Intelligenz macht erfolgreich

In den USA und einigen anderen Ländern ist er bereits Teil eines typischen Bewerbungsverfahrens: Der Intelligenztest. Neben den erworbenen Zeugnissen, dem Auftreten im Bewerbungsgespräch und anderen wichtigen persönlichen Eigenschaften werden Bewerber auch auf ihre kognitive Leistungsfähigkeit geprüft. Bereits vor zwanzig Jahren zeigte eine amerikanische Studie, dass solche Tests im Vergleich zu anderen Auswahlverfahren die größte Vorhersagekraft für den späteren beruflichen Erfolg besitzen.

Die Studie eines Bonner Psychologen zeigt: Viel im Kopf zu haben, zahlt sich aus. FOTO: Eike Strunk

Die Studie eines Bonner Psychologen zeigt: Viel im Kopf zu haben, zahlt sich aus. Foto: Eike Strunk

Diesen Zusammenhang untersuchte der Psychologe Jochen Kramer in seiner Doktorarbeit an der Friedrich-Wilhelm-Universität Bonn erneut. Insgesamt 288 deutsche Studien aus den vergangenen achtzig Jahren verglich der Wissenschaftler in einer sogenannten Metaanalyse. Seine Ergebnisse bestätigen die vorherigen Annahmen. „Im Allgemeinen ist es so, dass intelligente Personen Ausbildungen und Weiterbildungen besser abschließen, am Arbeitsplatz besser bewertet werden, eher Karriere machen und auf lange Sicht mehr verdienen.“

Die Ergebnisse seiner Studie beziehen sich zwar vor allem auf Berufe wie Handwerks-, Industrie-,  Ingenieur- und allgemeine Bürotätigkeiten. Trotzdem gelte der Zusammenhang für alle Jobs, so Jochen Kramer. Deshalb fordern er und andere Fürsprecher, Intelligenztests auch in Deutschland flächendeckend in Bewerbungsverfahren einzubeziehen.

Entwicklungsland Deutschland

Psychologen fordern Intelligenztest für Bewerber auch in Deutschland. Foto: Gert Altmann / pixelio

Psychologen fordern Intelligenztest für Bewerber auch in Deutschland. Foto: Gert Altmann / pixelio

„In dieser Hinsicht ist Deutschland ein Entwicklungsland“, sagt auch Rüdiger Hossiep von der Ruhr-Universität Bochum. Der Psychologe und Wirtschaftswissenschaftler warnt vor dramatischen Folgen. „Durch falsche Bewerberauswahl entsteht ein beträchtlicher wirtschaftlicher Schaden, wahrscheinlich im dreistelligen Milliardenbereich, weil die Potentiale nicht optimal ausgeschöpft werden.“ Verantwortlich dafür macht Hossiep vor allem politische Fragen. „In Deutschland herrscht ein Gleichheitsgebot. Intelligenztests werden leider oft als nicht korrekt angesehen, obwohl es über 800 wissenschaftlich geprüfte und ausgearbeitete Testverfahren gibt“, sagt Rüdiger Hossiep.

Sein Bonner Kollege glaubt zudem: Viele Personalverantwortliche erkennen nicht, dass akademische Intelligenz und Leistung am Arbeitsplatz zusammenhängen. „Das ist aber genau das, was ich mit meiner Studie zeigen konnte“, so Jochen Kramer.  Ein weiteres Problem sieht der Psychologe in der mangelnden Akzeptanz von Intelligenztests bei den Bewerbern. Denn auch sie sehen keinen Zusammenhang zwischen den Testaufgaben und den Aufgaben am Arbeitsplatz. In neueren Testverfahren wird deshalb viel Wert darauf gelegt, dass die Aufgaben Bezug zum Arbeitsalltag der Bewerber aufweisen.

Chance für die Bewerber

Darin liegt für Jochen Kramer auch die Chance, dass die Bewerber selbst von Intelligenztests profitieren können – sofern die Ergebnisse fachkundig vermittelt werden. „Es nützt den Bewerbern wenig, wenn sie erfahren, dass ihr IQ über oder unter dem Durchschnitt liegt“, erklärt der Psychologe. „Es ist viel besser, ihnen mitzuteilen, wo ihre Stärken und Schwächen liegen. Kennt man diese, lässt sich daraus ableiten, an welcher Stelle man sich auf sich selbst verlassen kann und wo Unterstützung nötig ist.“

Die Ergebnisse von Intelligenztests könnten also dabei helfen, die eigenen Potentiale besser einzuschätzen und so auch die Berufswahl zu erleichtern – gerade bei geistig sehr anspruchsvollen Jobs sei das wichtig. „Je höher die kognitiven Anforderungen sind, desto größer ist der Zusammenhang zwischen Intelligenz und der Leistung in Ausbildung und Beruf. Es ist deshalb gut, wenn die Menschen bei ihrer Studien- und Berufswahl auch überlegen, ob sie einen Beruf kognitiv bewältigen können.“

Als Personalchef würde Jochen Kramer auf Intelligenz der Bewerber testen. Foto: privat

Als Personalchef würde Jochen Kramer auf Intelligenz der Bewerber testen. Foto: privat

In Deutschland soll diese Aufgabe größtenteils vom dreigliedrigen Schulsystem bewerkstelligt werden: Schüler von Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien streben im Allgemeinen unterschiedliche Berufe an – auch weil sich ihre Intelligenz im Durchschnitt unterscheidet. „Das System hat aber auch Lücken. Gerade beim Abitur kommen die Bewertungen auch über Anpassungsleistungen wie Fleiß oder Kommunikationsfreudigkeit zustande“, gibt Rüdiger Hossiep zu denken. „Dementsprechend sind Rückschlüsse auf Intelligenz aus den Schulabschlüssen nur bedingt möglich.“ Direkte Intelligenztests in Bewerbungsverfahren könnten hier Abhilfe schaffen, darüber sind sich beide Psychologen einig.

Auch andere Faktoren sind wichtig

Trotz seiner Ergebnisse betont Jochen Kramer jedoch, dass Klugheit allein nicht über die Karrieremöglichkeiten eines Menschen entscheidet. Viele andere Faktoren können, je nach genauem Berufsbild, eine entsprechende Rolle spielen. „Bei Handwerkern ist beispielsweise Geschicklichkeit mit den Händen besonders wichtig, technische Zeichner benötigen vor allem das räumliche Vorstellungsvermögen.“

Eigenschaften wie Fleiß, Kontaktfähigkeit, sozialer Scharfsinn, Vertrauensbildung und nicht zuletzt Interesse am eigenen Beruf seien immer von Vorteil. In vielen Berufen ist zudem emotionale Intelligenz gefragt. Trotzdem ist sich Jochen Kramer sicher: „Als Personalchef würde ich mir auf jeden Fall ein Bild von der allgemeinen Intelligenz meines zukünftigen Mitarbeiters verschaffen.“

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