Kommentar: Probiert „Insektenfleisch“!

Die Insektenzucht soll nach Meinung der Vereinten Nationen (UN) mehr erforscht und gefördert werden.  „Esst mehr Insekten“, lautete deshalb Mitte Mai die Devise der UN. Ein Vorschlag, der deutschlandweit nicht gut angekommen ist. Dabei hätte es nur Vorzüge, wenn „Insektenfleisch“ den Weg in die Küchen der europäischen Bürger finden würde.

Spinnen auf dem Esstisch? Es würde sich lohnen! Fotos und Teaserbild: Gordon Wüllner.

Spinnen auf dem Esstisch? Es würde sich lohnen! Fotos und Teaserbild: Gordon Wüllner.

Ameisen-Streichkäse im Kühlregal, Komposthallen als Mistkäfer-Zuchthäuser, Heuschrecken-Mehl als Beimischung zu Hühner-Futter. So stellt sich die „Food and Agriculture Organization“ (FAO) der Vereinten Nationen die Lebensmittelindustrie der Zukunft vor. Deshalb hat die UN für den Verzehr von Insekten geworben. Ein Aprilscherz für viele Deutsche. Sprüche wie „sollen die fetten UN-Abgeordneten die Insekten selber fressen“, dominierten die Kommentarboxen der Webseiten, die über den Vorschlag berichteten.

Geschmackliche Vorlieben lassen sich ändern

Klar, im Gegensatz zu zwei Milliarden Menschen aus Ländern wie Laos oder Thailand verdirbt es auch mir den Hunger, wenn ich mir vorstelle, dass sich Raupen anstatt Nudeln unter der Käseschicht einer Lasagne befinden würden. Essgewohnheiten lassen sich aber verändern. Sushi ist ein ideales Beispiel dafür: Mit Sicherheit hätte sich keiner unserer Großeltern im Studierendenalter vorstellen können, rohen Fisch zu genießen. Heute dagegen ist Sushi beliebt unter vielen Menschen der westlichen Hemisphäre, der Globalisierung sei Dank.

Um uns auf gleiche Weise an Insekten-Imbisse zu gewöhnen, müssten wir uns selbstverständlich nicht gleich Heuschrecken am ganzen Laibe in die Backen stopfen. „Insektenfleisch“ ließe sich in Mörsern zerstoßen und als Aufstrich, Suppe oder Schnitzel verarbeiten. So würde man kaum merken, wenn man gerade eine Wanzenschar verzehrt.

Viel Eiweiß, wenig Treibhausgase

Vogelspinnenhaut zu frischem Salat - eine Alternative für die Zukunft?

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Aber warum sollte man sich überhaupt an „Insektenfleisch“ gewöhnen? Nun, zum einen würden Insekten einen Beitrag für eine gesunde Ernährung leisten. Viele Kerbstiere strotzen nur so vor Eiweiß, Calcium, Vitaminen und Mineralien. Beispielsweise stecken in 100 Gramm Wasserwanzenfleisch ungefähr 20 Gramm Eiweiß. Das sind mehr Proteine als sich in der gleichen Menge Lachs oder Kabeljau finden lassen.

Obendrein ist die Insektenzucht sehr viel umweltfreundlicher als die Zucht von Rindern oder Schweinen. Nach Angaben der FAO beansprucht die Viehzucht nicht nur dreißig Prozent der weltweiten Landoberfläche. Sie ist auch für 18 Prozent der jährlichen CO2-Emissionen verantwortlich. Über diese Werte kann man streiten. Allerdings ist es eine Tatsache, dass Insekten  sehr viel weniger Land benötigen und kaum Treibhausgase abgeben. Viele der 2.000 essbaren Insektenarten, welche die FAO auflistet, sorgen außerdem dafür, dass aus Biomüll Humus wird. Mit mehr Zuchthäusern für Insekten gäbe es also auch mehr Adressen für natürliche Müllverwertung.

Insektenmehl statt Fischmehl

Und diese Zuchthäuser könnten mit sehr eingeschränkten Ressourcen betrieben werden. Da Insekten wechselwarme Tiere sind, benötigen sie sehr viel weniger Futter als Säugetiere. Während etwa Rinder nicht nur futtern, um satt zu werden, sondern auch um ihre Körpertemperatur aufrechtzuerhalten, hat Futter bei Insekten allein Einfluss auf das Gewicht. So benötigt man nur zwei Kilogramm Futter um ein Kilogramm „Insektenfleisch“ zu produzieren, während Rinder achtmal so viel essen, wie sie an Fleisch hergeben.

Zugegeben: In eine ganze Raupe zu beißen wäre sehr gewöhnungsbedürftig.

Zugegeben: In eine ganze Raupe zu beißen wäre sehr gewöhnungsbedürftig.

Zusätzlich könnte die Insektenzucht dafür sorgen, dass die Überzucht mancher Fischarten verringert wird. Wenn Insekten nicht länger eine Abnormalität für die Lebensmittelindustrie wären, dann könnte Fischmehl durch Insektenmehl ersetzt werden. Mit Fischmehl wird Futter für Hühner und Schweine angereichert. Zwar wird das Mehl hauptsächlich aus Abfällen gewonnen, aber es gibt auch Fischarten, die allein zur Mehlproduktion gefangen werden. Die Insektenzucht könnte diese Praxis eindämmen.

Nieder mit dem Welthunger?

Insektenzucht würde also nicht nur Klima, sondern auch Fauna und Flora guttun. Die FAO sieht aber nicht allein diese Vorteile. Sie propagiert auch noch eine Bekämpfung des Welthungers durch Insektenzucht. In vielen Ländern, in denen Insekten auf dem Speiseplan stehen, sind Spinnenspieße und Co. eher Sonntagsmahlzeiten. Insekten werden  dort nicht gezüchtet, sondern auf umständliche Weise gefangen. Würden Insekten massenhaft gezüchtet und konsumiert, dann könnten sie extrem billig angeboten werden und den Hunger armer Leute stillen.

Als Vorspeise einen knackigen Tausendfüßler? - Warum eigentlich nicht!

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Ein Plan, den die UN in Laos bereits durchgesetzt hat: Seit 2011 wird dort  im Rahmen der Kampagne „Humans Bite Back“ die Zucht von Insekten intensiv gefördert und dadurch die Hungersnot verringert. Das Umstellen auf „Insektenfleisch“ hat sich bereits in der Praxis als Waffe gegen den Welthunger bewährt. Allerdings wäre es falsch anzunehmen, dass momentan zu wenig Lebensmittel auf der Welt produziert werden und mit Insekten plötzlich alle Menschen auf diesem Planeten gesättigt werden könnten. Das eigentliche Problem hinter dem Welthunger kann der UN-Vorschlag nicht lösen.

Welthunger ist ein Verteilungsproblem

Ich bin überzeugt, dass theoretisch genug erwirtschaftet wird, um die gesamte Weltbevölkerung zu ernähren. Allerdings werden viele Lebensmittel lieber weggeworfen oder zu Biosprit verarbeitet, anstatt den Hunger von 870 Millionen unterernährten Menschen auf der Welt zu stillen. Welthunger ist kein Problem der Bevölkerungsexplosion. Es ist vor allem ein Verteilungsproblem.

Die Insektenzucht könnte für ein paar volle Bäuche mehr sorgen. Allerdings sollten Krabbeltiere nicht nur als Mahlzeit für die hungernden Armen dienen. Käfer und Spinnen sollten aufgrund ihrer nachhaltigen Zuchtbedingungen auch auf deutschen Tellern landen. Insekten sind zudem kein „Sklavenfutter“, wie es manch ein User im Netz kommentierte, sondern nahrhaftes Alternativ-Fleisch, das nach Erfahrungsberichten vieler Verkoster absolut zu genießen ist.

Warum sollte man also nicht bereit sein, ein Schnitzel aus gemahlenen Larven zu probieren, anstatt immer nur unter schauderhaften Bedingungen produziertes Billig-Rindfleisch mit pharmazeutischen Rückständen in die Pfanne zu hauen?

2 Comments

  • Mulaibo sagt:

    So nen Drecksfraß können ja die Deppen essen die das alles so toll finden. Ich nicht!!!! Niemals!!!!!!!!!!

  • F.R.E.D. sagt:

    Schöner Artikel! Habe schonmal im Urlaub „Insektenfleisch“ gekostet und war wirklich überrascht. Insekten sind durchaus auch für unseren europäischen Gaumen erträglich…
    Habe mal im Netz gestöbert, es werden ja auch hier schon richtige Speiseinsekten zum Kochen angeboten. ( http://www.wuestengarnele.de )
    Wer weiss, das nächste Dschungelcamp steht ja auch bald wieder vor der Tür 🙂

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