Duell am Donnerstag: Ist das Handwerk was für Studienabbrecher?

DAS-DUELL-Moritz-RebeccaLernen an der Uni kann stressig sein, viel zu theoretisch oder einfach nicht das Richtige. In manchen Studiengängen brechen deshalb bis zu 50 Prozent der Studenten ab. Gleichzeitig suchen gerade die Handwerksbetriebe nach qualifiziertem Nachwuchs. Bildungsministerin Johanna Wanka will die Suchenden jetzt zusammen bringen. Studienabbrecher sollen in Handwerksunternehmen eine verkürzte Ausbildung machen können. Aber funktioniert das? Kann man die Theoretiker aus der Uni in eine Werkstatt stellen oder ein Haus bauen lassen? Ein Duell zwischen Moritz Mettge und Rebecca Hameister.

pro

Den Kugelschreiber mit dem Hammer tauschen. So lautet der Plan von Bildungsministerin Johanna Wanka, die Studienabbrecher verstärkt in Handwerksberufe integrieren möchte. Eine gute Sache, meiner Meinung nach. Denn: In Deutschland zeichnet sich seit Jahren eine starke Akademisierung der Gesellschaft ab. Immer weniger junge Leute ziehen den Weg einer Berufsausbildung in Betracht. Dies bringt die Wettbewerbsfähigkeit vieler deutscher Unternehmen in Gefahr. Und: Nur ungefähr drei Viertel der Studienanfänger beenden ihr Studium erfolgreich, in den Ingenieurwissenschaften liegt die Quote noch niedriger – bei etwa 50 Prozent. Viele Studienabbrecher stehen nach der Exmatrikulation erst einmal ohne Plan und mit leeren Händen da. 

Wieso Abbrecher nicht fördern? 

Scheinbar sind Studienabbrecher mit dem Umfang des Lehrstoffs und der einhergehenden Eigenorganisation nicht zurecht gekommen. Vielleicht haben sie aber auch den falschen Themenschwerpunkt gewählt. Die Gründe können vielfältig sein. Dass ein Studienabbruch direkt mit mangelndem Durchhaltevermögen in Verbindung gebracht wird, halte ich für zu pauschalisierend. Eine Ausbildung in einem Handwerksberuf kann für viele Ex-Akademiker ein Neustart sein. Innerhalb einer Ausbildung wird der Lehrling stark an die Hand genommen. Der regelmäßige Besuch der Berufsschule ist fester Bestandteil. Nachlässigkeiten werden dem Betrieb mitgeteilt, der Lehrling steht, anders als ein Student, in ständiger Beobachtung. Möglich dass dieser vorgeschriebene Weg vielen Studienabbrechern an der Universität fehlte.

Student = linke Hände?

Mir missfällt das Bild des Studierenden als Theoretiker. Mit dem Entschluss sein Studium abzubrechen, entscheidet man sich oftmals gegen die Theorie und für die Praxis. Tausche Bibliothek mit Arbeitsplatz. Es ist dementsprechend für viele Abbrecher der ausdrückliche Wunsch nach dem gescheiterten Versuch eines Studiums, den Schritt ins Berufsleben zu machen. Niemand wird ins Handwerk gedrängt. Keinem Geisteswissenschaftler wird die Bohrmaschine aufgezwungen. 

Der Vorschlag Wankas ist lediglich ein Angebot an junge Leute. Schon allein aus Gründen des Datenschutzes können ehemalige Studierende nicht anhand von Datenbanken in Ausbildungen vermittelt werden. Eine Win-win-Situation aus meiner Sicht: Ausbildungsbetriebe erhalten qualifizierte Auszubildende. Ehemalige Studis, die ihre Bücher gerne gegen Schraubenzieher eintauschen möchten, erhalten die Chance dazu. Wo also liegt das Problem?

 

contra

Vom Hörsaal ins Handwerk: Wenn es nach Bildungsministerin Johanna Wanka geht, soll das bald häufiger vorkommen. Die CDU-Politikerin will Studienabbrechern aus der Misere helfen. Jüngst kündigte sie eine Initiative an, um Ex-Studierende für Handwerksberufe zu gewinnen. Erst in die Bibliothek, dann an die Kreissäge? Das kann nicht funktionieren.

Sind Studienabbrecher gute Azubis?

Es gibt etliche Vorbehalte:
Aufseiten der Betriebe, die sich fragen, warum sie ausgerechnet die Leute engagieren sollen, die ihr Studium abgebrochen haben. Das spricht für
wenig Durchhaltevermögen und für mangelnde Motivation. Wer bereits ein Studium abgebrochen hat, dem fällt es später leichter, ein weiteres
Mal alles hinzuschmeißen. Denn: Die Hemmschwelle war ja bereits gesunken.

Studenten mögen die Theorie

Und aufseiten der Studierenden, denen der Gedanke an ein Handwerk oft fern liegt. Akademiker widmen sich lieber der Theorie, vertiefen sich mit Vorliebe in Büchern und bereiten sich wochenlang akribisch auf Klausuren vor. Im Handwerk spielt all das keine Rolle. Dort geht es darum, mit Leidenschaft an etwas Haptischem zu arbeiten, all sein Können einzubringen. In handwerklichen Berufen sollte man in der Praxis glänzen, die Theorie vermittelt lediglich das Notwendige. Der Schritt vom Hörsaal
ins Handwerk ist mit einem Paradigmenwechsel zu vergleichen.

Handwerk wird abgewertet

Wer explizit Studienabbrecher einstellt, der wertet den Handwerksberuf herab. Die, die es an der Universität nicht geschafft haben, sollen anderen die Ausbildungsplätze wegnehmen. Was ist mit denjenigen, die gar keine Hochschulreife besitzen? Sie dürfen nicht an die Uni, und sie können nicht die Ausbildung ihrer Wahl machen – denn die besten Plätze sind ja bereits an die Studienabbrecher vergeben.

Ein noch viel größeres Problem ist aber, die Ex-Studierenden zu erreichen. Die Daten, wer sein Studium an den Nagel gehängt hat, dürfen die
Universitäten ohnehin nicht weitergeben. Von alleine wird so schnell kein Ex-Studierender auf die Idee kommen, Schreiner oder Fliesenleger zu werden.

 

 

 

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Foto: stockxchng/bizior, Teaserfoto: S. Hofschlaeger / pixelio.de, Montage: Steinborn/Schweigmann 

Teaserfoto: Rainer Sturm  / pixelio.de

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