Stell dir vor, es ist Demo, und jeder Student geht hin

Im größten Hörsaal der Universität Wien, dem Audimax, wird gearbeitet, diskutiert, präsentiert. Es stecke Energie in diesem großen Raum, schreibt Dominik Gubi in seinem Blog. Die österreichischen Studenten machen auf sich aufmerksam. Mit einer Twitterwall, einer eigenen Website mit Livestream, einem Youtube-Kanal. „In einer knappen Woche wurde signifikant mehr gemacht und aufgebaut, als es die Uni in den letzten Jahren geschafft hatte“, schreibt Gubi weiter. Eine kleine Stadt sei entstanden. Jeder sei integriert, könne mithelfen, werde und fühle sich gebraucht.
Ein Bericht von Susann Eberlein

Ein besetzter Hörsal voller Ideale, Visionen und Engagement - ein Vorbild für deutsche Studenten? Foto: www.unibrennt.at

Ein besetzter Hörsal voller Ideale, Visionen und Engagement - ein Vorbild für deutsche Studenten? Foto: www.unibrennt.at

Seit einer Woche wird das Audimax der Wiener Universität nun schon besetzt. „Angefangen hat alles mit einer Kundgebung in der Akademie der Bildenden Künste“, erklärt Robert Stranzl. „Wir haben uns dann spontan zu einem Protestmarsch entschlossen und das Audimax besetzt“, sagt der 23-Jährige, der Geographie und Internationale Entwicklung in Wien studiert.

Die Besetzung war der Beginn der Stundentendemonstrationen. Und es ist kein Ende in Sicht. „Die Protestbewegungen weiten sich wie ein Lauffeuer aus“, sagt Stranzl. Jetzt werden auch Hörsäle in Klagenfurt, Linz, Graz und Innsbruck besetzt. Vorgestern der vorläufige Höhepunkt: Unter dem Motto „Mehr Geld für Bildung statt für Banken und Konzerne“ demonstrierten tausende Studierende (eine genaue Zahl gebe es laut Stranzl nicht) am Abend mehr als drei Stunden lang in der Wiener Innenstadt. „Wir haben den gesamten Verkehr lahm gelegt“, sagt Stranzl.

Lange Liste mit Forderungen

Die Studenten wollen kämpfen. Und ihre Liste der Forderungen ist lang: Sie demonstrieren gegen Studiengebühren, gegen eine Verschulung der Studienpläne, gegen eine bloße Ausbildung nach wirtschaftlicher Verwertbarkeit. Auf der Homepage „www.unibrennt.at“ haben sie die wichtigsten Forderungen in einem Katalog zusammengefasst. Unter dem Motto „Bildung statt Ausbildung“ soll das Bachelor- und Mastersystem grundlegend überarbeitet werden. Abschlüsse von anderen Universitäten, auch von außerösterreichischen, sollen problemlos anerkannt werden. Und Studenten sollen gleichberechtigt mit Professoren an den Entscheidungsprozessen der Uni teilhaben. Sie wollen Transparenz bei der Finanzierung von Forschung und Lehre.

Wenn der Kampf um den Studienplatz zur Reise nach Jerusalem wird - Foto: www.unibrennt.at

Wenn der Kampf um den Studienplatz zur Reise nach Jerusalem wird - Foto: www.unibrennt.at

Weitere Anliegen der demonstrierenden Studenten sind die Beendigung der prekären Dienstverhältnisse an den Universitäten und die Einführung einer Frauenquote von 50 Prozent in allen Bereichen des universitären Personals. Außerdem soll das Behindertengleichstellungsgesetz an allen österreichischen Universitäten umgesetzt werden, um ein barrierefreies Studieren zu ermöglichen. „Die Forderungen werden allerdings ständig weiterentwickelt und spezifiziert“, sagt Stranzl. Daran arbeite die „AG Forderungen“. Eine Hierarchie, einen Chef oder eine einzelne Entscheidungsgewalt gebe es bei der Bewegung nicht. Jeder könne seine Meinung im Plenum vortragen. „Es läuft hier sehr basisdemokratisch ab“, sagt Stranzl.

Auch kritische Stimmen zur Protestaktion

Doch nicht jeder stimmt den Forderungen der Studenten zu. Kritik hagelt es vor allem im Internet. So bezeichnet beispielsweise der User „alpenstimme“ auf der ORF-Homepage die Forderungen „als Mischung von Weihnachtsmann und Wunschkonzert, das meiste fernab jeglicher Realiltät. […] Und wir subventionieren diese Chaoten auf Staatskosten, damit sie dann einen Job bekommen, wo sie besser verdienen als der Durchschnitt. Dafür müssen wir uns diese Besetzungen und Demos gefallen lassen? Nein, danke!“

Wiens Bürgermeister zeigt Verständnis

Trotzdem: Die Studenten geben nicht auf. „Zwischen 300 und 400 sind immer hier und schlafen sogar auf dem Campus“, sagt Robert Stranzl. „Alles in allem spüren wir einen breiten Widerhall aus der Bevölkerung“ erklärt der Student. Susanne Pusarnigs schreibt in einem Kommentar: „Es ist unsere Uni“ repräsentiert die Meinung vieler: „Ich kann nur allen an Demokratie und Politik Interessierten raten: seht Euch DAS selbst an! Hier entsteht Neues. Engagierte, fröhliche, kluge, offene Leute, die wirklich dran arbeiten, sich zu organisieren und das fantastisch gut machen. Hingehn!“ Laut einem Bericht der Tagesschau bekommen die Studenten auch von Wiens Bürgermeister Unterstützung. Er habe ein „hohes Maß an Verständnis“ für die Proteste, so der SPÖ-Politiker Michael Häupl.

Hoffen auf konstruktive Gespräche mit der Politik

Die Studenten machen ihrer Wut auf der Straße Luft und ihren Forderungen auf Transparenten Platz. Foto: www.unibrennt.at

Die Studenten machen ihrer Wut auf der Straße Luft und ihren Forderungen auf Transparenten Platz. Foto: www.unibrennt.at

Auf ein konkretes Statement aus der Politik warten die Studenten aber noch immer. „Bis jetzt hat sich noch keiner auf uns zu bewegt“, sagt Stranzl. Die Studenten aber müssen auf ein Statement warten, um ihre Pläne konkretisieren zu können. In einem Schreiben der Universitätsleitung, unterzeichnet von Max Kothbauer (Vorsitzender des Universitätsrats), Helmut Fuchs (Vorsitzender des Senats) und dem Rektor Georg Winckler, heißt es: „Wir erwarten uns, dass konstruktive Gespräche zwischen den VertreterInnen der Studierenden und den politisch Verantwortlichen aufgenommen werden.“ Zeit Online zufolge erklärte sich Österreichs Wissenschaftsminister Johannes Hahn (konservativen ÖVP) dazu bereit, sich bis Ende der Woche mit Studentenvertretern zu treffen.

Auch das Ausland solidarisiert sich

Nicht zuletzt die zahlreichen Solidarisierungsbekunden stärken den Studenten den Rücken: Ob Institut für Soziale Ökologie, IFF Wien, Alpen Adria Universität Klagenfurt, der Arbeitskreis kritischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare oder der Betriebsrat SIS & CT der Siemens AG Österreich – Viele hier haben Verständnis für die Wut der Studenten und den Wunsch nach Verbesserung. Auch der österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB), Vertreter von 1,2 Millionen Arbeitern, und der Burgenländische Landtag haben sich mit den Studenten solidarisiert. Doch auch im Ausland schlägt die österreichische Protestbewegung auch in anderen Ländern. Studenten aus der Schweiz, Spanien, Kroatien und sogar Argetinien bekundeten ihre Solidarität.

Reaktionen aus Deutschland

Deutliche Zeichen kommen auch aus Deutschland. In Hamburg flatterten gestern Solidaritätstransparente für die protestierenden Studenten in Österreich. In Heidelberg wurden hunderte von Flyern mit Informationen über den österreichischen Protest verteilt. Und der Sozialistisch Demokratische Studentenbund Saarbrücken schrieb: „Wir kämpfen für die selbe Sache! Nur leider sind wir an den deutschen Hochschulen noch nicht so weit.“

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