Das Duell: Frauen-WM – ein Muss?

DAS DUELL: Philipp versus Carina

29 Millionen Frauen auf der Welt spielen Fußball. Einige der Damen derzeit in Deutschland um den Weltmeistertitel. Erinnerungen an die WM 2006 werden wach. Volle Fan-Meilen, Meer aus Autofahnen und Rudelgucken. Damals haben die Fußball-Männer uns ein Sommermärchen beschert. Aber ist deswegen auch in diesem Jahr Fan-Freude Pflicht? Müssen wir uns jetzt bei den Frauen etwa genauso freuen?

PRO
CONTRA

Ja, das müssen wir. Für mich führt an Frauenfußball diesen Sommer kein Weg vorbei. Jeden Tag Live-Fußball im Fernsehen, meist sogar zwei Spiele – Fußballherz, was willst du mehr?

Das sieht auch der Großteil der deutschen Bevölkerung inzwischen so: 16 Millionen Zuschauer gegen Frankreich – das ist eine starke Quote. Zum Vergleich: Das dritte Gruppenspiel der Männer bei der Heim-WM 2006 sahen 21 Millionen im TV. Deshalb kann von einer Fan-Freude-Pflicht auch überhaupt keine Rede sein. Deutschland ist im Frauenfußball-Fieber, und das ist auch gut so!

Der Ball ist rund und das Spiel dauert 90 Minuten

Auch wenn die beiden ersten Spiele der deutschen Elf nicht unbedingt fußballerische Leckerbissen waren: Spätestens das Spiel gegen die Französinnen hat gezeigt, dass Frauenfußball genau das hergibt, was wir alle am Fußball so lieben: Spannung, Tore und Emotionen.

Und dass Nationaltrainerin Silvia Neid mit ihrer Mannschaft größere Erfolge feiern können als die Jungs von Jogi Löw kann niemand bestreiten. Da machen ja alleine schon die Erfolgsaussichten fußballhungrig. Angesichts dieser Tatsachen muss selbst Lothar Matthäus feststellen: „Wir können uns auf die WM freuen, weil wir eine tolle Mannschaft haben. Und das gilt nicht nur für das Optische.“ Dem kann ich mich nur anschließen, denn der Mann hat Ahnung. Zumindest von Frauen.

Der kleine, aber feine Unterschied

Eines muss aber jedem klar sein, der das vielzitierte Wort vom „Sommermärchen“ in den Mund nimmt: Die Dimensionen sind komplett anders. Und deshalb ist es auch kein Problem für die Stimmung, wenn nicht alle Stadien ausverkauft sind, wenn nicht jeder zweite Passant in der Fußgängerzone schwarz-rot-gold trägt. Die oben genannte Quote beweist es: Deutschland steht hinter seinen Mädels. König Fußball ist noch zwar noch keine Königin, das würde allerdings auch an ein Wunder grenzen, denn immerhin fand die erste Männer-WM mehr als 60 Jahre vor der ersten Frauen-WM statt. Wenn man diesen Vergleich immer im Hinterkopf behält, wird einem bewusst, was da gerade Großartiges vor sich geht in unserem Land.

Neue Horizonte entdecken

Die WM 2011 kann für den Frauenfußball endlich der ganz große Durchbruch sein – in Deutschland, aber auch weltweit. Zurzeit hat ein Bundesligaspiel der Frauen durchschnittlich 800 Besucher. Durch die WM steigt der Bekanntheitsgrad der Spielerinnen, nicht nur die deutschen, sondern auch die vielen Ausländerinnen, die in Deutschland unter Vertrag stehen bekommen große Aufmerksamkeit. Das macht Lust auf mehr Frauenfußball, nicht nur in der Sommerpause.

Jedem sein eigenes Sommermärchen

Und was hat die Geschlechterfrage überhaupt mit Patriotismus zu tun? Alle Menschen, die alle zwei Jahre die Flagge schwenken, die Hymne singen und erklären, wie stolz sie auf ihr Land sind – wo sind sie? Oder sind Prinz, Angerer und Laudehr etwa keine Repräsentantinnen Deutschlands?

Auch wenn die Euphorie der Fans an 2006 nicht heranreichen wird und kann: Für die Nationalspielerinnen, die bislang immer reichlich stiefmütterlich behandelt wurden, ist es ein Sommermärchen. Und für jeden und jede, der mit ihnen unserer Nationalmannschaft fiebert, leidet und jubelt gibt es keinen großen Unterschied zwischen 2006 und 2011.

Deshalb sage ich: Frauenfußball hat die gleiche Anerkennung verdient wie Männerfußball. Und am Samstagabend ist daher Einschalten und Daumen drücken absolute Pflicht, damit die Frauen das vollenden, was die Männer vor fünf Jahren angefangen haben: den Titel im eigenen Land zu holen.

Nein, das müssen wir nicht. Denn Fan-Freude und Fußball-Euphorie kann man nun mal nicht verordnen. Und das hat auch nichts mit Stammtischparolen zur sportlichen Qualität à la „Frauen spielen schlechten Fußball – die sollen mal schön weiter Eiskunstlaufen!“ zu tun. Natürlich geht es auch nicht um Emanzipation und Gleichberechtigung, die zunichte gemacht werden sollen.

Frauen sollen Fußball spielen – genauso, wie Männer auch Eiskunstlaufen. Aber, dass wir zugucken und ein ganzes Land in endlose Euphorie ausbricht, das kann nicht angeordnet werden. Und, wer uns trotzdem ein Sommermärchen aufzwingen will, steht mit dieser Idee im Abseits.

Mit Lippenstift und Puder

Denn auch mit feinsten Marketing-Strategien rollt der Begeisterungs-Ball bei vielen in’s Aus. Zugegeben, das „Mannsweiber“-Image ist dank spärlich bekleideter Junioren-Spielerinnen im Männermagazin und mit Lippenstift und Puder ausgerüsteten National-Fußballerinnen im Elektromarkt-Spot vom Platz. Aber: Kicken und Kajal? So wird doch nur suggeriert, dass auch Frauen, die Fußball spielen, gut aussehen können. Und das macht zwar die Frauen attraktiver, damit aber noch lange nicht den Sport.

Einsatz der Damen auf dem Feld

Deswegen ist es logisch, dass jetzt viele TV-Zuschauer die rot lackierten Fingernägel von Lira Bajramaj aus der Sportartikel-Werbung kenne. Wer aber hat noch ihre Fehlpässe vom WM-Eröffnungsspiel vor Augen? Und auch die Gesichter von Birgit Prinz oder Silvia Neid habe die geneigten Reklame-Rezipienten im Einsatz für Kaffeeröster und Briefzusteller bereits unzählige Male gesehen. Aber ist ihnen der Einsatz der Damen auf dem Feld und am Spielfeldrand genauso präsent? Das Interesse für die Frauen mag größer geworden sein, das Interesse für Frauenfußball steht aber in keinem Verhältnis dazu. Und deshalb scheint es nur konsequent, dass auch die große Fan-Freude ausbleibt. Was nicht sonderlich interessiert, fasziniert und euphorisiert eben auch nicht.

„Rudelgucken – Wieso das denn?“

So flimmerte neulich beim Geburtstag einer Freundin im Hintergrund Frauenfußball über den Fernseher. Jemand fragte: „Ist das eigentlich schon das Finale?“ Bei der Arbeit wurde neulich über das Fernsehprogramm diskutiert. Jemand fragte: „Läuft die Frauen-WM eigentlich schon?“ Und vor kurzem beim Bummel über den Alten Markt der Fußballstadt Dortmund sah ich eine Leinwand, viele leere Plastikstühle und Blümchen auf den Tischen. Und auch ich fragte mich kurz: „Rudelgucken – Wieso das denn?“

Nicht auf Ansage freuen

Die Frauen-WM im eigenen Land ist einfach nicht so präsent in den Köpfen aller Deutschen und das kann man auch nicht künstlicher herbei führen. Da können noch so viele schwarzrot-goldene Fähnchen verschenkt werden. Das Interesse am gemeinschaftlichen Verfolgen der Spiele, die Vorfreude auf Fiebern bis zum Finale, das Zusammen-Feiern und glücklich In-die-Arme-Fallen entsteht aus einer Gruppendynamik, ganz natürlich und man kann das nicht erzwingen. Da können noch so viele feminine Werbesports geschaltet werden, noch so viele „total-intime“ Artikel in Boulevard-Zeitungen erscheinen und sich noch so viele Kickerinnen nackig machen. Man kann sich nicht auf Ansage freuen. Und das war sogar schon vor der Frauen-WM dem DFB-Präsident Theo Zwanziger klar, als er zur erwarteten Stimmung im Land sagte: „Wir dürfen hier nicht in eine sachwidrige Euphorie ausbrechen.“

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Foto: stockxchng/ bizior, Montage: Falk Steinborn, Teaserfoto: pixelio.de / Rainer Sturm