Elektroschocker: Bereicherung oder Gefahr?

Als neugieriges Kind an den elektrischen Weidezaun packen: Nicht die angenehmste Erfahrung. Gegen die 50000 Volt starken Taser, wie sie die Berliner Polizei jetzt testet, ist das jedoch nichts. Aber wie funktionieren die Elektroschocker? Welche Vorteile, welche Gefahren gibt es? Und muss man bald auch in Dortmund mit ihnen rechnen?

Der Täter griff Beamte mit einem Messer an, die reagierten mit dem Einsatz von Pfefferspray: Wirkungslos. Zwangsläufig mussten die Polizisten in Duisburg Anfang Januar zur Schusswaffe greifen, um Schlimmeres zu verhindern; der Täter starb. In solchen Momenten der extremen Gewalt gegen Polizisten sind deren Handlungsoptionen schnell ausgedünnt. Anders hätte sich die Situation unter Umständen mit einem Taser lösen lassen: Einer Elektroschock-Pistole, die Angreifer bewegungsunfähig machen soll, ohne potentiell tödlich zu sein. In den USA gehört das schon zum Alltag der Polizisten; in Berlin wird es nun getestet.

Drei Jahre lang sollen insgesamt 20 Polizisten in Berlin-Mitte und Berlin-Kreuzberg die pistolenähnlichen Geräte auf ihre Tauglichkeit im Polizeialltag untersuchen. Bislang war der Einsatz der Waffe in Deutschland lediglich Spezialeinheiten erlaubt. Die haben in der Zeit von 2006 bis 2015 insgesamt 410 mal Gebrauch davon gemacht. Größtenteils mit Erfolg: Laut dem Polizeitechnischen Institut an der Deutschen Polizei-Hochschule in Münster sei bei 85 Prozent der Einsätze alles problemlos abgelaufen, bei den anderen 15 Prozent handele es sich um marginale Fehler, wie beispielsweise Fehlschüsse.

Testphase in Berlin

Der Berliner Innensenator Andreas Geisel erklärte den Schritt als langfristig angelegte Test- und Beobachtungsmaßnahme. „Wir können jetzt ganz genau sehen, ob und in welchen Situationen der Einsatz von Distanz-Elektroimpulsgeräten sinnvoll und hilfreich ist. Sie können möglicherweise Leben schützen und unsere Polizeikräfte vor traumatischen Situationen bewahren.“ Ob die Taser letztlich dauerhaft und vor allem flächendeckend zum Einsatz kommen werden, solle anhand der Ergebnisse des Probelaufs entschieden werden, so Geisel.

Denn anders als bei amerikanischen, schweizerischen oder österreichischen Streifenpolizisten sucht man die Waffe am deutschen Polizeigürtel bislang noch vergeblich. Auch für den privaten Gebrauch ist der Taser in Deutschland seit 2008 tabu. Der Grund: Die Waffe berge laut Gesetzgeber ein „spezifisches Gefährdungs- und Missbrauchspotential.“ Bevor man aber verstehen kann, was genau an den Elektroschockern denn eigentlich so gefährdend sein soll, empfiehlt sich ein Blick auf deren Funktionsweise.

Wie funktioniert ein Taser?

Foto: James Provost bei Flickr. Lizensiert nach Creative Commons 2.0 Generic.

Elektroschockpistole, Distanz-Elektroimpulswaffe, Elektroschocker: Das Gerät hat eine ganze Fülle an offiziellen und inoffiziellen Namen. Am geläufigsten ist jedoch mittlerweile die Bezeichnung als sogenannter Taser. Der soll in erster Linie  vor allem eines: die anvisierte Person lähmen. Die Idee dazu stammte von dem US-amerikanischen Wissenschaftler Jack Cover, der sich zur Elektroschockpistole vom Protagonisten eines seiner Jugendbücher inspirieren ließ. Ein passender Name war daher schnell gefunden: Thomas A. Swift’s Electric Rifle, kurz: Taser. Im ersten Entwurf noch eine mit Pulver betriebene Feuerwaffe, haben die meisten Taser mittlerweile eine Druckgas-Vorrichtung. So auch die Modelle, die jetzt in Berlin eingesetzt werden.

Diese Technologie ermöglicht zwei verschiedene Arten der Anwendung: Neben einem Kontaktmodus, bei dem die Stromstöße des Tasers per Körperkontakt übermittelt werden, können im Distanzmodus auch zwei oder vier kleine Projektile aus der Waffe abgefeuert werden, die sich in die Haut der anvisierten Person bohren und über dünne Drähte mit der Waffe verbunden sind. Über diese werden dann je nach Situation einer oder mehrere Stromstöße verteilt.

Das Ergebnis ist jedoch – im Idealfall – bei beiden Versionen gleich: Begleitet von dem elektrischen Knattern der Waffen, setzen für etwa fünf Sekunden das motorische und sensorische Nervensystem der getroffenen Person aus. Sämtliche Muskeln im Körper versteifen sich, die Person wird für kurze Zeit bewegungsunfähig. So können die Polizisten sie problemlos überwältigen und in Gewahrsam nehmen, ohne ihre Schusswaffen nutzen zu müssen. Die hohe Spannung des Tasers von etwa 50000 Volt wird dabei von der geringen Stromstärke (gemessen in Ampere) ausgeglichen. Vergleichen lässt sich das mit einer Wasserleitung, durch die zwar Wasser mit viel Druck fließt, die aber dafür eng ist und wenig Wasser durchlässt. Die Stromstöße, die den Menschen erreichen, sollen auf diese Weise kurz und kraftvoll wirken, ohne schädliche Neben- oder Nachwirkungen zu haben.

Gefahren der Elektrowaffe

Was jedoch manchmal ganz witzig aussehen und auch klingen mag, ist durchaus nicht ungefährlich. In den USA, in denen die Waffe sowohl Streifenpolizisten als auch in den meisten Staaten normalen Bürgern zur Verfügung steht, starben laut der Zeitung „The Guardian“ beispielsweise allein im Jahr 2015 insgesamt 47 Menschen durch Taserbenutzung von Polizeikräften. Laut der Menschenrechtsorganisation Amnesty International bestehe insbesondere Gefahr für herzschwache Menschen: Da das Herz versuche, den starken elektronischen Impulsen zu folgen und daher schneller schlägt, könne es zu Herzrhythmusstörungen oder Kammerflimmern kommen. Auch Augenverletzungen, Krampfanfälle, Lungenkollaps, Hautverbrennungen sowie Gelenk-, Muskel- und Sehnenverletzungen seien möglich. Nicht zuletzt sollte bedacht werden, dass getaserte Personen meist komplett unkontrolliert in Richtung Boden fallen, was schwere oder auch tödliche Kopfverletzungen nach sich ziehen könne.

Zudem wird häufig kritisiert, dass Polizeikräfte den Wirkungsgrad der Waffe unterschätzen, und sie zu unüberlegt oder achtlos einsetzen. Ein berüchtigtes Beispiel für diese geringe Hemmschwelle der Nutzung ist ein Vorfall im Januar 2015, bei dem ein Mann im US-amerikanischen Victorville insgesamt 27 Mal getasert worden ist.

Taser – bald auch in Dortmund?

Trotz wiederkehrender Situationen wie der in Duisburg, in der die Polizisten sich gezwungen sehen zur Schusswaffe zu greifen, ist mit Testphasen in NRW fürs Nächste jedoch nicht zu rechnen. „Solche Maßnahmen sind immer Ländersache, das wird also individuell entschieden“, so Sven Schönberg, Sprecher der Polizei in Dortmund. Bislang seien der Dortmunder Polizei derartige Pläne nicht bekannt, mit den bisherigen Dienstmitteln der körperlichen Gewalt (also Schlagstock, Pfefferspray und Schusswaffe) sei man gut aufgestellt. „Was in Berlin passiert, muss nicht zwangsläufig direkt auf andere Länder umgemünzt werden“, so Schönberg.

Zumindest ein gewisser Trend ist jedoch erkennbar: In Rheinland-Pfalz startet noch in diesem Frühjahr ein einjähriges Pilotprojekt, in Hessen wird eine solche Maßnahme derzeit heiß diskutiert.  

Titelbild: jasonesbain bei Wikipedia. Lizensiert nach Creative Commons.

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