Die Reifeprüfung: Erwachsen werden auf der Bühne

Manchester Orchestra live

Die Mitglieder des Manchester Orchestra bei einem Live-Auftritt.

Erwachsen werden ist nie leicht: Angst, Wut,  Verwirrung gehören zum Alltag jedes Teenagers. Die amerikanische Indie-Band Manchester Orchestra startete in dieser schwierigen Lebensphase so richtig durch. Im Interview sprechen sie über Freud und Leid des Erwachsenwerdens.

Aus der amerikanischen Vorstadtidylle in Atlanta, Georgia schaffte es die amerikanische Indie-Band The Manchester Orchestra sich mit ihrem neuen Album „Mean Everything to Nothing“ auch international zu etablieren.

Pflichtlektüre-Reporterin Miriam Otterbeck traf den Keyboarder der Band, Chris Freemann, und sprach mit ihm über das neue Album und den nicht immer leichten Weg des Erfolges.

Pflichtlektüre: Das Manchester Orchestra gibt’s jetzt vier Jahre und erstes Alben kam nur in den Staaten raus. Wie kommt es, dass Ihr mit dem zweiten Album so große Aufmerksamkeit in Europa bekommt?

Chris: Ich habe keine Ahnung, wie die Leute hier von uns gehört haben. Wir spielen das erste Mal in Deutschland und jedes unserer Konzerte war bisher gut besucht. Das ist echt jeden Abend ein kleiner Schock für uns (lacht).

Pflichtlektüre: In seinem Blog schreibt Andy Hall, der Sänger der Band, wie ihn die positive Reaktion auf Euer neues Album immer wieder überrascht.

Chris: Wir haben die Platte einfach aufgenommen und dann mochten die Leute sie. Vor allem die Reaktion auf die Single ‚Friends‘ war einfach unglaublich. Mit so einer positiven Reaktion haben wir echt nicht gerechnet. Das erste Album kam zwar auch ganz gut an, aber das ist auf jeden Fall noch ein Level höher. Das freut uns natürlich sehr. Und das weltweite Touren ist echt super cool.

Pflichtlektüre: Nach dem ersten Album seid Ihr lange durch die Staaten getourt. Jetzt seid Ihr auf Welttournee. Wie ist es quasi non-stop on the road zu sein?

Chris: Es ist der tollste Job der Welt, aber auch nicht immer einfach. Wir werden noch eine ganze Weile weg von zu Hause sein. Aber es ist auch toll, zum Beispiel hier in Deutschland oder in Australien und England zu spielen. In den letzen vier Jahren sind wir viel erwachsener geworden, als in den Jahren davor. Das Album ist über das Erwachsenwerden auf Tour: Den damit verbundenen Stress, die Auseinandersetzungen untereinander und zu realisieren, dass man doch noch nicht ganz erwachsen ist. Auf Tour kriegt man nie genug Schlaf und fährt oft stundenlang mit dem Tourbus durchs Land. Es war sehr intensiv und hektisch. Das machen sicher nicht viele 20-jährige durch.

Pflichtlektüre: Dann muss es ja jedes Mal schön sein, nach dem ganzen Stress wieder nach Hause zu kommen und die Ruhe der Vorstadt zu genießen?

Chris: Zurück zu Hause ist es jedes Mal so anders. Auf Tour heißt es oft los, los, los. Und wenn man dann nach Hause kommt, kann man nichts mehr so richtig mit sich anfangen. Echt ein komisches Gefühl. Auf Tour bist du eine so lange Zeit von zu Hause getrennt und wenn man dann zurück kommt soll man sich einfach wieder in das normale Leben einfügen.

Pflichtlektüre: Wie sieht der Alltag in Atlanta, abseits des Tourens, aus?

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Die Bandmitglieder Chris und Andy.

Chris: Wir haben uns vor kurzem ein Studio gemietet, was jetzt so was wie unser Clubhaus ist. Dort hängen wir dann ab, schreiben Texte, nehmen auf und so. Eigentlich müsste man ja denken, dass man nach monatelangen Touren auf engsten Raum genug voneinander hat. Aber irgendwie läuft es immer darauf hinaus, dass wir doch wieder zusammen rumhängen (lacht).

Pflichtlektüre: Und wie reagieren Eure Nachbarn auf Euren Erfolg?

Chris: Das ist manchmal echt seltsam. Wir haben einmal ein Fotoshooting in unserer Nachbarschaft gemacht. Eine Nachbarin fuhr vorbei, kurbelte ihr Fenster runter und rief uns zu: „Ich hab euch im Fernsehen gesehen. Herzlichen Glückwunsch.“. Echt lustig. Aber nicht alle sind so freundlich. Ein anderer Nachbar schreit immer über den Zaun, dass wir endlich mal das Gras mähen sollen. Die Leute denken wir sind Drogendealer oder so. Zwischendurch verschwinden wir für drei Monate und dann sind wir plötzlich zurück, sitzen in unserer Garage, rauchen Zigaretten und trinken Bier. Wir sind das Haus, das die Kinder an Halloween meiden.

Pflichtlektüre: Euer neues Album „Mean Everything to Nothing“ besteht aus zwei sehr unterschiedlichen Teilen. Die erste Hälfte ist sehr intensiv. Ein Song geht ohne Pause in den nächsten über. Inhaltlich handelt es von den Schwierigkeiten und Ängsten des Erwachsenwerdens. Wie genau habt Ihr diese Zeit erlebt?

Chris: Es war eine sehr intensive und schnelle Zeit. Als es mit der Band so richtig los ging, war unser jüngstes Mitglied gerade mal 17. Als unsere Freunde aufs College gingen, gingen wir auf große Tour. Diese Erfahrungen spiegeln sich auf jeden Fall auch in unserer Musik wieder.

Pflichtlektüre: Die Songs auf der zweiten Hälfte des Albums sind viel ruhiger und auch etwas melancholisch. Für welche Erfahrungen stehen sie?

Chris: Diese Songs handeln vom nach Hause kommen nach der Tour. Wie die Blase, in der man sich die ganze Zeit befunden hat, plötzlich platzt. Aber es geht auch darum, wie sich die Leute zu Hause verändert haben. Die Aufteilung in zwei Hälften hat sich aber ganz natürlich ergeben. Wir haben wirklich nicht so viel darüber nachgedacht, sondern einfach Musik gemacht.

Pflichtlektüre: In vielen von Euren Songs kommt Gott vor. Würdet Ihr Euch auch als Christian Rockband bezeichnen?

Chris: Alle in der Band sind Christen, trotzdem sind wir keinesfalls ne Christian Rockband. Ich glaube nicht, dass eine Band christlich sein kann. Genauso wie ein Sandwich nicht christlich sein kann. Es ist ein Sandwich oder es ist ne Band. An was wir glauben beeinflusst natürlich unsere Songs, aber das ist definitiv keine Reflektion davon, was die Band ist.

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