Von Beruf: Fan

Gleißendes Sonnenlicht scheint Jan-Henrik Gruszecki ins Gesicht. Es ist warm an diesem Tag im Jahr 1988. Ein kleiner schwarzhaariger Lockenkopf erweckt die Aufmerksamkeit des Vierjährigen. Jan-Henrik steht gemeinsam mit seinem Vater im Stadion des Fußballvereins SSC Neapel. Familie Gruszecki verbringt gerade ihren Sommerurlaub in Italien. Ein Übersteiger folgt dem nächsten, ein Dribbling ist spektakulärer als das andere, der Lockenkopf mit der Rückennummer 10 hat Jan-Henrik angesteckt, angesteckt mit dem Virus Fußball. Diego Armando Maradona ist der Name des flinken argentinischen Mittelfeldakteurs, der Jan-Henrik vor 25 Jahren zum Fußballverrückten hat werden lassen.

Jan-Henrik Gruszecki

Teaserbild Foto: Privat
Jan-Henrik auf Stadionbesichtigung in Argentinien. Foto: Privat

Richtig losgelassen hat den gebürtigen Ostwestfalen dieser Tag im Stadio San Paolo nie. Als er während seines Medienkommunikations-Studiums ein Auslandssemester in Paraguay verbrachte, fuhr er jedes Wochenende in die argentinische Hauptstadt Buenos Aires, um Fußball zu gucken. „32 Stunden im Bus nach Buenos Aires. Ich habe mich dann einfach in die Stadt verknallt. Und ich wusste, dass ich nach meinem Studium wieder zurückgehen würde“, erklärt Jan-Henrik seine Liebe zur Metropole. Nach seinem Studium im Jahr 2007 wagte der 29-Jährige dann auch den großen Schritt von Bielefeld nach Buenos Aires – mit einer Geschäftsidee im Gepäck.

Mache aus Leidenschaft Beruf

An Argentinien begeistert ihn vor allem die Leidenschaft, mit welcher der Fußball dort gelebt wird. Anders als in Deutschland singt dort oftmals das ganze Stadion die Lieder mit. Eine vergleichbar intensiv gelebte Liebe zum Verein gibt es in Deutschland nur selten. Als BVB-Fan schreit sich Jan-Henrik zwar alle zwei Wochen auf der Südtribüne die Kehle aus dem Hals und auch keine Auswärtsfahrt ist ihm zu weit, in Südamerika sei ein Stadionbesuch dennoch intensiver. Riesige Banner und Fahnen schmücken die Fanblöcke, alles ist ein wenig bunter und lauter. Jan-Henrik münzte seine Begeisterung zum argentinischen Fußball und dessen Kultur in einen Job um.

Argentinische Fans im Stadion

Frenetische Fans bei einem Spiel der ersten argentinischen Liga Foto: Pasion Latina

 

Jan-Henrik bei der Arbeit

Jan-Henrik bei seiner Arbeit. Unterwegs mit Touristen durch argentinische Fußballstadien. Foto: futboltotal-buenosaires.com

Er kennt sich im Buenos Airischen Fußball so gut aus, dass er auch Touristen den einheimischen Fußball-Enthusiasmus näher bringen möchte. Wichtig ist ihm dabei, dass er den Sport zeigt, der sich abseits der beiden großen Hauptstadt-Klubs Boca Juniors und River Plate bewegt: „Es gibt schon viel Fußball-Tourismus um Boca und River hier. Doch Fußball in Buenos Aires ist einfach viel mehr.“ Mit seinen Kunden fährt Jan-Henrik dann vor allem in Viertel, die ein normaler Tourist sonst nicht zu sehen kriegt. Auch so kann sich ein schönes Bild von Buenos Aires entwickeln, ist er sich sicher. Aus der anfänglichen One-Man-Show ist mittlerweile eine vierköpfige Firma für Fußballführungen geworden. Auch nach seiner Rückkehr nach Deutschland im Jahr 2012 betreut er weiterhin aus der Entfernung die Geschäfte in Argentinien.

Ultra als Teeny

Seit seiner Ankunft in der neuen Wahlheimat Dortmund kann Jan-Henrik wieder mehr seiner Leidenschaft zum Ballspielverein frönen. Aber auch hier reicht ihm ein einfaches Fandasein nicht aus. 1999 war er im zarten Alter von 14 Jahren dabei, als sich eine der ersten organisierten Fangruppierungen in Dortmund formierte, Desperados Dortmund. Weitere zwei Jahre später gehörte er zu den Gründern der bis heute größten Dortmunder Ultragruppe The Unity. Nach seinem fünfjährigen Auslandsaufenthalt rückte er ein weiteres Mal in den Fokus der Öffentlichkeit. Im Rahmen der Ultra-Proteste gegen eine strengere Reglementierung des Stadionbesuchs leistete er viel Öffentlichkeitsarbeit für das Projekt „12:12 – Ohne Stimme keine Stimmung“.

Football all around the world

Jan-Henrik Gruszecki

Hier fühlt er sich am wohlsten: im Stadion. Foto: golazo.de

Doch für ihn beschränkt sich seine Fußballwelt nicht nur auf Argentinien und Dortmund. Jan-Henrik ist ein Groundhopper. Groundhopper reisen um die Welt, um möglichst viele verschiedene Stadien und Fußballspiele gesehen zu haben. Mehr als 60 Länder hat er auf seinen Reisen bereits besucht. Wie viele Stadien es genau sind, weiß er nicht mehr: „Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen.“ Neben der Liebe zum Sport reizt ihn vor allem die Möglichkeit, über den Fußball andere Kulturen kennen zu lernen. „Es gibt nur wenige andere Möglichkeiten, mehr über ein Land zu erfahren als durch den Fußball“, glaubt er. Dass solche Begegnungen nicht immer positiv ausfallen, erlebte Jan-Henrik Anfang des Jahres in der Ukraine. In einem Spiel zwischen Dynamo Kiew und Girondis Bourdeaux zeigte die halbe Kurve den Hitler-Gruß und skandierte „Dynamo Heil, Dynamo Heil“. „Das ist schon bedenklich“, gibt er zu, doch glücklicherweise gehören solche Situationen zu den Ausnahmen.

Sein großes Fußballwissen hat ihn in der Szene bereits so bekannt gemacht, dass er ausgewählte Reisen von einem befreundeten Filmemacher fürs Fernsehen dokumentieren ließ. Für ZDFinfo reiste der Agenturchef zusammen mit einem Bekannten in einer dreiteiligen Serie durch England, Italien und vor der Europameisterschaft 2012 in die Ukraine und Polen. Mitte November machte sich Jan-Henrik ein weiteres Mal nach Argentinien auf. Entstehen wird die Dokumentation „Buenos Aires – Geschichten aus der Welthauptstadt des Fußballs“, in der er sich seiner ganz großen Liebe erstmals filmisch widmet.

Ein Mammutprojekt

Sein bislang größtes Projekt steht Jan-Henrik aber noch bevor. Gemeinsam mit seinem Freund und Filmkollegen Marc Quambusch und WDR-Moderator Gregor Schnittker arbeitet er derzeit an einem Film über den Gründungsvater des BVB, Franz Jacobi. Mehr als 200.000 Euro haben die drei mittels Crowdfunding von BVB-Fans gesammelt, sodass der Film produziert werden kann (pflichtlektuere.com berichtete). Ein Mammutprojekt im Vergleich zu den Dokumentationen seiner Reisen. Gerade der historische Aspekt des Films kostet viel Zeit. Zeit, die Jan-Henrik aber gerne für seinen Verein investiert. Eine seiner Dokus eröffnete er einst wie folgt: „Fußball ist ganz einfach das Wichtigste in meinem Leben.“

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