All inklusiv

Tolga

Das Zauberwort heißt Inklusion. Eine bunte Klasse mit behinderten und nicht-behinderten Schülern gilt als Idealvorstellung. Ab August 2014 sorgt ein neues Gesetz in NRW für mehr gemeinsames Lernen. pflichtlektüre-Autor Johannes Hülstrung hat eine Förderschule besucht und Kinder mit Förderbedarf einen Tag lang begleitet.

Tolga sitzt im Deutschunterricht und liest die Bild-Zeitung. Er soll sie mit einer regionalen Tageszeitung vergleichen. Fragt man ihn und seine Mitschüler, ist die Boulevardzeitung eindeutiger Favorit. „Da sind mehr Bilder und mehr Sachen über das Leben drin“, sagt Tolga. „Da erfährt man, was im Leben so abgeht.“ Ob ihm die Aufgabe Spaß mache? „Besser als normaler Unterricht.“

Der 16-jährige Tolga geht in die neunte Klasse der Hasencleverschule in Gevelsberg, einer städtischen Förderschule mit dem Schwerpunkt „Lernen, Sprache, soziale und emotionale Entwicklung“. Er ist oft müde, hat ständig Kopfschmerzen. An der Hasencleverschule kümmert man sich um ihn – und das nicht nur im Unterricht. „Wir versuchen, unsere Schüler über eine persönliche Bindung zu erreichen und sie so aufzubauen“, sagt Dirk Mautner, der stellvertretende Schulleiter der Schule. Er leitet die neunte Klasse gemeinsam mit Monika Rodriguez. Abgesehen von den Fächern Sport und Werken teilen die beiden den gesamten Unterricht untereinander auf. Mautner konzentriert sich auf Mathematik, Rodriguez übernimmt meistens den Deutschunterricht.

Zeitunglesen statt „Ey, Alter!“

Selbstständiges Lernen und der Umgang mit Sprache sind an der Hasencleverschule keine Selbstverständlichkeit, sondern Lernziele. „Die Kinder sollen verstehen, dass Sprache mehr ist als ‚Ey, Alter!’“, sagt Mautner. Darum auch der Zeitungsvergleich: Die Jugendlichen müssen sich einen Artikel aussuchen und ihn mit eigenen Worten schriftlich wiedergeben. Tolga ist heute der Schnellste der 20 Neuntklässler.

An der Hasencleverschule in Gevelsberg lernen förderungsbedürftige Kinder soziales Miteinander. Foto: Stina Berghaus

An der Hasencleverschule in Gevelsberg lernen förderungsbedürftige Kinder soziales Miteinander.

In Nordrhein-Westfalen besuchen 90 211 Schüler mit Förderbedarf wie Tolga eine Förderschule. 28 403 andere lernen inklusiv an einer Regelschule, also gemeinsam mit nicht-behinderten Kindern. Der Inklusionsanteil liegt damit laut der Studie „Update Inklusion – Datenreport zu den aktuellen Entwicklungen“ der Bertelsmann Stiftung bei 23,9 Prozent. Das ist der drittniedrigste Wert aller Bundesländer, nur in Niedersachsen und Hessen ist der Anteil noch geringer. Doch diese Verteilung könnte sich bald ändern.

Revolution Inklusion

Am 1. August 2014 tritt das „Erste Gesetz zur Umsetzung der VN-Behindertenrechtskonvention in den Schulen (9. Schulrechtsänderungsgesetz)“ in NRW in Kraft. Es wurde im Oktober 2013 vom Landtag verabschiedet und wird kurz „Inklusionsgesetz“ genannt. In der neuen Fassung des Schulgesetzes NRW heißt es: „Die Schule fördert die vorurteilsfreie Begegnung von Menschen mit und ohne Behinderung. In der Schule werden sie in der Regel gemeinsam unterrichtet und erzogen (inklusive Bildung).“ Das Gesetz setzt die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen um, die Deutschland vor über fünf Jahren ratifiziert hat. Die deutschen Bundesländer sind demnach dazu verpflichtet, ein inklusives Bildungssystem einzuführen. Doch über die Umsetzung der Konvention wird seit längerem heftig gestritten.

Das NRW-Bildungsministerium unter der Leitung der Grünen-Politikerin Sylvia Löhrmann verteidigt das Gesetz. Eva Stannigel vom Pressereferat des Ministeriums erklärt auf Anfrage der pflichtlektüre: „Dadurch erhalten auch Kinder und Jugendliche mit Behinderungen dieselben Chancen und Möglichkeiten für gesellschaftliche Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben wie solche ohne Behinderung.“ Aus Sicht des Ministeriums ist Inklusion das ideale Mittel zur Leistungssteigerung förderungsbedürftiger Kinder. „Wissenschaftliche Untersuchungen und Erfahrungen in anderen Ländern zeigen, dass viele Kinder mit Behinderung erfolgreicher lernen, wenn sie an allgemeinen Schulen unterrichtet werden“, sagt Stannigel. Das oft angeführte Argument, Schüler ohne Behinderung könnten in ihrem Lerntempo von förderungsbedürftigen Kindern gebremst werden, weist sie zurück. „Schüler, die keine Behinderung haben, werden dadurch in ihren Leistungen nicht beeinträchtigt, im Gegenteil: das soziale Klima in der Schule verbessert sich.“

„Ein Großteil würde untergehen“

Dirk Mautner

Konrektor Dirk Mautner hält an dem Konzept der klassischen Förderschule fest.

An der Hasencleverschule dagegen ist man unter sich – und das ganz bewusst. „Wir glauben nicht, dass unsere Schüler an einer Regelschule bestehen könnten“, sagt Konrektor Dirk Mautner. Vertretungslehrer Thorsten Pitoll formuliert es drastischer: „Ein Großteil der Schüler hier würde in der Inklusion untergehen.“ Für die Schüler der Hasencleverschule stehen vor allem praxis- und alltagsbezogene Aufgaben auf dem Lehrplan. Sie üben zum Beispiel, ihre eigene Adresse für einen Briefkopf aufzuschreiben. „Wir haben gemerkt, dass die Schüler damit Probleme haben, als sie für das Zeitungsprojekt Bestellkarten ausfüllen sollten“, sagt Mautner. „Darauf muss man sich einstellen. Wir wollten früher Dinge wie Prozentrechnung unterrichten, haben dann aber schnell die Anforderungen heruntergeschraubt.“

Dass es manchmal der richtige Weg sein kann, einen Schritt zurückzugehen, findet auch Monika Rodriguez. „Als wir die Schüler in der achten Klasse übernommen haben, herrschte oft Chaos auf dem Weg vom Schulhof ins Klassenzimmer“, erzählt sie. „Die haben den Flur auseinandergenommen, eine Uhr mit einem Fußball abgeschossen und die Kleinen gepiesackt. Seitdem holen wir sie morgens vom Schulhof ab – wie in der Grundschule.“ Mittlerweile sei Ruhe in die Klasse eingekehrt. Dazu habe auch eine Klassenfahrt nach Dortmund beigetragen, inklusive Stadtrallye und Führung durch den Signal Iduna Park. „Durch solche Aktionen können wir Lehrer eine persönliche Bindung zu den Kindern aufbauen und unsere Autorität stärken“, sagt Rodriguez. „Außerdem war die Fahrt sehr wichtig für die Gruppenbildung.“

Integrationsversuch gescheitert

Tolga bestätigt den guten Klassenzusammenhalt. Er ist zufrieden mit seiner Schulsituation. In Englisch, Deutsch und Biologie liegen seine Stärken, Mathe dagegen bereitet ihm Probleme. „Keiner kann perfekt sein“, sagt Tolga. Die Schule liegt zusammen mit einem Gymnasium und einer Hauptschule im Gevelsberger Schulzentrum West. Tolga hat also den direkten Vergleich. „Ich finde es gut, dass wir eine Ganztagsschule sind“, sagt er. „Deswegen haben wir keine Hausaufgaben und können nachmittags draußen spielen, anders als die Kinder in den anderen Schulen.“ Doch Tolga hat große Ziele: „Wenn ich gut bin, könnte ich mir vorstellen, auf eine andere Schule zu gehen“, sagt er. Am Ende sind es die Eltern, die entscheiden, ob sie ihr Kind aus der Förderschule nehmen und welche Schulform sie für richtig halten.

Tolgas Klassenkameradin Salwa hat diesen Schritt bereits gewagt. Vor einem Jahr wechselte sie in Schwelm von einer Förder- auf eine Hauptschule. Nun ist sie seit ein paar Monaten in der Förderschule in Gevelsberg – Salwas Integration in eine Klasse voller Schüler ohne Lernbehinderung ist gescheitert. An ihre Zeit auf der Hauptschule denkt sie deshalb nicht gerne zurück. „Am Anfang war alles gut. Ich habe Zweien und Dreien geschrieben“, berichtet Salwa. „Dann haben meine Mitschüler angefangen, mich zu ärgern, und meine Noten wurden schlechter. Bei einem Referat wollten die anderen nicht mit mir zusammenarbeiten. Im Unterricht haben sie mich mit Papier und Radiergummis beworfen. Nur meine beste Freundin hat zu mir gehalten.“ Salwa schaut zu Boden, während sie erzählt. „Ich hatte keine Lust mehr auf Schule“, sagt die 14-Jährige. Der Wechsel zurück auf eine Förderschule war für sie unvermeidlich, doch ihre alte Schule kam dafür nicht infrage. „An meinem letzten Tag haben mir ein paar ‚Viel Glück’ gewünscht, die anderen haben nur gelacht.“ Nun träumt Salwa von ihrer Zukunft: „Schauspielerei finde ich toll und Design auch“, sagt sie. „Zu Hause nähe ich meine Kleidung selbst.“ Doch der Übergang ins Berufsleben wird für die Förderschüler nicht leicht werden.

Keine Chance auf dem freien Arbeitsmarkt

Salwa beim Berufeparcour

Salwa (links) probiert sich mit einer Mitschülerin und Dirk Mautner an der Station „Umzugskarton zusammenbauen“ des Berufeparcours aus.

„Unsere Schüler stehen für den freien Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung“, sagt Dirk Mautner. Gerade deshalb gehen die Lehrer sehr sensibel damit um, den Kindern verschiedene Berufe vorzustellen und ihre individuellen Begabungen zu entdecken. Beim Berufeparcours müssen die Schüler unterschiedliche Aufgaben wie „Geschirrtücher falten“, „Elektroinstallation“ und „Kopfverband anlegen“ meistern. „Mir haben die Stationen ‚Knopf annähen’ und ‚Umzugskarton zusammenbauen’ am meisten Spaß gemacht“, sagt Salwa. Außerdem können die Schüler über eine Vielzahl von Praktika Berufe ausprobieren. „Ich wollte mein Praktikum unbedingt in einer Kfz-Werkstatt machen“, erzählt Tolga. „Auf mein Drängen war er aber bei einem Friseur“, berichtet Mautner. „Das hat ihm dann so viel Spaß gemacht, dass er gar nicht mehr weg wollte. Jetzt möchte er sein nächstes Praktikum wieder dort machen.“

Auch wenn das Förderkonzept der Hasencleverschule sehr ausgereift ist, distanziert sich das Kollegium vom Vorwurf der Abschottung lernbehinderter Kinder. „Der Grundgedanke von Inklusion ist fantastisch“, sagt Mautner. „Aber die Rahmenbedingungen gehen gegen Null. Die Gesellschaft ist noch nicht so weit.“ Für den studierten Sonderpädagogen ist die Entscheidung klar: An einer Inklusionsschule will er nicht unterrichten. „Zu den momentanen Bedingungen auf keinen Fall“, so Mautner. „Das Stundenkontingent, das einem Lehrer dort pro Kind zur Verfügung steht, ist mir einfach viel zu gering.“ An der Hasencleverschule dagegen kümmern sich normalerweise sogar immer zwei Lehrer gemeinsam um Tolga und seine Mitschüler.

 Fotos: Stina Berghaus

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