„Unser Motto ist Pluralismus“

Einseitigkeit, fehlende Reflexionsfähigkeit und wenig Hintergrundlehre. So sehen Ökonomie-Studenten aus 19 Ländern ihre Lehre. In einem Manifest prangern sie den allgemeinen wirtschaftlichen Standard an und fordern ein Umdenken. An der Technischen Universität Dortmund sind die Meinungen geteilt.

Wirtschaftsstudenten auf der ganzen Welt sind unzufrieden mit ihrem Studium. Sie fühlen sich nicht gut genug auf die Realität vorbereitet und fordern in einem Manifest „einen realistischen Blick auf die Welt, kritische Debatten und einen Pluralismus der Theorien und Methoden“. Die Studenten kommen von nahezu überall her: Von Argentinien über die USA bis Uruguay. Auch deutsche Studierende sind dabei. Viele engagieren sich in Organisationen. Sie kritisieren, dass die Volkswirtschaftslehre häufig so dargestellt würde, als gäbe es nur die neoklassische theoretische Strömung. In ihrem Studium vermissen sie alternative Theorien, wünschen sich Fächer wie Wirtschaftsgeschichte, Philosophie und Sozialwissenschaften. Um ihre Vorstellungen von guter Lehre durchzusetzen, haben sie Netzwerke gebaut, Workshops organisiert und gegenwärtige Lehrpläne analysiert. Unterstützt werden die Studenten unter anderem vom linksliberalen französischen Autor Thomas Piketty („Capital in the 21. Century“), dem Ausbildungsdirektor des Institute of Economic Affairs, Stephen Davis und dem Vorstand der Bank von England, Andrew Haldane.

„Mich ärgert diese Forderung von außen“

Wolfram Richter, Professor für Öffentliche Finanzen an der TU Dortmund, lässt sich von den provokanten Worten des Manifests nicht beeindrucken. Er warnt davor, dass Laien dazu neigen, alles in einen Pott zu werfen: „Die Menschen sind häufig überwältigt von der Fülle, die ein Fach wie die Volkswirtschaftslehre hervorbringt.“ Eine methodisch feste Verankerung hält er gerade in Hinblick auf eine vernünftige Ausbildung für wichtig. Die Kritik, dass Aspekte wie Philosophie und Ethik in der Volkswirtschaftslehre nicht vorhanden seien, ärgert ihn: „Was wir hier machen, gerade in der Volkswirtschaft, ist zutiefst ethisch.“ Schließlich drehe sich viel um die Frage, wie der Staat sich verhalten soll, damit egoistisches Verhalten von Einzelpersonen trotzdem zu einem sozial verträglichen Ziel führt. 

Professor Wolfram Richter

Wolfram Richter ist Professor für Öffentliche Finanzen an der TU Dortmund

Doch Richter räumt auch ein, dass man sich zumindest darüber streiten könne, ob an Universitäten in erster Linie Forschung zählen sollte. Nichtsdestotrotz sei aber Innovation der oberste Anspruch einer Hochschule. Als erstes Kriterium für die Wahl eines Hochschullehrers müsse daher die Forschung gelten. Doch dürften Fähigkeiten wie Ideenvermittlung und Ausdruck nicht vernachlässigt werden. Eine Lösung sieht Richter darin, Professoren auch nach ihrer Leistung in der Lehre zu bezahlen. So könnte dort die Qualität angehoben werden.

Ein „wunder Punkt“ sei auch die Tatsache, dass das Fach Geschichte an der TU Dortmund komplett abgeschafft wurde. Ein Problem ist auch, dass gerade Wirtschaftshistoriker mehr als selten sind. Die wenigen, die es gibt, arbeiten an den ganz großen Fakultäten. An der TU beschäftigen sich die Wirtschaftsstudenten zumindest teilweise mit geschichtlichen Hintergründen. In Seminararbeiten analysieren und interpretieren sie historische Datenreihen.

Manifeste wie das der Ökonomiestudenten sind für Richter lediglich ein Aufruf an die Politik, das zu ändern, was nicht gefällt. Jedoch zeigten sie nicht zwangsweise direkte Mängel in der Hochschulbildung auf. Für ihn regelt der Wettbewerb, welche Fächer sich durchsetzen und welche nicht: „Wird etwas an den Universitäten wirklich zu wenig behandelt, steigen schließlich die Anreize für Nischenanbieter.“ Heißt im Klartext: Wird ein Fach selten angeboten, ist aber an sich begehrt, werden einige Hochschulen die Chance nutzen, sich durch ein Angebot dieses Faches von den anderen Universitäten abzusetzen.

„Das wird gemacht und fertig“

Die Studierenden der TU Dortmund sehen das etwas anders. Für einige ist ein solches Manifest ein erster Schritt in die richtige Richtung, ein Aufmerksammachen und Wachrütteln. „Was man in den Vorlesungen lernt, ist vor allem modellhaftes Denken“, erklärt ein Student. Er wünsche sich, dass von Anfang an vermehrt darauf aufmerksam gemacht würde, dass Modelle stets zu hinterfragen und weiterzuentwickeln sind. „Wir haben den Platz für eine schöne Einführung in die Wirtschaftswissenschaften, aber er wird nicht entsprechend genutzt.“ Anstelle von Einführungsveranstaltungen wie Marketing plädiert er für Fächer wie Wirtschaftsphilosophie und Erkenntnistheorie.

Ein anderer Student kritisiert vor allem überfüllte Hörsäle in manchen Vorlesungen an der TU Dortmund: „Mich regt auf, dass man untergeht. Über tausend Studenten werden auf zwei Hörsäle verteilt und Tutorien können zum Teil nur alle zwei Wochen stattfinden, weil es einfach zu viele Leute sind. Da geht es dann einfach nur stur nach Lehrplan – das wird gemacht und fertig.“ 

Ein ehemaliger Student der Wirtschaftsinformatik an der FH Dortmund hält das gesamte System für veraltet: „Fehlende Praxisnähe, Realitätsferne – das sind Punkte, die auch viele Unternehmen kennen und kritisieren. Unternehmen haben heute Anforderungen an junge Absolventen, die die meisten nicht wirklich erfüllen können. Früher dauerte ein Studium länger – eine persönliche Reife kam mit der Zeit. Heute sieht es anders aus. Manche verlassen die Hochschule und sind noch Kinder. Das Bildungssystem passt zu den Wirtschaftssystemen der 70er Jahre.“ 

Kritik kommt von Seiten der TU-Studenten jedoch hauptsächlich in Bezug auf die Grundveranstaltungen. In vielen Vertiefungsfächern, wie zum Beispiel Wirtschaftspolitik, sind die Gruppen nämlich kleiner, die Betreuung individueller und die Lehrinhalte näher an der Realität. 
 
Klar ist, die Forderungen der Studenten stehen noch in den Startlöchern. Ob und wenn ja in welchem Maße sich ihre Vorstellungen flächendeckend umsetzen lassen, hat noch niemand vollständig überprüft.

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