Sag mal, Prof: Warum frieren wir?

quinnanya

Die Zähne klappern, die Arme sind mit Gänsehaut überzogen, die Finger sind taub. Kurzum: Uns ist kalt. Aber wie funktioniert das eigentlich mit dem Frieren? Und warum frieren Menschen so unterschiedlich stark?

Wieder ist Frühling und wieder spielt sich dieselbe Szenerie auf dem Campus ab: Vor allem die Jungs tragen schon ein T-Shirt und keine Jacke mehr, viele Mädchen stehen zitternd in der Gegend herum. Wie unser Organismus Kälte wahrnimmt und warum diese von Männern und Frauen unterschiedlich stark empfunden wird, erklärt Prof. Dr. Rainer Meyer von der Universitätsklinik Bonn.

Ihm zufolge gibt es zwei verschiedene Temperaturrezeptoren in der Haut: Wärme- und Kälterezeptoren. Erstere operieren im Bereich von 30 bis 44 Grad. Steigt die von ihnen gemessene Temperatur noch weiter an, senden sie elektrische Signale, die unser Gehirn als Schmerz interpretiert.

„Die Kälterezeptoren funktionieren ab 25 Grad abwärts. Zwischen 27 und 33 Grad operieren beide Rezeptortypen“, erklärt der Prof. Dem Experten nach reagieren die Rezeptoren insbesondere auf Temperaturveränderungen. „Wenn wir in einem gut beheizten Raum sitzen, mit zum Beispiel 21 Grad, dann merken wir überhaupt nichts von unserer Temperaturwahrnehmung, weil die konstant ist“, sagt Meyer. „Wenn wir jetzt vor die Tür gehen, würden wir sofort merken, dass es kälter geworden ist.“

Dass wir Temperaturunterschiede besser als gleichbleibende Temperaturen wahrnehmen können, liegt an unseren Temperatursensoren. Die leiten die Informationen über die Temperatur nämlich nur eine bestimmte Zeit an das Gehirn weiter, obwohl der Reiz durch die Rezeptoren konstant bleibt. Das gilt allerdings nur für Temperaturen im angenehmen Bereich: „Wenn es wirklich kalt ist, merken wir das permanent“.

Die Körperstelle spielt eine Rolle

Wichtig für das Kälteempfinden ist auch, an welcher Stelle im Körper sich die Kälterezeptoren befinden. „Am Rumpf frieren wir schon, wenn die Temperatur von 36 °C auf 33 °C fällt, während das auf der Hand erst der Fall ist, wenn sie von 25 °C auf 23 °C fällt. Umso weiter wir vom Rumpf weg sind, umso niedriger ist die Körpertemperatur. Das hängt aber natürlich auch immer von der Außentemperatur ab “ erläutert der Professor. Für diesen Effekt gibt es zwei Gründe: Zum einen ist an der Hand das Verhältnis von Oberfläche zum Volumen viel höher und damit die Abstrahlfläche viel größer. Zum anderen versucht der Körper die Wärme in der Körpermitte zu halten. Wenn es draußen zu kalt ist, ziehen sich die Blutgefäße in den Extremitäten zusammen. „Das ist ein ganz wichtiger Effekt bei der Wärmeabgabe beim Frieren. Wenn das Blut ins Spiel kommt, spielt jegliche Gefäßregulation eine Rolle dabei, wie stark man friert“, sagt Meyer.

Bei niedrigem Blutdruck werden die Extremitäten so zum Beispiel noch schlechter durchblutet, so dass die Hand noch kälter wird. Betroffene frieren stärker als Personen mit hohem Blutdruck – ein Grund dafür, warum junge Frauen, die oft einen niedrigen Blutdruck haben, häufiger und stärker frieren als Männer. Ein weiterer ist, dass Männer mehr Muskeln haben als Frauen. „Allein die Existenz von Muskeln kostet schon Energie“, erklärt der Experte. „Selbst wenn sie nicht benutzt werden, brauchen Muskeln mehr Energie für die Aufrechterhaltung ihrer Struktur als zum Beispiel Bindegewebe.“

Auch die Funktion der Schilddrüse spielt eine wichtige Rolle beim menschlichen Kälteempfinden. Sie bestimmt, wie viel Energie und damit Wärme überhaupt in unserem Körper verfügbar ist. Ist die Funktion der Schilddrüse gestört, frieren wir schneller. Neben den Muskeln und der Funktion der Schilddrüse nennt Meyer noch weitere Ursachen, die ein schnelles Frieren begünstigen können.

Ursachen für schnelles Frieren
Tabak- oder Alkoholkonsum

Diäten

Hunger und Durst

Bewegungs- Schlaf- oder Vitaminmangel

Stress

Seelische Belastungen

Außerdem gibt es bestimmte Krankheiten, die manche Menschen schneller frieren lassen als andere, zum Beispiel das Raynaud-Syndrom. Bei dieser Krankheit ist die Kommunikation des Nervensystems eingeschränkt. Während der Körper gesunder Menschen versucht, die Wärme in den Rumpf statt in die Extremitäten zu leiten und deswegen dort die Blutgefäße zusammenzieht, verengen sich die Blutgefäße bei Menschen, die an dem Syndrom erkrankt sind, noch sehr viel weiter, was den Blutfluss sehr stark einschränkt. Symptome können zum Beispiel stellenweise sehr weiße Finger sein. Von der Krankheit sind Frauen fünfmal häufiger betroffen als Männer.

Quelle des Beitragsbildes: Flickr.com/quinnanya

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