Vom Kohlenpütt in den Hörsaal

Früher machten die meisten ihre Ausbildung zum Bergmann auf der Zeche unter Tage, heute studieren junge Leute die verschiedensten Fächer auf den Universitäten des Ruhrgebiets. Das Ruhr Museum auf der Zeche Zollverein in Essen zeigt die Geschichte und Entwicklung des Ruhrpotts auf beeindruckende Art und Weise. Angefangen bei uralten Fossilien oder Kampfausrüstung der Germanen, aufgehört bei Bildern von der WM 2006, RUHR.2010 und Co.

Das Ruhr Museum befindet sich in der alten Kohlenwäsche der Zeche Zollverein. Zur Eröffnung im Januar 2010 gab es eine Lasershow. Foto: Ruhr Museum

Das Ruhr Museum befindet sich in der alten Kohlenwäsche der Zeche Zollverein. Zur Eröffnung im Januar 2010 gab es eine Lasershow. Foto: Ruhr Museum

Das Ruhrgebiet. Was ist das eigentlich genau und wie ist es überhaupt entstanden? Diese Frage stellen sich bestimmt die meisten Studenten, die aus dem Ausland oder aus anderen Bundesländern auf die Ruhr-Universitäten kommen. Fest steht: Ob die Uni Duisburg-Essen, die TU Dortmund oder die Ruhr-Uni Bochum, alle gehören zum Ruhrgebiet. Das Ruhr Museum zeigt allerdings, dass ein Studium noch vor rund 60 bis 70 Jahren absolut nicht Gang und Gäbe war. Stattdessen machten die jungen Männer eine Ausbildung auf der Zeche und arbeiteten dann als Bergmänner unter Tage. Die Frauen hielten den Haushalt auf Vordermann und wuschen die kohlenstaubbedeckte Arbeitskleidung ihrer Männer. Heute büffeln die Studentinnen und Studenten gemeinsam in der Bibliothek für Klausuren oder lauschen im Hörsaal dem Vortrag des Dozenten. Auf drei Etagen zeigt das Ruhr Museum, dass sich mit dem Leben der jungen Menschen auch die Region sehr verändert hat.

Auf Zeitreise

Simuliert den fließenden Strom aus heißem Stahl: Die orange Treppe im Ruhr Museum. Foto: Ruhr Museum

Simuliert den fließenden Strom aus heißem Stahl: Die orange Treppe im Ruhr Museum. Foto: Ruhr Museum

Bei einem Besuch des Museums in der alten Kohlenwäsche der Zeche Zollverein macht man eine Reise von der tiefsten Vergangenheit, durch die Gegenwart und dann sogar ein kleines Stück in die Zukunft. Die hell erleuchtete orangene Treppe, die die Ausstellungsebenen des Museums verbindet, steht für den heiß fließenden Stahl in den Kokereien. Millionen Jahre alte Fossilien und Gesteine geben Rückschluss auf die Entstehung der Landschaft und der Kohleschichten im Ruhrgebiet. Was auf den ersten Blick aussieht, wie überdimensional große Schnecken, sind in Wirklichkeit uralte versteinerte Meerestiere, sogenannte „Amoniten“. Geht man ein kleines Stück weiter, macht man einen Sprung in der Geschichte und findet antike Speerspitzen, Indianerschmuck und Soldatenhelme von Germanen und Römern.

In der Kutsche über die A40

Blickt man etwas genauer auf die Erklärtafeln, stellt man erstaunt fest: Unsere Hauptverkehrsader A40, die die verschiedenen Ruhr-Unis verbindet, gibt es schon viele hundert Jahre und war früher eine Handelsstraße. Unvorstellbar, dass auf der überfüllten Autobahn, auf der sich heutzutage jeden Morgen unzählige Pendler zur Uni und zur Arbeit quälen, früher in aller Ruhe Pferdekutschen von Dorf zu Dorf gefahren sind. Sandra Sorgenicht hat Geschichte und Archäologie studiert und ist für die Offentlichkeitsarbeit im Ruhr Museum zuständig. Sie erklärt, dass es einen deutlichen Strukturwandel im Ruhrgebiet gegeben habe, es ihn nach wie vor gäbe und dass man gar nicht genau wisse, ob er irgendwann mal ein Ende habe.

Das Ruhrgebiet im Wandel

Das Autotelefon "Talkman" von Nokia aus dem Jahr 1989. Rund 20 Jahre später machen ihm moderne Smartphones Konkurrenz. Foto: Maren Bednarczyk

Das Autotelefon "Talkman" von Nokia aus dem Jahr 1989. Rund 20 Jahre später machen ihm moderne Smartphones Konkurrenz. Foto: Maren Bednarczyk

Welcher moderne Mensch kann sich zur heutigen Zeit vorstellen, ein Buch mit über 1000 Seiten Länge per Hand abzuschreiben? In Zeiten von Computer, Laptop, iPad und Co. wohl niemand! Und wer hält sich heute noch Bergmannskühe (Ziegen) und Brieftauben in der Gartenlaube oder züchtet Kaninchen? Wahrscheinlich eher die Wenigsten. Auch die schwere, laute und vor allem dreckige Arbeit im Kohlenabbau unter Tage ist für Studenten wohl unvorstellbar.

Ein Bierkasten aus Metall

Es hat sich einfach vieles verändert in den letzten Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten. Aus der Agrarlandschaft wurde ein dicht besiedeltes Gebiet mit den Schwerpunkten Dienstleistung und Industrie. Das Ruhr Museum in Essen stellt viele Gegenstände aus vergangenen Tagen aus, die ihren Nachfolgern heute so gut wie nicht ähneln. Früher musste sich die Jugend beim Biertragen ordentlich abschleppen. Der Kasten war damals nämlich noch aus Metall. Auch im Kino mussten sich junge Pärchen mit unbequemen Holzsitzen zufrieden geben. Und mal eben per SMS mit der Clique zum Mittagessen in der Mensa verabreden ging auch nicht. Damals gab es nur große unhandliche Autotelefone. Auch die Versorgung mit kleinen Snacks war damals nicht so komfortabel. Heute stehen auf dem Campus viele Automaten mit Süßigkeiten und Getränken, um 1920 standen lediglich gelbleuchtende Schokoladenautomaten auf den Straßen. Auch die alten blau-weißen Benzinzapfsäulen ließen damals noch keine E10-Diskussion und keine Wucherpreise erwarten. All das und vieles mehr können sich Besucher im Ruhr Museum anschauen und vor allem junge Leute erfahren sicher Dinge, die sie vorher nie für möglich hielten.

Früher Industrie, heute Freizeit und Kultur

Heute Paradies für Radler, Paddler und Jogger: Den Rhein-Herne-Kanal gibt es seit 1914. Foto: Maren Bednarczyk

Heute Paradies für Radler, Paddler und Jogger: Den Rhein-Herne-Kanal gibt es seit 1914. Foto: Maren Bednarczyk

„Da ist doch alles dreckig, und die Luft ist schwarz!“ Mit diesem Vorurteil reden wohl die meisten Studenten über das Ruhrgebiet, die es noch nicht selbst erlebt haben. Die Ausstellungsebene des Ruhr Museums, die sich mit der Gegenwart befasst, zeigt, dass das Ruhrgebiet heute viel mehr zu bieten hat, als nur schwarze Luft und qualmende Schlote. Nicht nur die Zeche Zollverein beweist, dass ehemalige Industriestandorte zu beliebten Kultur- und Freizeitstätten umstrukturiert werden können. In Bottrop ist z.B. die Skihalle auf einer alten Halde errichtet worden und auf der Halde der ehemaligen Steinkohlezeche Prosper-Haniel in Bottrop steht ein Amphitheater. Die Ufer der Verkehrswege für die Industrieschifffahrt, Ruhr und Rhein-Herne-Kanal kann man mittlerweile problemlos entlang radeln. In den großen Bildergalerien sind Fotos von diversen Sportevents, vom Kulturhauptstadtsjahr RUHR.2010, von belebten Kleingärten und Campingplätzen zu sehen. Sogar Trikots von den Fußballvereinen des Ruhrgebiets liegen hinter Glas in den Vitrinen.

Ausflugstipp für Einheimische und Zugereiste

Viele gebürtige Ruhrgebietler können sich bestimmt auf so manchem Foto wiedererkennen und finden vielleicht sogar den ein oder anderen Gegenstand aus ihrer Kindheit. Zugereiste Studenten können z.B. auch durch einen Lehrfilm den typischen Dialekt lernen. Wer dem Ruhr Musuem in Essen auf der Zeche Zollverein einen Besuch abstattet, lernt das Ruhrgebiet, seine Geschichte und Vielfältigkeiten kennen und bekommt sicher noch einen Freizeittipp für die Semesterferien mit auf den Weg. Denn so dreckig und grau wie es vielleicht einmal war, ist es heute ganz bestimmt nicht mehr.