Erst joggen, dann pauken

Von Léonie Lauer

Vor der Mensa der Werner-von-Siemens-Schule in Bochum Harpen warten die Schüler der Klassen 5b und 5c schon mit ihren Sporttaschen in der Hand. Es ist 8 Uhr und die meisten sehen noch ziemlich verschlafen aus. Seit einem Halbjahr beginnt der Unterricht für die fünften Klassen zweimal die Woche zwar erst zur zweiten Stunde – davor ist aber Frühsport angesagt.

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Ulla Spitzer (26) misst Laufzeit und Puls der Schüler, um die Daten wissenschaftlich auszuwerten. Dabei bezieht sie auch Konzentrationstests mit ein. Fotos: Léonie Lauer

Dienstags und donnerstags kommt Ulla Spitzer an die Hauptschule und geht mit den Schülern laufen. Das Pilotprojekt macht sie freiwillig für ihr Medizinstudium an der Uni Witten/Herdecke. Es ist mittlerweile das dritte dieser Art und wieder stellt sie fest: Die Klassen, die mehrmals pro Woche vor der Schule Sport machen, haben in den Hauptfächern signifikant bessere Klausurergebnisse, als die Klassen, die ganz normal ab der ersten Stunde Unterricht haben.

Das beweisen auch andere Studien und Untersuchungen: „Die sportliche Bewegung am Morgen fördert die Konzentrationsfähigkeit und lässt die Schüler ausgeglichener in den Unterricht gehen“, erklärt Spitzer. Seit vier Semestern erforscht sie die Auswirkung von Sport auf schulische Leistungen und hat herausgefunden, dass durch Frühsport nicht nur Übergewicht und Bewegungsmangel zurückgehen, sondern sogar das  Sozialverhalten verbessert wird.

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Ulla Spitzer studiert Medizin an der Uni Witten/Herdecke und leitet das Pilotprojekt an der Bochumer Hauptschule.

So hat die Studentin in einer Stufe weniger Mobbing beobachtet als vorher: „Eine Klasse, die ich morgens beim Basketballspielen begleitet habe, hat nach einigen Wochen angefangen, auch in den Pausen zusammen zu spielen – alle Schüler inbegriffen. Solchen Klassenzusammenhalt gab es an der Schule vorher noch nie“, erzählt Spitzer. Selbst verhaltensauffällige Schüler werden ruhiger und können sich besser konzentrieren. „Nicht alle großen Probleme haben auch große Lösungen – ein bisschen Sport kann so viel bewegen“, meint die Medizinstudentin.

Mehr Konzentration durch Glückshormone

Das hat einen einfachen Grund: Im Gehirn wird nach ca. 25 bis 30 Minuten Bewegung vermehrt Serotonin ausgeschüttet. Dieser Botenstoff ist besser bekannt als „Glückshormon“ und unterstütz die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit des Gehirns.
Eine halbe Stunde Laufen reicht deshalb aus, um die Schüler geistig hellwach und körperlich ausgelastet in den Unterricht starten zu lassen.

Finanziert werden Spitzers Projekte durch verschiedene Sponsoren: Viele Schüler kommen aus sozial schwächeren Familien, die kein Geld für Sportkleidung haben. Damit diese Kinder trotzdem mit joggen gehen können, wurden dieses Jahr 30 Paar Sportschuhe für die Fünftklässler der Werner-von-Siemens-Schule gesponsert.
„Ohne finanzielle Hilfe ist es echt schwierig, den Frühsport an den Schulen durchzusetzen. Mit Ballerinas oder Stiefeln kann ich die Schüler ja auch nicht auf den Sportplatz schicken“, erklärt die Medizinstudentin.

Was tun bei Regen?

Eine halbe Stunde laufen vor dem Unterricht fördert deutlich die Konzentration.

Eine halbe Stunde laufen vor dem Unterricht fördert deutlich die Konzentration.

Ein anderes Problem ist noch ungelöst: Was tun, wenn es morgens regnet? Hallensport kommt nicht in Frage, denn nur an der frischen Luft hat das morgendliche Laufen den gewünschten Effekt. Eine überdachte Laufbahn wäre ideal, aber gerade bei den klammen Kommunen im Ruhrgebiet ist da nichts zu machen. „Dafür müssen wir uns noch eine Lösung einfallen lassen, denn es wäre wirklich schade, wenn ein so wichtiges Projekt am Regen oder fehlenden Sportschuhen scheitern würde“, sagt Spitzer.

Bis zu den Sommerferien will sie das Projekt an der Werner-von-Siemens-Schule noch wissenschaftlich begleiten. Danach werde das Konzept hoffentlich von der Schule in den Stundenplan integriert und weitergeführt, sagt Spitzer. Denn nicht immer haben große Probleme wie Bewegungsmangel und Konzentrationsschwierigkeiten auch große Lösungen – manchmal sind sie ganz simpel.

1 Comment

  • Hallo,
    Ich interessiere mich sehr für diese Studie. Können Sie mir helfen Ulla Spitzer zu kontaktieren oder diese Studie zu lesen?

    Vielen lieben Dank,
    Nora Grazzini

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