Kommentar: Bologna-Berater müssen bleiben

Von Katrin Puvogel und Nico Feißt

Bologna wollte so vieles: Das Studium modern, einfach und international machen. Mehr Praxisbezug für die Studierenden und vergleichbare Abschlüsse im europäischen Hochschulraum. Die Bachelor-Absolventen sollten von der Uni direkt auf den Arbeitsmarkt, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Nach 15 Jahren Bologna beenden die beratenden Experten von „Promoting Bologna“ in Deutschland ihre Arbeit. Zurück bleibt eine unfertige Reform, an der die Studierenden leiden.

Eigentlich eine gute Idee: Die EU-Länder wollten die Leistungen der europäischen Studierenden vergleichbarer machen, das war 1999. Bologna heißt die Reform – wie der Ort, in dem sie beschlossen wurde. Alle europäischen Studierenden sollten nach dem gleichen Punktesystem bewertet werden, damit man zum Beispiel leichter in einem anderen Land in Europa weiterstudieren kann. Man hat sich davon versprochen, dass die europäischen Studenten international wettbewerbsfähiger sind. Zum jetzigen Zeitpunkt ist Bologna aber verfehlt.

Ganz so schlimm ist es nicht - aber Bologna bedeutet mehr Stress für Studenten. (Foto: lichtkunst.73/pixelio.de)

Ganz so schlimm ist es nicht - aber Bologna bedeutet mehr Stress für Studenten. (Foto: lichtkunst.73/pixelio.de, Teaserfoto: René Golembewski/pixelio.de)

Um bei der Umsetzung der Reform zu helfen, gab es in Deutschland bis zu diesem Monat die Gruppe „Promoting Bologna“, also Experten, die die Unis beraten haben. Die beenden jetzt ihre Arbeit, weil sie kein Geld mehr kriegen. Sogar sie sagen: Wir sind noch lange nicht fertig. Es gibt schließlich noch etliche Baustellen.

15 Jahre nach der Einführung beklagen sich Studenten und Professoren vor allem über die Stofffülle, die in drei Jahren bewältigt werden soll. Inhalte aus fünf Jahren Diplom wurden mehr oder weniger in die Regelstudienzeit von sechs Semestern gestopft. Die Verantwortlichen interessiert das aber nicht – und wenn, sind ihnen die Hände gebunden. Wie soll man sich auch international einigen, wenn 47 Länder mitmachen – und sich in Deutschland nicht einmal die 16 Bundesländer in Sachen Bildung einig sind? Auf die Bologna-Reform reagierten alle erst, als sie mussten – klar, dass da Chaos vorprogrammiert war.

Die Nerven liegen blank – auch bei den Profs

Die Finanzminister haben Bologna als ein Sparmodell gesehen: Geld für die Lehrmittel werden an der Aktivität der Professoren gemessen. Deshalb müssen diese so viele Veranstaltungen wie möglich geben. Schaffen sie das nicht, müssen sie für eventuelle Forschungsprojekte Drittmittel besorgen, und das ist wiederum aufwendig und kostet Nerven. Mehr Veranstaltungen bedeuten aber auch ein höheres Pensum für uns Studenten. Im Bachelor gibt es ständig Prüfungen – anders als beim Diplom, da gab es zum Teil nur eine große am Ende. Das führt zur vieldiskutierten Verschulung – und zu Überforderung, Stress und Burnout. „Turbo-Uni“ oder „Turbo-Studium“ werden schon lange nicht mehr positiv verstanden.

Durch die vollgestopften Lehr- und Stundenpläne haben Studierende kaum Zeit, sich auszuprobieren. Praktika? Fehlanzeige. Selbst die Professoren wissen das, können aber nicht noch mehr Inhalte in den Lehrplan stecken. Wann soll man das denn auch noch unterbringen? Und trotzdem sollten die Studierenden mit dem Bachelor schon für das Berufsleben qualifiziert sein.

Ohne Master geht häufig nichts – aber wo soll man den machen?

Großen Stress löst auch der Übergang vom Bachelor zum Master aus – vier von fünf Studierenden in Deutschland wollen einen Master machen, aber es sind nicht genug Plätze eingerichtet – eben weil der Berufseinstieg für die Studenten früher geplant war. Immerhin könnt Ihr nach dem Bachelor sofort arbeiten gehen, würden die Reformer sagen. Es gibt aber nur wenige Firmen, die Bachelorabsolventen gleich einstellen. Chemiker und Physiker lachen über einen Bachelorabschluss, da könne selbst der Laborpraktikant mehr. Und Lehramtsstudenten können mit einem Bachelorabschluss gar nichts anfangen. Deshalb stürzen sich alle noch auf den Master. Dafür reicht der Platz an den Universitäten aber nicht aus, weil mit einem solchen Master-Hype niemand, der für die räumlichen und finanziellen Kapazitäten verantwortlich war, gerechnet hat. Jüngst gab es in Hamburg Ärger, weil für fertige Bachelor-Lehrämter kein Platz an der Uni war, sie stehen quasi im Nichts. Die vollen Auswirkungen der Masterproblematik bekommen wir aber wohl erst in den nächsten Jahren zu spüren.

Die ganze Reform sollte 2010 fertig sein. 87% der Studiengänge sind schon Bachelor- oder Masterstudiengänge – es fehlen zum Beispiel noch Medizin oder Jura. Erreicht wurde, dass in allen Bachelor- und Master-Studiengängen in Deutschland das European Credit Transfer System, also die Credit Points, eingeführt wurden. Ein Credit Point für 30 Zeitstunden Studium.

Gebt den Beratern Geld – nur sie können die Reform weiterführen

Viele große Ziele wurden aber nicht erreicht. Die Anrechnung von Credit Points aus dem Auslandssemester klappt vorne und hinten nicht, die Anerkennung des deutschen Bachelors ist noch immer problematisch. Im Ausland heißt es oft, dass man einen Vierjahresbachelor braucht. Der deutsche Student fühlt sich verarscht, weil er keinen Masterplatz bekommt, weil er ständig Prüfungen schreiben muss, weil er einfach keine Zeit mehr hat, weil er keine Berufserfahrung hat, und weil er von der Wirtschaft für seinen hart erkämpften Abschluss auch noch belächelt wird. Das kann auf keinen Fall so bleiben!

Deshalb appellieren wir an die Wirtschaft und die Politik: Gebt den Bologna-Beratern Geld, damit sie weitermachen und uns nicht alleine lassen. Sie können uns mehr Zeit verschaffen, damit wir das Gelernte auch mal reflektieren können. Und sie können uns berufliche Erfahrung verschaffen, indem sie sich für mehr Praxisbezug einsetzen. Sie können all die Punkte, die bislang schiefgehen, zumindest in Teilen verbessern.

Ansonsten wird sich die Wirtschaft auch weiterhin nicht für die Bachelorabsolventen interessieren. Die Berater können für uns Bedingungen schaffen, die uns den Berufseinstieg erleichtern. Wenn der auch noch im Ausland funktionieren würde, dann wäre dass das i-Tüpfelchen. Solange das aber nicht passiert ist, ist es die Pflicht der Politik und der Wirtschaft, diese Reform weiterzuführen.

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