Der Wurm im Ohr

Leise Gitarrenklänge, eine altbekannte Melodie, die Beatles singen: „Yesterday, all my troubles seemed so far away…“ Aber: Eigentlich ist es still, die Musik spielt nur im Kopf. Ein Ohrwurm hat sich eingenistet, schlängelt sich durch das Gehirn, und will einfach nicht mehr weggehen.

Wo die Quälgeister überhaupt herkommen, ist für die Wissenschaft noch ein kleines Rätsel. Weil sie so plötzlich auftauchen und nicht per Knopfdruck erzeugt werden können, ist es schwierig, sie zu beobachten. Mal eben unter den Scanner legen – das geht bei einem Ohrwurm nicht.

Ohrwürmer tauchen plötzlich auf und stören vor allem in Entspannungsphasen. Foto: Benjamin Thorn / pixelio.de, Teaserfoto: Lisa Spreckelmeyer / pixelio.de

Ohrwürmer tauchen plötzlich auf und stören vor allem in Entspannungsphasen. Foto: Benjamin Thorn / pixelio.de

Trotzdem ist der Ohrwurm keine unbekannte Spezies, sondern ein Phänomen, das jeder schon erlebt hat. Vor allem in Alltagssituationen taucht er auf, beim Spazierengehen oder Putzen. Das hat eine Untersuchung der Universität Kassel ergeben. Dafür brannten die Wissenschaftler um Musikprofessor Jan Hemming 20 potenzielle Ohrwurm-Lieder auf eine CD, die sich die Studienteilnehmer mehrere Wochen lang anhören mussten. Danach wurden sie zu ihren Ohrwürmern befragt. Das Ergebnis: 70 Prozent der Ohrwürmer plagen einen in Entspannungsphasen.

Warum Ohrwürmer einen gerade beim Lesen oder Einschlafen nicht so einfach loslassen, hängt mit der Funktionsweise des Gehirns zusammen: „In 99 Prozent der Fälle redet das Gehirn mit sich selbst. Nur ganz wenig wird durch äußere Reize ausgelöst. Die sind aber normalerweise stark genug, um die inneren Aktivitäten des Gehirns zu überlagern“, erklärt Eckart Altenmüller, Neurologieprofessor und Musikwissenschaftler an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. „Wenn wir uns entspannen, dann fährt das Betriebssystem Gehirn herunter und die äußere Übertönung klappt nicht mehr.“ Die Folge sind innere Hirnprozesse, das können Bilder sein, aber auch Töne – wie der Ohrwurm.

Emotionen als Gedächtnisstütze

Damit ein Lied zum Ohrwurm wird, muss es stark im Gedächtnis verankert sein. Die Versuchsreihe aus Kassel zeigt auch, dass mehr als 60 Prozent der Stücke auf der CD, die später zum Ohrwurm wurden, schon bekannt waren. Vor allem Lieder, die mit Emotionen verbunden sind, haben Ohrwurm-Potenzial.

Denn die Gedächtnisleistung ist an emotionale Bewertungen gebunden, in emotionalen Momenten schüttet das Gehirn sogenannte Neurohormone aus. „Wenn wir uns über ein Lied besonders ärgern, sind das Stresshormone wie Cortison, wenn ein Lied Gänsehautfeeling erzeugt, dann Glückshormone wie Endorphin und Dopamin“, sagt Altenmüller. Das Lied, auf das wir an einem schönen Sommertag getanzt haben, lässt uns also genauso wenig los, wie der neue Nummer-Eins-Hit im Radio, den wir ganz furchtbar finden.

Ein weiterer Faktor, um ein Lied im Gedächtnis zu behalten, ist der Text. Instrumentalstücke haben nur selten die Chance, zum Ohrwurm zu werden. Deswegen bleiben auch gerade die besonders simplen Texte im Kopf – das furchtbare Schlagerlied zum Beispiel, oder der nervige Popsong des Sommers.

Wenn die Musik unterbricht, denkt unser Gehirn das Lied automatisch weiter. Das haben Wissenschaftler vom Dartmouth College herausgefunden. Foto: flickr.com/dierkschaefer

Wenn die Musik unterbricht, denkt unser Gehirn das Lied automatisch weiter. Das haben Wissenschaftler vom Dartmouth College herausgefunden. Foto: flickr.com/dierkschaefer

Musik im Kopf

Forscher vom Dartmouth College im US-amerikanischen New Hampshire haben es sogar geschafft, Musik, die nur im Kopf existiert, sichtbar zu machen – und liefern gleichzeitig eine mögliche neurologische Ursache für Ohrwürmer. Für ihre im Fachmagazin Nature veröffentlichte Studie spielten sie den Probanden Musik vor, wie „Satisfaction“ von den Rolling Stones oder „Pink Panther“, und unterbrachen dann die Musik plötzlich. Dabei untersuchten sie während der ganzen Zeit die Hirnaktivität mit funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT). Die zeigt die Stellen im Gehirn an, die gerade besonders aktiv sind.

Die fMRT-Aufnahmen offenbaren, dass die Gehirnareale, die während der Musik arbeiten, auch noch aktiv sind, nachdem die Musik unterbrochen wurde. Stoppt ein Lied, dann denkt das Gehirn die Musik automatisch weiter – vor allem bei bekannten Songs.
Bei einem reinen Instrumentalstück sind außerdem noch andere, tiefere Hirnbereiche in Aktion. Das deckt sich mit den Ergebnissen, dass Lieder mit Text leichter im Gedächtnis bleiben. Ohne Text fällt es dem Gehirn schwerer, die Musik fortzusetzen.
Möglicherweise tauchen Ohrwürmer also auf, weil unser Kopf unterbrochene Musikstücke weiterführen will.

Ein Patentrezept, um Ohrwürmer zu erzeugen, gibt es aber nicht, sagt Altenmüller: „Dafür arbeitet das Gehirn zu individuell, und jeder macht andere Erfahrungen mit Musik.“ Wer zum Beispiel ein Lied selbst auf dem Klavier gespielt hat, speichert die Informationen in anderen Hirnregionen, die eher für Motorik zuständig sind, und ruft die Informationen dann auch in anderen Situationen wieder ab.

Ein paar Gemeinsamkeiten hat Altenmüller aber in einer eigenen Untersuchung entdecken können: Alle Ohrwürmer sind leicht zu singen. „Größtenteils stimmen sie mit der Hitliste überein, das sind Lieder wie „Yesterday“ von den Beatles oder „We are the Champions“ von Queen“, so Altenmüller.

Die Melodien im Kopf sind übrigens selten länger als 30 Sekunden, der Ohrwurm kursiert in einer ewigen Endlosschleife. Yesterday, all my troubles seemed so far away…

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