thing tituliert werden? Die Vorteile der modernen Berufsorientierung sind klar: Ein knackig-kurzer Berufseinblick, der zeigen kann, wie es weiter geht. Voraussetzung, in Deutschland Fuß zu fassen, hat das Beschatten also. Anja Robert geht da sogar noch weiter: „Ich fände es großartig, wenn das eine Art Bewegung werden würde.“