Tellonym: Zwischen Liebesgeständnissen und harter Kritik

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Was denken eigentlich meine Kommilitonen über mich? Welche Dinge würden mir meine Freunde niemals ins Gesicht sagen? Über die Internetseite Tellonym lässt sich das jetzt herausfinden. Die Plattform sammelt anonyme Botschaften von Freunden und Bekannten – ganz egal, ob süßer Liebesbrief oder bittere Wahrheit.

„Tello… was?“ Eine kurze Umfrage auf dem Campus zeigt: Die neue Internetseite Tellonym ist unter Dortmunder Studierenden noch nicht sehr bekannt. Der Berliner Fachinformatiker Max Fehmerling hat sie im April diesen Jahres ins Leben gerufen. Bis jetzt zählt die Internetseite 8.650 angemeldete Nutzer; die Zahl steigt stündlich. Der Name der Seite setzt sich aus dem englischen Verb „to tell“ (erzählen) und dem Wort „anonym“ zusammen und erklärt damit bereits, worum es geht: Sich anonym etwas zu erzählen. Oder, wie es etwas ausführlicher auf der Website beschrieben ist: „Auf Tellonym kannst du anonyme Nachrichten, Meinungen, Komplimente, Geständnisse, Geheimnisse und vieles mehr von Freunden und Bekannten erhalten.“

Im Netzt stößt Tellonym auf ganz unterschiedliche Meinungen. Um mir ein Bild davon zu machen, probiere ich Tellonym selbst aus. Nachdem ich mich registriert habe, erhalte ich einen persönlichen Link. Jeder, der diesen Link hat, kann mir nun eine anonyme Botschaft hinterlassen. Ich schicke ihn deshalb an verschiedenste WhatsApp-Gruppen und poste ihn zusätzlich noch auf meiner Facebook-Seite. Damit gebe ich knapp 450 Menschen die Möglichkeit, alles über mich zu schreiben, was sie wollen. Automatisch beschleicht mich ein unbehagliches Gefühl. Was werden die Leute schreiben? Bekomme ich überhaupt Nachrichten oder gehe ich ihnen mit meinem Aufruf nur auf die Nerven?

Facebook-Aufruf

Innerhalb eines halben Tages erhalte ich unglaubliche 34 Nachrichten, sogenannte Tells. Zu meinem Erstaunen ist „Du stinkst“ der böseste Kommentar darunter, wobei ich sofort wusste, dass die Nachricht von einem guten Freund kam. Manche Menschen lassen mir einfach nur einen lieben Gruß da, andere machen mir schöne Komplimente, die mich wirklich berühren. Einige meiner Freunde verwenden Insider, sodass ich ihre Nachrichten sofort erkenne. Doch die meisten Tells kann ich nicht zuordnen, gerade bei den Komplimenten nicht. Weder zu wissen, wer mir geschrieben hat, noch etwas Liebes antworten zu können, macht mich verrückt. Schön und unterhaltsam ist es irgendwie trotzdem. 

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Dennoch: Dortmunder TU- und FH-Studierende stehen der Plattform eher kritisch gegenüber. „Wenn ich so ein großes Verlangen danach hätte, jemandem richtig die Meinung zu geigen, dann will ich auch, dass derjenige weiß, von wem das kommt“, sagt der Informatikstudent Jan Moritz Schmale (23). Auch Tim Köhler (19) würde den Leuten seine Kritik lieber ins Gesicht sagen. Der Student des Wirtschaftsingeneurwesens fügt hinzu: „Wenn ich mal Langeweile habe, könnte ich mir trotzdem vorstellen, mich bei Tellonym anzumelden. Ich hätte auch nichts dagegen, wenn mich jemand kritisiert.“ Er kann sich nicht vorstellen, dass sich die Leute nur nette Botschaften schreiben: „Wenn ich jemandem etwas Schönes sagen will, kann ich das ja auch persönlich tun.“

Mobber wollen die Bühne

Laut Gründer Max Fehmerling halten sich Hasskommentare auf Tellonym im Vergleich zu anderen Internetportalen in Grenzen: „Klar gibt es immer wieder mal Leute, die Tellonym dazu verwenden wollen, andere User zu beleidigen. Jedoch ist mir und vielen Nutzern aufgefallen, dass Beleidigungen meistens nur da erscheinen, wo sie auch von anderen Leuten gesehen werden können. Auf Tellonym sind alle Nachrichten privat, was dazu führt, dass man den Mobbern keine Bühne gibt und es schnell für sie langweilig wird.“ Kommt es auf Tellonym aber trotzdem zu extremen Nachrichten, wie Bedrohungen oder Stalking, wird der Nutzer für die Internetseite gesperrt.

Fehmerling freut sich über viele positive Rückmeldungen zu Tellonym. „Jedoch gibt es auch immer wieder Leute, die Tellonym missinterpretieren und sich dann beschweren, dass zu persönliche Daten gespeichert werden“, sagt er. Denn als Absicherung sichere Tellonym bei jedem Tell die IP-Adresse des Autors, da im Falle eine behördlichen Ermittlung sonst der Betreiber der Seite haftbar gemacht werden könne. „Verfolgt wird von Seiten Tellonyms aus nichts“, erklärt er. 

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Über den Sinn von Tellonym lässt sich – wie bei so vielen Internetplattformen – streiten. Definitiv klar ist allerdings: Wer sich auf der Internetseite anmeldet, sollte sich fragen, ob er im Zweifel auch Kritik vertragen kann. Ob sich Tellonym auf lange Sicht durchsetzt, ist fraglich. Denn nachdem ich meinen Link geteilt habe und meine Freunde mir Botschaften hinterlassen haben, ist erstmal Schluss mit dem digitalem „fishing for compliments“. Ab diesem Moment an habe ich keinen weiteren Antrieb, Tellonym weiter zu nutzen. Für mich persönlich war das Selbstexperiment trotzdem voller schöner Überraschungen.

Der Gründer: Max Fehmerling
max-fehmerlingAnfang April hat Fehmerling Tellonym ins Leben gerufen. Der 19-Jährige macht in Berlin eine Ausbildung als Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung. Seine Idee für Tellonym entstand, als er von Twitter-Seiten hörte, die anonyme Botschaften an andere Menschen versenden. Dazu mussten Nutzer eine private Nachricht an den Betreiber der Seite schicken, der diese einzeln anonym weiterleitet. So kam Fehmerling der Einfall, diesen Vorgang zu automatisieren.