Die Frau hinter der Rolle

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Wenn Maya Hakvoort ihren Tag beginnt, hat das wenig mit einem Morgen im Leben von Eva Perón aus Evita zu tun. Auch an die strengen Regeln, denen Kaiserin Elisabeth am Wiener Hof unterworfen ist, erinnert nichts. Maya Hakvoort schmiert die Schulbrote für ihre Kinder auf dem Tisch, nicht auf dem Fußboden so wie die verrückte Diana Goodman in Next to Normal. Und doch hat sie alle diese Frauen als Musicaldarstellerin erfolgreich verkörpert.
 
Seit 26 Jahren steht die gebürtige Niederländerin vor allem im deutschsprachigen Raum auf den großen Theaterbühnen. Ein Beruf, der nicht gerade mit viel Sicherheit im Leben verbunden ist. Doch so hat Maya Hakvoort das nie empfunden. „In dem Moment, in dem ich mich auf die Bühne gestellt habe, habe ich mich sicher gefühlt. Sicherer als im normalen Leben. Ich hatte die Bühne, ich hatte die Bühnenkante, ich habe gesungen und die Leute davor waren still. Wie schön war denn das?“ Wie schön das ist, haben bis heute die Zuschauer von über 30 Produktionen miterlebt. Die Rolle, die dabei am meisten in Erinnerung bleibt, ist wahrscheinlich die der österreichischen Kaiserin Elisabeth. 1994 übernahm Maya Hakvoort diesen Part am Theater von Wien – und blieb.
 
1000 Tage Kaiserin
 
„Österreich ist heute mein Zuhause. Mein ganzes soziales Netzwerk ist dort. Das ist auch viel wert. Man lebt nicht nur vom Theater, man lebt auch von seinen Freund*innen und allem, was den Tag ausmacht.“  An über 1000 Tagen war es die Rolle der Elisabeth, die ihren Tag ausgemacht hat. Vier Jahre – bis 1998. Und auch während der Wiederaufnahme des Stücks in Wien zwischen 2003 und 2005 blieb sie der „Kaiserin der Herzen“ treu und machte gemeinsam mit ihr alles durch: „Die erste Verliebtheit, die Jugend, Idealismus.“ Maya Hakvoort wirkt nachdenklich, wenn sie sich an diese Zeit zurückerinnert. „Enttäuschungen, Zurückweisung, Bitterkeit, aber auch Gesundheit, die erste Beziehung, Erfolg. Das sind ja alles Themen, die jeder Mensch mit sich herumträgt.“ Auch Maya Hakvoort. Sie ist fasziniert davon, an einer Rolle so viele Überschneidungen mit ihrem eigenen Leben zu entdecken.
 
Maya Hakvoort auf der Bühne mit ihrem Sohn Foto: Gerhard Schauer/Facebook

Maya Hakvoort auf der Bühne mit ihrem Sohn Foto: Gerhard Schauer/Facebook

Aber so gern sie in die Rollen anderer Menschen hineinschlüpft, so gern füllt sie auch ihre eigene Rolle aus. Mutter, Ehefrau, Familienmensch. Länger als unbedingt nötig will Maya Hakvoort nicht von ihren zwei Söhnen und ihrem Mann getrennt bleiben. Eine große Herausforderung bei ihrem Jetset-Leben. Einen Tag Aufführung in Dortmund, den nächsten Tag in St. Gallen in der Schweiz. Ab und zu Doppelvorstellungen, dann noch eine Tourneeproduktion in Japan. Das Leben als Musicaldarsteller*in ist nun mal mit vielen Reisen verbunden und die können auch ermüdend sein. Aber: „Als freischaffende Künstlerin muss man da durch. Damit ich eine Rolle absage, muss schon viel passieren. Wenn es eine Rolle ist, die ich unbedingt spielen will, dann nehme ich das in Kauf. Hilft ja nichts.“
 
Jetset auch mit der Familie
 
Wenn man Maya Hakvoort fragt, wie ihre Familie mit dem Trubel umgeht, ist sie ganz erstaunt. Denn die kommt einfach mit. Ihr Mann tickt zum Glück ähnlich wie sie, die Kinder werden so erzogen. Zur Schule gehen kann man schließlich nicht nur in Wien. Aber irgendwo gibt es auch Grenzen. „Wir sind nicht gut darin, eine getrennte Familie zu sein. Das wollen wir so sehr wie möglich vermeiden. Lange Zeiträume, in denen wir uns nicht sehen, sind nicht gut für mich, aber auch nicht gut für die Kinder.“ Als Mutter möchte Maya Hakvoort alles perfekt machen. Ihre Söhne sind sechs und 13 Jahre alt und damit noch mitten in ihrer Entwicklungsphase. Mit einer „Mutterrolle“ wurde die Musicaldarstellerin auch kürzlich während ihrer Arbeit konfrontiert. Im Stück Next to Normal im Theater Dortmund spielt sie Diana Goodman, die Mutter zweier Kinder, die nach einem schweren Verlust unter einer bipolaren Störung leidet.
 
Maya oder Diana?
 
Maya Hakvoort schlüpft gern in die Seele eines anderen Menschen, um zu spüren, was es heißen könnte, dieser Mensch zu sein. Dabei muss sie aufpassen, dass sie nicht die Maya hinter der Rolle verliert. „Man muss auch immer wissen, was gehört zu der Rolle, was gehört zu mir.  Einen Teil von mir selbst erkenne ich ja auch in Diana und der findet sich automatisch im Spiel wieder. Für mich ist das eine Art Reichtum – mich dadurch selbst und auch andere besser zu verstehen“.
Die Probleme von Diana Goodman möchte sie aber am Abend nicht mit ins Bett nehmen. Meistens klappt das, manchmal aber auch nicht. Aber zumindest in Dortmund hat sie ein Ritual, das sie während der Zeit von Next to Normal immer befolgt hat.
 
 
Maya Hakvoort als Diana Goodman in Next to Normal Foto: Presse Theater Dortmund

Maya Hakvoort als Diana Goodman in Next to Normal Foto: Presse Theater Dortmund

„Ich habe mal einen super Abend gehabt und davor Pasta mit scharfer Salami gegessen. Und immer, wenn ich dieses Gefühl wiederhaben will, aber müde bin, dann esse ich diese Pasta. Aber sonst bin ich schon jemand, der Sachen ausprobiert.“ In Dortmund isst Maya Hakvoort ihre Nudeln trotzdem immer im selben Lokal. Und auch der Ablauf nach dem Essen bleibt gleich. 18 Uhr geht es in die Maske. Make-Up, Frisur und und und. Eine halbe Stunde später fängt der Soundcheck an, danach ein letzter Check mit der Band. Dann: ein kurzer Moment der Entspannung. Kaffeetrinken in der Garderobe. Zu diesem Zeitpunkt muss auch das Kostüm schon sitzen. Dann geht es auf die Bühne. Dort liegen auch einige Sachen bereit, die man darauf nicht erwarten würde. „Meine Taschentücher werden überall verteilt, weil ich manchmal auch ein Tränchen lassen muss und es danach etwas unangenehm ist, weiterzusingen.“ Und wenn auch ihr Publikum mit einem weinenden Auge nach dem Musical nach Hause geht, hat Maya Hakvoort ihre Botschaft überbracht.
 
Den oder dem?
 
Nach 26 Jahren auf großen Bühnen ist etwas noch immer gleich: die Aufregung. Aber nicht aus Selbstzweifel, sondern wegen der Sprache. Darüber muss Maya Hakvoort kurz lachen. „Ich bin eben Holländerin. Manchmal denke ich, was war es jetzt schon wieder? War es „den“ oder war es „dem“? Um Gottes Willen, ich hab manchmal so Angst vor der Grammatik, weil wir das auf Holländisch nicht haben.“
Diese Probleme hätte sie in den Niederlanden nicht, zurückzuziehen kommt erst mal trotzdem nicht in Frage. Maya Hakvoort sieht sich in der nächsten Zeit eher auf den deutschen und österreichischen Bühnen, vielleicht auch in England oder Italien. Ein bisschen wie ein Chamäleon, das sich überall gut anpassen kann. Und vielleicht muss man das auch sein, um in diesem Beruf erfolgreich zu bleiben.
 
Ein Beitrag von Anja Lordieck und Isabell Karras

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