Kommentar:
Heuchlerischer Selfie-Wahn bei der EM

Ronaldo

Wer hätte nicht gern ein Selfie mit seinem Idol? Bei der Fußball-Europameisterschaft ist das zwei Fans gelungen: auf dem Spielfeld, mit Cristiano Ronaldo. Die Uefa propagiert dennoch die sicherste EM aller Zeiten. Verband, Sicherheitsdienst und Medien sollten eine klare Linie fahren. Noch ist zwar alles gut ausgegangen, der Selfie-Wahn könnte aber auch gefährlich werden.

Tatort Nummer eins: Nach dem Vorrundenspiel zwischen Portugal und Österreich in Paris, steht ein junger Mann auf einmal auf dem Spielfeld. Die ganze Welt fiebert mit, ob der Ronaldo-Fan neben seinem Idol die Kamera-App auf seinem Smartphone öffnen kann. Er schafft es schließlich.

Der sonst so arrogant wirkende Ronaldo war plötzlich sympathisch. Auch auf die zweite Selfie-Aktion reagierte der 31-Jährige gelassen. Vor dem Halbfinalspiel gegen Wales schoss eine Uefa-Volunteer ein Bild mit dem Spieler von Real Madrid. Ein anderer Jugendlicher setzte noch einen drauf und schlich sich sogar mit auf das Mannschaftsbild der portugiesischen Nationalelf.

Wie kommt man eigentlich so nah an die Spieler heran?

Der Sicherheitsdienst scheint hier auf jeden Fall zu schlafen. Nutzen die Flitzer*innen den Überraschungsmoment oder sind die Ordner*innen einfach nur schlecht ausgebildet? In der Bundesliga gibt es solche Aktionen jedenfalls deutlich seltener. Klar, noch ist nichts passiert, aber das ist nur eine Frage der Zeit. Die drei Fußballfans waren in friedlicher Absicht unterwegs. Das ist aber auch immer erst im Nachhinein offensichtlich. Den Menschen kann man nur vor den Kopf gucken. In Zeiten von Terrorismus – vor allem in Frankreich – ist es ratsam, mit größter Vorsicht zu agieren.

Es gibt wohl keine*n Fußballer*innen, der sich selbst so gut vermarktet wie Ronaldo. Entweder man mag ihn oder halt nicht. Arrogant, unsympathisch und selbstverliebt: So würden ihn seine Kritiker*innen wohl beschreiben. Die fußballerische Qualität kann ihm niemand, der sich nur ansatzweise als Fußballfachmensch bezeichnet, absprechen.

Sportlich lief es bei der EM für ihn persönlich lange Zeit nicht gut. So eine Aktion ist natürlich passend, um sich selbst als absoluten Sympathieträger zu inszenieren. Eine Einladung, die Cristiano Ronaldo gern annimmt. Damit nutzt er die gefährlichen Sicherheitslücken egoistisch und eiskalt aus.

Eine klare Linie der Uefa fehlt

Die Chance, ein Selfie mit seinem größten Helden zu ergattern, wird natürlich auch Nachahmer*innen anlocken. Schließlich erhält man diese Möglichkeit nur einmal im Leben. Wer rennt im Halbfinale zwischen Deutschland und Frankreich aufs Feld, um sich mit Müller oder Griezmann fotografieren zu lassen? Es funktioniert ja. Abschreckung gleich Null.

In gewisser Weise kann ich deshalb alle Menschen verstehen, die für den Moment ihres Lebens ihr Herz in die Hand nehmen. Diesen Kreislauf sollte die Uefa schnellstens unterbrechen und beim nächsten Mal härter durchgreifen – was sie natürlich nicht machen wird. Denn diese Szenen stellen den Verband allemal in ein besseres Licht, als sich auf der Tribüne prügelnde Hooligans oder brennende Bengalos. Die drei Selfie-Aktionen flackerten dagegen lange genug über die TV-Bildschirme.

Die Medien und Fans springen ebenfalls mit auf diesen Zug auf, indem sie Ronaldo und die drei Fotografen dafür feiern. Sind das die emotionalen Fußballmomente, die wir alle sehen wollen? Oder besser gesagt: sehen sollen? In ein paar Wochen wird wieder von den „sogenannten Fans“ geredet, die angeblich den Fußball für ihre eigenen Zwecke missbrauchen – weil sie nicht stumm im Stadion sitzen. Platzstürme sind da übrigens auch ein beliebter Aufhänger. Auf diese Menschen können die Fußballverbände dann draufhauen, um die eigenen Makel zu überdecken. 

Aber: Gegen die Stadionordnung verstoßen auch die Flitzer*innen. Das ist heuchlerisch! 

Beitragsbild: flickr.com/Ludovic Péron/zur Verwendung freigegeben durch Creative Common 2.0

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