Containern: Essen aus dem Müll

Von Jana Hofmann

Eine frostige Nacht, kaum jemand ist jetzt noch unterwegs. Vorsichtig und leise pirschen sich Nadine, Sofie und Michael (Namen geändert) an den Supermarkt heran. Bloß nicht auffallen! Schnell huschen sie in den Hinterhof, wo der Müllcontainer steht. Die schweren Verschlussketten rasseln, behutsam und möglichst leise schiebt Nadine den Containerdeckel so weit hoch, wie es möglich ist. Sofie leuchtet mit einer Taschenlampe in den Container hinein. Da ist die Beute.

Frisches Obst und Gemüse lauert in vielen Mülleimern. Foto: Schnappschuss / pixelio.de

Frisches Obst und Gemüse lauert in vielen Mülleimern. Foto: Schnappschuss / pixelio.de

Die drei Studenten aus Bochum gehen regelmäßig auf Müll-Suche. Sie ernähren sich von dem, was die Supermärkte wegschmeißen. „Containern“ nennen sie diese Art, an Lebensmittel zu kommen. In Deutschland werden nach einer Studie der Vereinten Nationen jährlich 20 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Pro Kopf entspricht das einem Wert von 330 Euro.

Das Geld zum Einkaufen  sparen sich Nadine und ihre Freunde lieber. Zwei bis drei Mal in der Woche gehen sie los, wenn der Kühlschrank leer ist und der Magen knurrt. Bei ihren nächtlichen Streifzügen klappern die Studenten zwei Supermärkte ab. Die anderen Geschäfte in der Umgebung verschließen ihren Müll zu gut. Dort trennen die Studenten schwere Rollgitter von den Schätzen, die sich im Müll verbergen. Für Nadine ist das eine große „Sauerei“: „Das ist Müll, den müssen sie ja nicht extra bewachen. Der ist für die Supermärkte doch nichts mehr wert.“

Grenze zur Kriminalität

Studenten, die containern, gehen nur noch selten einkaufen. Foto: uschi dreiucker / pixelio.de

Studenten, die containern, gehen nur noch selten einkaufen. Foto: uschi dreiucker / pixelio.de

Für die Polizei sind die drei Studenten Diebe, schließlich gehört der Müll dem Supermarkt. Doch selbst wenn die drei etwas Illegales machen, so fühlen sie sich eher wie Robin Hood. Sie kämpfen gegen ein System, in dem alle viel zu viel wegwerfen. „Wir tun niemandem weh, wir verlassen alles wieder so, wie wir es vorgefunden haben. Selbst wenn die Polizei kommt, macht sie nichts“, erzählt Michael. Einmal sei ein Bekannter erwischt worden. Der musste dann nur seine Beute wieder in den Müll schmeißen. Trotzdem wollen die angehenden Lehrer ihre echten Namen nicht im Internet lesen. Es gäbe einfach zu wenig Verständnis fürs „Containern“.

Am Container geht dann alles ganz schnell. Sofie leuchtet mit der Taschenlampe, Nadine kramt im Müll herum. Michael packt die Beute dann ein. Unter einem dicken, blauen Müllsack findet Nadine ein „Nest“ – richtig fette Beute, alles an einem Platz. Bio-Eier, die erst in einer Woche ablaufen. Noch eingeschweißte und original verpackte Tortellini und Maultaschen. Viele Joghurts bekannter Hersteller. Bei den Minusgraden im Winter haben die Studenten keine Angst, Milchprodukte mitzunehmen – schließlich sind sie genauso wie in einem normalen Kühlschrank gekühlt.

Wenn etwas besonders tief vergraben ist, weiß Sofie sich zu helfen: Sie hat eine Grillzange dabei. Damit kann sie dann bequem in die Tiefen des Containers greifen und noch mehr Lebensmittel rausfischen. Auf Handschuhe verzichten die Studenten bewusst: „Was ich nicht anfassen will, das will ich auch nicht essen“, findet Michael. Was stinkt oder eklig aussieht, packen sie gar nicht ein. Nach nicht mal vier Minuten haben sie zwei große Rucksäcke voll und können wieder verschwinden. Beinahe unberührt sieht der Container aus, als die Studenten den dunklen Hinterhof verlassen.

Obst und Gemüse, Fleisch für Vegetarier

In vollen Mülleimern finden sich oft essbare Lebensmittel. Foto: PeeF / pixelio.de

In vollen Mülleimern finden sich oft essbare Lebensmittel. Foto: PeeF / pixelio.de

In einer kleinen Ecke hat der nächste Supermarkt seinen Abfall versteckt. Eine kleine Tonne für Obst und Gemüse – da werden Nadine, Sofie und Michael fündig. Bananen, Äpfel, Apfelsinen, Brokkoli und sogar eine reife Ananas landen in der Tasche. Im Container kramen sie wie in einer Schatzkiste: „Wir wissen nie, was wir finden, das ist wie ein großes Abenteuer“, sagt Michael. Freundin Nadine freut sich über Bio-Milchgetränke, die sie heute gefunden hat. Michael ist glücklich über Fleisch-Tortellini. Denn eigentlich ist er Vegetarier. Doch wenn er im Müll Fleisch findet, isst er das gern: „Containertes Fleisch kann ich essen. Sonst wird das Fleisch ja auch nur schlecht und das Schwein ist umsonst gestorben.“

„Containern“ geht genauso schnell wie ein normaler Einkauf. Für Nadine, Sofie und Michael gehört der Nervenkitzel dazu. „Es ist auch einfach schön, das gemeinsam zu machen. Abends kochen wir dann noch zusammen, wie in einer Familie“, erzählt Nadine. Probleme, die Beute aufzuteilen, haben sie nie – jeder nimmt sich, was er braucht. Fürs Erste haben sie den Kühlschrank voll. Doch spätestens nächste Woche gehen sie wieder auf Beutezug. Denn dass gutes Essen schlecht wird, wollen sie nicht zulassen.