Ohne einen einzigen Cent

Geld – für viele Menschen auf der Welt ist es Mittel zur Erfüllung von Träumen und grundsätzlich zu wenig vorhanden. Nicht so für Raphael Fellmer. Er trat vor Jahren in einen „Geld-Streik“ und hält das Zahlungsmittel für unnötig. Was ihn zu diesem radikalen Schritt bewogen hat und wie sich ein geldloses Leben  anfühlt, erzählte er am Dienstagabend im Kulturreferat der Asta an der Universität Duisburg-Essen.

Im Gespräch mit den zuhörenden Studenten wurde auch mal heftiger gestikuliert. Fotos und Teaserbild: Timm Giesbers

Im Gespräch mit den zuhörenden Studenten wurde auch mal heftiger gestikuliert. Fotos und Teaserbild: Timm Giesbers

Im kleinen Stuhlkreis haben sich etwa 20 Interessierte zusammengefunden, um sich über den Alltag des jungen Aussteigers Raphael Fellmer zu informieren. Mit seinem Schlabberpullover und den dreckigen Sneakers könnte Fellmer auch selbst Student sein. Dabei lebt er mit seiner Frau und seiner Tochter seit Jahren in einer Berliner WG, dem Martin-Niemöller-Haus.

Fellmer hat für sich ein Leben ohne Geld gewählt, er verzichtet auf jegliche Art von Bezahlung. Wohnen kann die Familie in dem Haus, weil sie dafür bei Renovierungen hilft oder Veranstaltungen wie vegane Brunchs organisiert. „Es ist für mich völlig selbstverständlich, dass ich mich einbringe in die Gemeinschaft. Auch wenn es hier nicht um einen Tausch ‚Wohnung gegen Arbeit, anstatt Kohle‘ geht, sondern um das freiwillige Beisteuern seiner selbst“, erklärt Fellmer sein Lebensmodell.

Alles begann mit einer Reise

Den Anstoß zu einem Leben, in dem Fellmer jeglichem Materiellen entsagt, kam ihm auf einer Reise nach Mexiko. Gemeinsam mit zwei Freunden starteten sie nach Marokko, wo sie zwei reiche Segeljacht-Besitzer davon überzeugten,  sie mit nach Südamerika zu nehmen. Nach Monaten, die sie quer durch den Kontinent führten, kamen sie in Mexiko an und „waren umgehauen von der Freundlichkeit und Lebenslust der Menschen, denen wir auf der Reise begegnet sind. Ich habe bemerkt , wie viel Güte im Menschen steckt“, erzählt Fellmer.

Bereits vor der Reise habe er sich intensiv mit der Frage beschäftigt, wie man das Leid auf der Welt beseitigen und eine gerechte Welt schaffen könne. „Deshalb wollte ich auch als Kind und Jugendlicher Millionär werden. Ich dachte eben, dass man mit Geld alle Probleme lösen kann – Jetzt weiß ich, dass das nicht wahr ist.“

Die Güte, die er von den Menschen auf seiner Reise erfahren habe, präge sein Menschenbild bis heute. Auf diesem selbstlosen, uneigennützigen Menschen beruht seine Lebensphilosophie. „Im Einklang mit der Natur müssen wir die vorhandenen Ressourcen einfach viel vernünftiger nutzen. Das System, das wir jetzt haben, immer mehr Wachstum, wird nicht weiter funktionieren.“ Deshalb möchte Fellmer, dass die Menschen die Ressourcen, die ihnen zur Verfügung stehen, miteinander teilen. „Jeder kann so bekommen, was er braucht und niemand muss Dinge horten, seien es zwei Autos oder übriggebliebene Lebensmittel, die er gar nicht benötigt.“

Teilen macht glücklich

Seit seiner Rückkehr arbeitet Fellmer fieberhaft an der Umsetzung seines Lebensmodells. Gemeinsam mit Freunden fischt er Lebensmittel aus den Containern von Supermärkten oder wie er es bezeichnet: rettet die Lebensmittel, um sie dann umzuverteilen – nicht nur an Bedürftige. „Der Stigmatisierung, wie wir sie von den Tafeln kennen, möchte ich aus dem Weg gehen. Jeder ist eingeladen mit uns gemeinsam zu teilen.“

Damit sich bundesweit Menschen an seinem Projekt beteiligen können, hat Fellmer gemeinsam mit anderen „Foodsavern“ die Online-Plattform „foodsharing.de“ ins Leben gerufen. Dort können Menschen gegenseitig ihre Lebensmittel teilen: Wer Eier braucht, bekommt diese und kann dafür selbst angepflanzte Tomaten abgeben. Das ganze System läuft ohne den Einfluss von Geld.

Im gemütlichen Stuhlkreis, ließ der Aussteiger aus Berlin auch kritische Fragen zu seiner Lebenseinstellung zu.

Im gemütlichen Stuhlkreis ließ der Aussteiger aus Berlin auch kritische Fragen zu seiner Lebenseinstellung zu.

Eine Utopie sei seine Vorstellung von der Welt auf keinen Fall, beteuert Fellmer. „Ich sehe die Zeichen überall, dass wir uns gerade in einer Zeit des Wandels befinden. Die Menschen in unserer Gesellschaft wachen auf und stellen Fragen.“ Fellmer ist überzeugt davon, dass seine Mitmenschen „intelligent genug sind, um einzusehen, dass Teilen eine intelligentere Nutzung von Ressourcen ist als sich einfach immer mehr zu kaufen.“

So ruft Raphael Fellmer dazu auf, bewusster mit seiner Umwelt umzugehen. Hehre Motive wie Frieden und Glückseligkeit für die Welt hat er sich auf die Fahne geschrieben. Und doch sieht er sich selbst nicht als Dogmatiker: „Es geht mir nicht darum, dass alle genau so sein sollen wie ich. Ich betrachte mich nur als Beispiel, an dem man sehen kann, dass ein Ausstieg aus einem monetären Leben glücklich macht.“