Latinum-Pflicht gerät ins Wanken

Seit einigen Wochen gibt es rege Diskussionen über eine Abschaffung der Latinums-Pflicht für Lehramtsstudenten in NRW. Auslöser war eine Resolution der Bochumer Studentenvertretung: Die Belastung und der Anspruch seien unverhältnismäßig hoch. Das will das Bildungsministerium noch in diesem Jahr überprüfen.

Konjugationen und Deklinationen - Grammatik ist das A und O. Foto: Franziska Jünger

Konjugationen und Deklinationen - Grammatik ist das A und O. Teaserbild und Fotos: Franziska Jünger

An einem Freitagnachmittag sitzen zwölf junge Menschen in einem kleinen Seminarraum am Campus Süd der TU Dortmund. Draußen strahlt die Sonne, hier drinnen strahlt nur der Overheadprojektor. Catilinas Reden. Die Studenten sind freiwillig hier, zumindest theoretisch. Sie alle müssen das Latinum nachholen, da sie Englisch, Philosophie, Deutsch oder Religion auf Lehramt studieren. So sieht es die Lehramtszugangsverordnung vor.

Der Erwerb des Latinums ist allerdings erst Pflichtvoraussetzung für den Master of Education für die Schulformen des Gymnasiums und der Gesamtschule. Was nichts anderes bedeutet als: Kein Latinum, kein Lehramtsabschluss.

Frustrierte Studenten

In dem Tutorium von Jutta Sauerland hat sich der Lateinkurs III versammelt. Das sind diejenigen Studenten, die bald ihr Staatsprüfung ablegen werden und dann das notwendige Latinum in der Tasche haben, hoffentlich. Die jungen Männer und Frauen sind sich einig: Das Latinum ist eine Last und steht in keinem Verhältnis zum anschließenden Nutzen. Aber nicht nur zeitlich, auch finanzielle Belastungen entstünden, wenn die Studierenden länger als drei Semester brauchen, was faktisch kaum jemand schaffe. Wenn die Studierenden Prüfungen wiederholen müssen und somit Semester über die Regelstudienzeit hinaus benötigen, können Bafög-Zahlungen ausbleiben.

Die zukünftigen Lehrer fühlen sich außerdem ungerecht behandelt: „Für Fächer wie Medizin wird schließlich auch kein Latinum vorausgesetzt. In der Schule hat nach fünf Jahren jeder mit einer vier locker bestanden und von uns schafft es kaum einer beim ersten Versuch. Das Studium verzögert sich dadurch total“, sagt einer von Jutta Sauerlands Schülern. Daher wünschen sich viele der Anwesenden wenigstens eines: mehr Zeit und eine Integration der Lateinkurse in den Verlauf ihrer belegten Studien-Fächer.

Latein fördert die Sprachkompetenz

Studium Latinum, die Lektüre der Studenten. Foto:Franziska Jünger

Studium Latinum, die Lektüre der Studenten.

Die Dozentin, Jutta Sauerland, kann ihre Studenten verstehen. In der Tat hätten die Lehramtsstudenten einen enormen Zeitaufwand von fünf bis sieben Wochenstunden und mindestens die gleiche Anzahl für die Nacharbeitung zu Hause. „Viele meiner Studenten können ihren normalen Studienverlauf nicht fortsetzen und kommen daher in Bedrängnis“, klagt die Dozentin.

Trotz all dieser Eingeständnisse erachtet sie die Latinums-Pflicht in ihrer derzeitigen Form für notwendig, um lateinische Texte wirklich verstehen zu können. Andernfalls liefe es auf reine Grammatikkurse hinaus, die noch weniger motivieren würden.
Zugegebenermaßen gebe es auch hohe Durchfallquoten, weshalb einige Studierende ihr Studium abbrechen oder aber in einen Studiengang für das Berufskolleg wechselten. „Es gibt es aber auch viele, die sich da durchbeißen und anschließend zu Recht sehr stolz auf sich sind. Das kann auch einen Schub für das Selbstbewusstsein sein.“

Trotzdem gebe es Wege, Erleichterung zu verschaffen: „Man könnte leichtere Textpassagen für die Klausuren wählen, größere Hilfestellungen geben und anstelle von zwei Autoren für die mündliche und schriftliche Abschlussprüfung nur noch einen Autor heranziehen und generell mehr Gewicht auf Inhalte legen.“

Denn für Jutta Sauerland hat die lateinische Sprache neben der sprachlichen Kompetenz, die sowohl für die Muttersprache Deutsch als auch für Fremdsprachen hilfreich sei, ebenso einen Sinn für den Bildungshintergrund und die Reflexionsfähigkeit der Studenten. Neben Grundlagen in Politik, Geschichte und Literaturwissenschaft liege der Schwerpunkt nach dem zweiten Semester vor allem auf der Rhetorik.

Bochumer fordern die Abschaffung

Auch an den anderen Ruhr-Unis gibt es Kritik an der Latinums-Pflicht. Die Bochumer Studentenvertretung, der Asta, hat den Unmut der Studierenden, die das Latinum nachholen müssen, aufgegriffen und eine mehrseitige Resolution verfasst, in der sie eine Anpassung der Lehramtszugangsverordnung fordert.
„Wir wollen erreichen, dass die Latinums-Pflicht für Lehramtsfächer abgeschafft und durch einzelne Kurse, die in das Studium integriert sind, ersetzt wird. Wir sehen ein, dass gewisse kulturelle und metasprachliche Kompetenzen durch das Lateinische gefördert werden, aber das rechtfertigt nicht den derzeitigen Aufwand“, argumentiert Henning Mevenkamp, Mitglied des Asta in Bochum.

Das mediale Echo auf die Resolution war enorm und veranlasste auch die Politik zu Reaktionen. So heißt es in einer Stellungnahme des Bildungsministeriums: „Das Schulministerium wird dem Landtag bis Ende 2013 einen Bericht über die Umsetzung und Qualität der Reform der Lehrerausbildung von 2009 zuleiten. In diesem Zusammenhang wird das Schulministerium auch die Forderung nach einer Anpassung der Latinums-Pflicht für Lehramtsstudierende sorgfältig prüfen. Im Vordergrund stehen dabei Aspekte der Fachlichkeit und der Studierbarkeit. Leitfrage ist: Welche Sprachkenntnisse werden auf welchem Anforderungsniveau für das Lehramtsstudium in bestimmten Fächern benötigt?“

Hoffnung auf einen Kurswechsel

In einer Podiumsdiskussion an der Ruhr-Universität Bochum im April wurde das Thema aufgegriffen und Studierendenvertreter konnten gemeinsam mit Repräsentanten der Altphilologie sowie Mitgliedern aller Parteien des Landtags über Sinn und Unsinn der Latinums-Pflicht debattieren.

„Es war eine sehr offene Diskussion und alle Parteien haben sich für eine deutliche Abspeckung der Anforderungen ausgesprochen. Wir freuen uns über das Resultat und die Tatsache, dass die Latinums-Pflicht nun auf der Agenda der Regierungsfraktion steht. Die Frage bleibt nur, wie schnell das Ganze gehen wird. Wir als Asta bleiben an der Sache jedenfalls dran“, berichtete die Studentenvertretung.

Den zwölf Dortmunder Studenten und ihren Kommilitonen wird das nicht mehr helfen. Sie werden ihr Latinum erwerben – und, glaubt man ihrer Dozentin, dabei etwas fürs Leben gelernt haben.

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