Antikriegstag: Gegenkonzept ging nicht auf

„Antikriegstag“ in Dortmund heißt: Etwa 1000 Neonazis kamen am Samstag in die Stadt. Am Freitag veranstalteten sie sogar ein Konzert auf den Katharinentreppen vorm Hauptbahnhof. Mit über 10.000 Gegen-Demonstranten rechneten Veranstalter, Polizei und Stadt im Vorfeld – der Protest fiel auch aufgrund der Struktur der Demonstrationen aber eher verhalten aus. Ein Kommentar.

Am hellichten Tag trauten sich einzelne Neonazis vor die Steinwache am Dortmunder Hauptbahnhof. Foto: J. Mueller-Töwe

Am hellichten Tag trauten sich einzelne Neonazis vor die Steinwache am Dortmunder Hauptbahnhof. Foto: J. Mueller-Töwe

Dortmund gibt Nazis keine Chance, ist sozusagen ein antifaschistischer Schutzwall. Diesen Eindruck könnte man gewinnen, wenn man die Statements der städtischen Vertreter und der Gegendemo-Veranstalter allzu wörtlich nimmt. „Diese Stadt steht auf“, sagte NRW-Minister Guntram Schneider.

Die Realität sah am Samstag anders aus. Während die Nazis zeitweise ungestört im Tross durchs Städtchen bummeln konnten – so geschehen an der Rheinischen Straße und im Osten der Stadt – tanzten auf dem Nordmarkt die Schüler der Libellen-Grundschule über die Bühne und Claudia Roth rief uns zu, dass „wir“ uns das nicht mehr bieten ließen – das mit den Nazis und so.

Man man man, das ist ja ein entschiedener Protest!

Eine Zahl kursierte am Nachmittag, am Nordmarkt von der Bühne gerufen, die sich sehr imposant anhörte: 10 000 bis 15 000 Gegendemonstranten setzten ein deutliches Zeichen, hieß es. Die Lokalzeitungen schrieben später vorsichtig von „Tausenden“, die Polizei gab lieber erst gar keine Schätzung ab.
Wer am Samstag aber die Demos abklapperte, musste den Eindruck gewinnen: Hier findet kein breiter Protest statt, sondern ein buntes Nachmittagsprogramm zum Mitklatschen.

Am Nordmarkt: etwa 1000 Demonstranten plus nochmal etwa dreihundert Schwarzkapuzen. Vor der Steinwache: etwa zwei Dutzend Teilnehmer der Mahnwache. Am Bahnhof war am Nachmittag überhaupt nichts mehr los. Von im Vorfeld angekündigten 40 Gegenveranstaltungen blieben im Nachhinein noch etwa zwei Dutzend übrig.
Da muss man schon sämtliche Vereinsmeierei, jedes Torwandschießen und jeden Chorauftritt in den Außenbezirken miteinbeziehen, um das imposant klingende „Tausende“ errechnen zu können.

Kein Wunder: Das Konzept, den Neonazis den Raum in der Stadt wegzunehmen und dafür auf eine entschiedene, große Gegen-Demo zu verzichten, geht nicht auf. Es wird Zeit, die Proteste besser zu koordinieren und den Nazis auch tatsächlich dort auf den Füßen zu stehen, wo sie sich versammeln. Den kleinen Veranstaltungen in den Stadtvierteln fehlt einfach der Bezugspunkt und somit die Anziehungskraft. Die Nazis sollen es hören, sie sollen es sehen, wenn diese Stadt sich gegen ihren Aufmarsch wehrt.

Der Verdienst der Polizei war es, die Rechten fast komplett aus dem öffentlichen Leben der Stadt zu verbannen. Der Verdienst der Gegendemonstranten… welcher war es eigentlich?

2 Comments

  • Fred sagt:

    Meine Güte, der Text ist ja ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass der Autor an besagtem Tag offensichtlich nur vom Bahnhof (da kommt das Foto her) zur Kundgebung am Nordmarkt gegangen ist und überhaupt nicht mitbekommen hat, was alles passiert ist. Die Phantasiezahlen von 10.000 bis 15.000 Gegendemonstranten kommen übrigens nicht von den Veranstaltern Gegenveranstaltung am Nordmarkt, sondern von der Polizei. Nachlesen kann man das problemlos hier: http://www.presseportal.de/polizeipresse/pm/4971/1676148/polizei_dortmund

    Ansonsten zeigt der Schlusskommentar, dass die Gegendemonstrationen nichts bewirkt haben einen eklatanten Mangel am Verständnis von politischen Prozessen und von öffentlicher Meinungs- und Willensbildung. Selbst wenn es nur ein paar hundert Gegendemonstranten gewesen wären, die auf die Straße gegangen wäre, so wäre dies wichtig gewesen – es sagt nämlich: Wir wollen keine Nazis. Was passiert wenn man es jahrelang ein paar kleinen linken „Kapuzenträgern“ überlässt, Flagge gegen Nazis zu zeigen, kann man ja an der Bilanz rechter Aktionen und Gewalttaten in Dortmund ablesen.

  • Anonym sagt:

    Der Verdienst der Polizei war es, dass die Gegendemonstrant_innen den Nazis eben NICHT
    auf die Füße treten konnten.

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