Brain Painting

Bunte Formen auf einem Computerbildschirm. Ein wenig, wie eine erweiterte Version von Paint. Doch diese Punkte hat niemand per Mausklick auf den Bildschirm gebracht. Sie sind allein durch Gedanken entstanden. Der Künstler Adi Hoesle und die Würzburger Psychologie-Professorin Andrea Kübler haben gemeinsam ein Malprogramm entwickelt, das direkt über Gehirnströme gesteuert wird: Brain Painting.

Dieses Gemälde wurde mit Hilfe von Brain Painting erstellt.

Dieses Gemälde wurde mit Hilfe von Brain Painting erstellt. Fotos: www.brain-painting.com

Die Basis des Programms bilden sogenannte Brain-Computer-Interfaces (BCI), also Schnittstellen zwischen Computer und Gehirn. Diese werden bereits für einfache Computerspiele wie Ego-Shooter eingesetzt. Doch die Entwicklung des Brain Paintings ist viel mehr als Spielerei: Sie ermöglicht gelähmten Patienten wieder kreativ zu werden.

Gerade für Menschen, die unter dem sogenannten Locked-In-Syndrom leiden, also bei vollem Bewusstsein in einem bewegungslosen Körper gefangen sind, kann Brain Painting einen erheblichen Gewinn an Lebensqualität bedeuten. „Durch Brain Painting sind die Patienten wieder in der Lage, selbst etwas zu schaffen. Das steigert ihr Selbstwertgefühl und sie fühlen sich stärker integriert“, beschreibt Adi Hoesle, der das Projekt künstlerisch leitet.

Individuelle Betreuung

Anders als ein normales Computerprogramm, kann man die Brain-Painting-Software nicht einfach kaufen und benutzen. Bisher ist die Technik so aufwändig, dass die Patienten intensiv betreut werden müssen. Dazu kommt das Team um Adi Hoesle zu den Patienten nach Hause. „Man baut auch eine perönliche Beziehung zu den Menschen auf“, sagt Hoesle.

Von seinem Bett aus arbeitet ALS-Patient Reinhard Fissler an seinem Werk "Licht am Ende des Tunnels"

Von seinem Bett aus arbeitet ALS-Patient Reinhard Fissler an seinem Werk "Licht am Ende des Tunnels"

Nach einem Vorgespräch geht es ans Werk. Am Kopf des Patienten werden Elektroden befestigt, die seine Hirnströme messen. Damit sie Kontakt zur Kopfhaut haben und nicht verrutschen, stecken sie in einer Art Badekappe, unter die ein Kontaktgel gespritzt wird. Bevor das Malen beginnen kann, muss der Computer auf die Hirnströme des Patienten eingestellt werden. Dafür wird eine Technik genutzt, die schon länger existiert: Das Brain Spelling, bei dem ein Sprachcomputer über Gehirnströme gesteuert wird. Sind alle diese Vorbereitungen getroffen, kann es endlich losgehen.

Wie kommt der Punkt auf die Leinwand?

Zwei Bildschirme werden zum Malen benötigt. Auf dem einen ist die Malpalette zu sehen, dargestellt in einer Matrix, der andere zeigt die Leinwand. Der Künstler schaut am Bildschirm auf die Matrix, in der die verschiedenen Malwerkzeuge und Farben stehen. Nun konzentriert er sich auf das Tool, das er auswählen möchte. Da er die ganze Zeit nur dieses anschaut und sich nichts verändert, sind die Hirnströme gleichmäßig. Immer wieder blinken die Tools aber kurz auf. Das Blinken ist für das Gehirn ein unerwarteter Reiz. Daraufhin zeigt sich bei der Gehirnstrommessung die so genannte P300-Welle, ein positiver Ausschlag 300 Milisekunden nach dem Reiz.

Mit Hilfe dieser Matrix werden die Malwerkzeuge ausgewählt.

Mit Hilfe dieser Matrix werden die Malwerkzeuge ausgewählt.

Diese P300-Welle registriert der Computer und wählt das Tool aus, auf das sich der Künstler konzentriert hat. Auf diese Weise wird der Cursor auf der Leinwand positioniert und Farben, Formen, Transparenz und Pinselgröße festgelegt. „Dadurch ergeben sich quasi unendlich viele Möglichkeiten“, sagt Adi Hoesle.  Nach all diesen Schritten ist nun der erste Punkt auf dem Bild zu sehen. Je nachdem, wie gut der Computer auf den jeweiligen Künstler eingestellt ist, kann jede einzelne Auswahl mehrere Minuten dauern.

Natürlich können auch Fehler passieren. Denn eine P300-Welle kann auch durch andere unerwartete Reize ausgelöst werden. Ein klingelndes Telefon etwa kann dazu führen, dass der Computer ein falsches Tool auswählt oder ein Punkt an einer ungewollten Stelle auf der Leinwand landet. Von sich selbst erzählt Adi Hoesle: „Ich kann mich so konzentrieren, dass mich Ablenkung nicht stört. Ich habe auch schon auf Ausstellungen vor vielen Zuschauern gemalt.“ Für den Fall, dass doch eine Auswahl anders ist als beabsichtigt, gibt es die Rückgängig-Funktion.

„Eine Art von Meditation“

All dies klingt sehr aufwändig und ermüdend. „Das ist es auch am Anfang“, bestätigt Hoesle. Schließlich muss man sich stark konzentrieren, damit das Ergebnis am Ende aussieht wie gewünscht. Doch Hoesle findet das Brain Painting mittlerweile entspannend. Er beschreibt: „Für mich ist es eine Art Meditation. Ein Gefühl, ins eigene Gehirn zu wandern. Das ist eine extreme Art der Selbstwahrnehmung.“ Ungewollte Auswahlen macht er meist nicht rückgängig, denn schließlich entstammen auch sie seinem Gehirn.

Erfunden für einen Bekannten

Adi Hoesle hatte die Idee zu dem Projekt, als bei dem Maler Jörg Immendorf ALS diagnostiziert wurde, eine Krankheit, die zu fortschreitender Lähmung führt. Für ihn suchte Hoesle  nach einer Möglichkeit, weiter künstlerisch tätig zu sein. Der Tübinger Professor Niels Birbaumer, der sich mit Computer-Hirn-Schnittstellen beschäftigt, unterstützte ihn bei der Umsetzung. Inzwischen betreut seine ehemalige Doktorandin Andrea Kübler das Projekt wissenschaftlich. Jörg Immendorf ist 2007 verstorben bevor die Brain-Painting-Technik fertig war. Doch heute profitieren andere ALS-Patienten von der Entwicklung.

Momentan betreut das Brain-Painting-Team zwei ALS-Patienten. „Unsere Kapazitäten sind zur Zeit klein, weil gerade ein EU-Förderprojekt ausgelaufen ist. Jetzt fehlt das Geld“, erklärt Hoesle. Vor seiner künstlerischen Ausbildung hat er als Krankenpfleger gearbeitet. Mit ALS-Patienten hatte er zu dieser Zeit noch keinen Kontakt, wohl aber mit Tetraplegikern, also Menschen, die auf Grund einer Querschnittslähmung Arme und Beine nicht nutzen können. „Auch für solche Patienten wäre Brain Painting sicherlich ein Gewinn“, meint der Künstler.

Was ist ein Original? Und wer ist der Künstler?

Was Adi Hoesle am Brain Painting fasziniert, ist aber nicht nur der Vorteil für gelähmte Patienten. „Diese Technik führt auch zu philosophischen Fragen“, meint er. Wer ist denn überhaupt der Urheber eines Bildes? Ist es der Mensch, der durch seine Gedanken den Computer bedient, oder vielleicht derjenige, der die Auswahlmöglichkeiten festgelegt hat? Und was ist ein „Original“, wenn doch alles am Computer ist? Was genau ist eigentlich die Kunst? Sind es die Gedanken? Wie bei so vielen philosophischen Problemen lässt sich wohl keine einfache Antwort finden. „Das Brain Painting sorgt dafür, dass wir unser ganzes Verständnis von Kunst neu überdenken müssen“, glaubt Hoesle.

Zukunftspläne

Adi Hoesle beim Brain Painting. Der Künstler blickt auf einen Bildschirm mit der Malpalette und sieht gleichzeitig die Leinwand.

Adi Hoesle beim Brain Painting. Der Künstler blickt auf einen Bildschirm mit der Malpalette und sieht gleichzeitig die Leinwand.

Bislang ist Hoesle der einzige nicht gelähmte Künstler, der die Brain-Painting-Technik nutzt. Denn noch ist die Software schwierig zu bedienen. „Das Handling muss noch vereinfacht werden. Bisher muss man sich gut mit Informatik auskennen, um das Programm zu bedienen“, sagt Hoesle. Er selbst sei mittlerweile in der Lage, alles selbst zu machen, doch jeder andere brauche zum Gedanken-Malen noch die Hilfe einer Person, die mit dem Computer umgehen kann.

Ein weiterer Nachteil ist, dass der künstlerische Freiheitsgrad recht eingeschränkt ist. Zwar bietet das Programm viele Wahlmöglichkeiten, doch letztlich ist ein großer Teil vorbestimmt. Eine Mona Lisa wird man wohl kaum auf die Leinwand bringen. Deshalb arbeitet Hoesle zur Zeit an einem neuen Projekt, genannt Brain Drawing. Dieses soll es ermöglichen, allein durch die Vorstellung von Bewegung zu zeichnen. Während die Gemälde, die beim Brain Painting entstehen, abstrakt sind, wäre mit Brain Drawing auch konkrete Kunst möglich.

Hoesle träumt davon, dass die Software irgendwann einmal so weit ist, dass sie auch ohne Konzentration und Bewusstsein bedient werden kann, etwa im Schlaf. „Dann könnte ich mich abends mit den Elektroden am Kopf hinlegen und würde morgens nach dem Aufwachen sehen, was mein Gehirn im Schlaf gemalt hat. Aber das ist fürs Erste nur eine Utopie.“