BVB-Krise: alles nur Kopfsache?

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Hängende Köpfe: Die BVB-Stars Neven Subotic und Sokratis standen bei der 0:1-Niederlage gegen Augsburg auf dem Platz. Foto: Alexandra Rymanova

Borussia Dortmund versinkt immer tiefer in der Krise. pflichtlektüre hat den Fußball-Bundesligisten auf die Psychologen-Couch gelegt – und mit einem Sportpsychologen analysiert, warum vor allem die Psyche das Problem des mehrmaligen Deutschen Meisters ist.

In Dortmund scheint die Welt momentan verkehrt zu laufen — zumindest was den Fußball angeht. Ähnlich wie Studierende ihrer Prüfungssituation unter Leistungsdruck entgegen zittern, so könnte es auch den Sportlern des BVB gehen, behauptet Sportpsychologe Ernst Richter*.

„Ein Spiel in der Bundesliga ist nichts anderes als eine Prüfungssituation vor Tausenden von Zuschauern“, erklärt der frühere Team-Psychologe einer Fußball-Profimannschaft. „Wer scheitert schon gerne vor so großem Publikum und dann auch noch, wo so viel auf dem Spiel steht. Die Bundesliga ist ja kein Kleingarten-Verein.“

Der Traditionsklub in der Krise

Wie wirkt sich der Gedanke des Scheiterns auf die Psyche aus? „Der Kopf spielt im Leistungssport und vor allem im Profi-Fußball eine entscheidende Rolle“, erklärt Sportpsychologe Richter. „Wird zu viel Druck aufgebaut, erzeugt das meist eine Gegenreaktion.“

Druck muss sich auch in der Partie gegen den FC Augsburg, die Dortmund mit 0:1 verlor, eine große Rolle gespielt haben. „Das Unentschieden gegen Leverkusen hatte zunächt Hoffnungen auf besser Zeiten geweckt“, analysiert Richter, „die Winterpause diente scheinbar als Cut für die erfolglose Krisen-Hinrunde.“

Kampf gegen den Abstieg

Doch die Krise hält an: Die Wunschblase zerplatzt mit der Augsburg-Niederlage. Fünf Spiele ohne Sieg. Nach 19 Spieltagen lautet die Bilanz: vier Siege, vier Unentschieden und elf Niederlagen. Der vermeintliche Meisterschaftskandidat ist Tabellenschlusslicht und kämpft gegen den Abstieg. Der Negativ-Serie steht die ruhmreiche Vergangenheit des Klubs gegenüber: acht Deutsche Meisterschaften, drei DFB-Pokalsiege, der Europapokal, die Champions League und der Weltpokal.

Erfolge, von denen die Schwarz-Gelben momentan nur träumen können. Die vergangenen beiden Spielzeiten in der Bundesliga beendeten die Dortmunder auf dem zweiten Platz. Davor gehörte die Meisterschale zwei Mal in Folgen dem Traditionsclub. Nun folgte der Absturz von ganz oben nach ganz unten. „Eine ungewohnte, überraschende und vor allem unangenehme Situation, die irritiert, aus der Bahn wirft und natürlich verunsichert“, so Richter. Wie konnte es dazu kommen?

Fußball ist auch Kopfsache

Der Sportpsychologe erklärt: „Natürlich gab es Veränderungen in der Mannschaft, wichtige Personaländerungen wie beispielsweise der Abgang von Torgarant Robert Lewandowski. Die Mannschaft blieb vom Verletzungspech nicht verschont, von dem vor allem auch Vorzeigeakteur Marco Reus häufig betroffen war. Natürlich prägt auch sowas eine Mannschaft. Doch solche Schwierigkeiten gibt es ständig im Profi-Sport.“ Der Punkt: Der BVB sei erfolgsverwöhnt gewesen. „Er hat gefühlt alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Dieses Gefühl gibt Sicherheit und lässt gar nicht erst den Gedanken aufkommen, dass etwas schief laufen könnte“, so Richter.

Nicht nur das Gefühl, nicht bestehen zu können, wirke laut Richter erdrückend — auch die Tatsache, dass Deutschland und die ganze Welt dabei zuschaut. „Von einer Mannschaft, die bereits alles gewonnen hat und Top-Spieler im Kader hat, wird Leistung auf höchstem Niveau erwartet“, erläutert der Sportpsychologe, „vom Trainer, vom Vorstand, von den Fans, an der Leistung hängen Köpfe und es ist sehr viel Geld im Spiel.“ Je mehr solcher negativen Gedanken sich im Kopf der Spieler festsetzen, desto mehr fallen sie laut Richter in ein Loch voller Unsicherheit und zweifeln an ihrem Können.

Fahrplan im Kopf

Wie soll der BVB jetzt noch aus dieser Negativ-Spirale herauskommen? Richters Antwort: „Vor allem mit psychologischer Betreuung.“ In so einer Situation hätten viele Spieler mit Depressionen zu kämpfen.  Eine Simulation des Spiels im Kopf, bei der sie ihre Bestleitung abrufen, sollte vorher schon stehen. Denn negative Gefühle wie Angst und Unsicherheit würden nur hemmen.

*Name wurde auf Wunsch des Protagonisten von der Redaktion geändert

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