„Ich war ein Arschloch“

Sascha Bisley hat einen Menschen getötet und saß dafür ein Jahr lang in Untersuchungshaft. Im Gefängnis ist aus dem chronischen Gewalttäter ein anderer Mensch geworden. Anfang März hat er seine Biografie „Zurück aus der Hölle“ veröffentlicht. Ich habe Sascha Bisley in seiner Wohnung in der Dortmunder Nordstadt besucht und mit ihm über die schlimmsten Monate seines Lebens gesprochen. 

Bisley_Portrait

Wenn Sascha Bisley lacht, dann bewegt sich das kleine Messer neben seinem linken Auge mit. In seinem Gesicht ist es bisher das einzige Tattoo, aber das soll sich bald ändern. Der Rest seines Körpers sei ja schließlich schon so gut wie voll, erklärt er und blickt auf seine Hände, die ebenfalls mit schwarzen Schriften und Zeichen bedeckt sind.

Sascha hat mich in seine Wohnung in einer alten Fabrik in der Dortmunder Nordstadt eingeladen. Sie ist groß und hell und vollgestellt mit Persönlichem und Kuriosem. Nur der graue Boden lässt erkennen, dass hier mal Senf hergestellt wurde. Der Boden ist ein Zeichen der Vergangenheit, ebenso, wie Sascha Bisleys Tattoos aus seiner Vergangenheit als gewalttätiger Jugendlicher stammen. 

Eigentlich kommt Sascha Bisley aus einer kleinen Ortschaft im Sauerland, deren Namen er den Medien lieber nicht nennt. Wie genau er als junger Mann in die Gewalt- und Drogenszene gerutscht ist, könne er heute gar nicht mehr genau sagen. Er habe sich einfach grundsätzlich gerne mit „dunklen Dingen“ umgeben, sagt er. In den meisten Fällen hieß das: Gewalt austeilen oder einstecken.

Sascha ist 19, als er sich mit einem Freund betrinkt und einen Obdachlosen so heftig verprügelt, dass dieser an den Spätfolgen seiner Verletzungen stirbt.

 

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Nach der Schlägerei fühlt er sich gut, solche Nächte voller „dunkler Dinge“ hat er schon oft erlebt. Sascha ist sich keiner Schuld bewusst. Er ahnt nicht, dass er bald für den Tod eines Menschen verantwortlich sein würde. Als Sascha zu Hause ankommt ist immer noch betrunken, hat 3,3 Promille intus. In der Wohnung seiner Mutter macht er sich noch ein Leberwurstbrot und schläft dann ein, ohne zu wissen, dass das vorerst seine letzte Nacht im eigenen Bett sein wird. Am nächsten Morgen klingelt ein SEK an seiner Tür.

 

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Sascha glaubt an ein Missverständnis. Er habe schon geplant, erzählt er, die Geschichte am Abend auf einer Party zu erzählen. Doch diese Party hat Sascha nicht mehr besucht. Er muss ins Gefängnis. Dank Jugendstrafrecht, einer günstigen Sozialprognose und der verminderte Steuerungsfähigkeit durch den Alkohol kommt er nur für ein Jahr in Untersuchungshaft. Doch das reicht, um ihm zu zeigen, dass es Dinge gibt, für die er vielleicht doch nicht hart genug ist.

 

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Man merkt, dass Sascha Bisley gerne redet, er selber weiß das auch. Deshalb war es besonders schlimm für ihn, dass das im Gefängnis nicht mehr so einfach und ungezwungen möglich war und er niemandem so richtig trauen konnte: „Es gibt keine Freund im Gefängnis. Selbst die Leute, die sich dir gegenüber nett verhalten, sind im Endeffekt immer eine Gefahr.“ Menschliche Interaktion sei deshalb kaum möglich gewesen und das einzige was Sascha in dieser Zeit blieb, war er selbst.

 

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Wenn Sascha Bisley heute sagt, dass er ein schönes Leben führt, dann glaubt man ihm das auch. Er ist mittlerweile Sozialarbeiter und besucht in seinen Kursen mit schwer kriminellen Jugendlichen auch immer wieder sein altes Gefängnis – arbeitet dort, wo er mal Insasse war. „Ich habe oft die Möglichkeit anders an die Jungs dranzukommen, einfach durch meine Optik und durch das, was ich erfahren habe. Die sehen, dass ich am selben Punkt war wie sie und, dass ich jetzt mit ihnen arbeite. Das zeigt ihnen, dass da, wo sie jetzt sind, nicht Endstation sein muss.“

Vom Gewalttäter zum Sozialarbeiter. Eine Verwandlung, die bei Sascha Bisley erst im Gefängnis angefangen hat. Trotzdem zweifelt er am System Gefängnis. „Es steht und fällt mit der Person, die dort einsitzt.“ Wenn jemand bereit sei, sich zu verändern, könne der Strafvollzug funktionieren.  Die stumpfe Verwahrung, die Sascha in seiner Zeit im Gefängnis erlebt hat, könne über lange Zeit aber nur zermürben und damit „nach hinten losgehen“.

 

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