Griechenland in Not

Dass Griechenland nicht nur für einsame Strände, Olivenhaine und kristallklares Wasser steht, dürfte mittlerweile jedem Bundesbürger klar geworden sein. Die Medien brachten die Missstände im südöstlichsten Staat der Europäischen Union vor allem mit der Schilderung der ausufernden Haushaltskrise in den Fokus. Aber wie geht es angesichts des drohenden Staatsbankrottes weiter?

Bewölkter Himmel über Griechenland

Dunkle Wolken über Griechenland: Wird die Staatsverschuldung zum freien Fall des Landes führen? Foto: Christian Teichman

Die massive Staatsverschuldung, Ausschreitungen, Streiks, das milliardenschwere Wettrüsten zwischen Griechenland und der Türkei, Berichte über Korruption und Vetternwirtschaft, die Überforderung eines Staates mit Flüchtlingen aus der dritten Welt und allen voran die Finanzkrise: Griechenland steht immer wieder im Mittelpunkt der europäischen Negativschlagzeilen. Doch die öffentliche Diskussion über die dramatische Verschuldung des Mittelmeerstaates und mögliche Auswirkungen auf Europa lassen die Menschen und ihre konkreten Lebensumstände leicht in den Hintergrund geraten. Wie fühlt sich die wirtschaftliche, soziale und politische Krise für die Bürger Griechenlands an?

Griechenlands Schuldenlast

Die Schuldenlast droht Griechenland zu erdrücken. Viele Bürger fürchten derzeit Armut und den Ausverkauf des Landes. Foto: Christian Teichmann

Darüber spricht der 30-jährige Athener Panos. Nach seinem Studium und dem in Griechenland obligatorischen Militärdienst fand er nach Monaten der Arbeitslosigkeit eine Anstellung im Marketing- und Vertriebssektor. Staatliche Unterstützung wird Arbeitslosen nur für ein Jahr gewährt. So ist der familiäre Rückhalt, die Möglichkeit bei den Eltern zu wohnen, für viele junge Menschen entscheidend. Doch trotz seines Jobs ist die Realität in Zeiten der rigiden Einschnitte nicht immer angenehm.

Angesichts des ökonomischen Drucks und der harten Sparpolitik schloss er sich der sogenannten „I Won’t Pay“-Bewegung an, die unter anderem die Mautstationen des Landes besetzte. Aus dem politischen und wirtschaftlichen Herz Griechenlands, dem Beton-Moloch von Athen, gibt Panos einen persönlichen Einblick zum Befinden seines Heimatlandes.

Die Griechenland-Krise war und ist ein Kernthema in den deutschen Medien. Wie nimmst du diese Krise und ihre sozialen Auswirkungen war?

Panos: Es gibt eine Krise in der Kommunikation zwischen den Menschen. Allgemein kann man sagen, dass die Griechen oftmals ohne Grund lautstark schreien, sich dann aber in entscheidenden Momenten zurückhalten. Sie ziehen es dann häufig in ausschlaggebenden Zeiten vor, zu schweigen und nicht zu protestieren. Doch es gibt so viele Missstände. Sämtliche Regierungen nach der Zeit der Diktatur von 1967 bis 1974 haben es nicht geschafft, die nötige Infrastruktur zu schaffen – sei es bei der Bildung, dem Gesundheitswesen oder der Fürsorge für Menschen mit Behinderungen.

Glaubst du denn, dass die Jugend ihre Hoffnung auf bessere Zeiten verloren hat?

Eine junge griechische Demonstrantin in Athen

Die griechische Jugend sorgt sich um ihre Zukunft. Foto: George Laoutaris

Panos: Die Jugend des Landes hat bereits ihre Geduld verloren – natürlich wegen der endlosen Zahl der Fehler der Regierung – natürlich auch wegen des kommenden Einspringen des Internationalen Währungsfonds, den hier niemand will oder jemals wollte. Das Hauptproblem für uns ist einfach der Verlust und die Zerstörung unserer Träume.

Statt für die Zukunft leben wir nur für den nächsten Monat oder den nächsten Tag. Die Löhne sind seit zwei Jahren auf gleichniedrigem Niveau, während die Preise, auch für die elementaren Güter, unaufhörlich steigen. Der gesamte öffentliche Sektor, ob nun im Bereich der Bildung, des Gesundheitswesens oder des Verkehrswesens, beginnt zu sterben.

In Griechenlad fällt oft der Begriff der „Generation 700“. Was ist damit gemeint?

Panos: Damit ist die schlecht bezahlte junge Generation gemeint, die nur „700 Euro“ verdient. Das ist ein allgegenwärtiges und gewohntes Bild Griechenlands. Doch sie beschreibt nicht nur uns, die junge Generation. Sie steht für ein gesamtgriechisches, soziales Phänomen. Ich glaube einfach, dass unsere Generation im Sterben liegt, denn die Arbeitslosigkeit steigt und steigt. Tag für Tag.

Gerade gingen massive Proteste junger Menschen in Spanien durch die Medien. Sie leiden ebenfalls unter einer hohen Arbeitslosigkeit und vergleichbaren Problemen. Glaubst du, dass solche Massendemonstrationen auch auf Griechenland übergreifen werden?

Panos: Schon vor einigen Tagen sind auch hier Protestaktionen angelaufen. Die sind vergleichbar mit der „Indignados-Bewegung“ in Spanien. Neben Athen, Thessaloniki, Ioannina, Larissa, Patras, Heraklion und Volos gab es auch in vielen kleineren Städten des Landes Proteste, die durch das Internet und Social Media ins Rollen kamen.

Die derzeitige Protestwelle ist kein überraschendes Phänomen, angesichts der tiefgreifenden strukturellen Probleme. Wie ist deine Einschätzung zur viel diskutierten Finanzkrise?

Strassenschild in Griechenland

Die Staatskrise: Kein Ziel in Sicht? Foto: Christian Teichmann

Panos: Das Hauptproblem und der Hauptgrund für die Proteste ist natürlich Arbeitslosigkeit, Arbeitslosigkeit, Arbeitslosigkeit! Dazu kommt die Privatisierung sämtlicher öffentlicher Bereiche in Griechenland. Die Finanzkrise ist aber eher die Krise der Regierenden, der EU und des Internationalen Währungsfonds (IWF) und nicht die des griechischen Volkes. Es ist eine künstliche Krise, die von Banken erzeugt wurde.

In verschiedenen europäischen Staaten, besonders in Deutschland, wurde ja ausgiebig über Korruption und Steuerhinterziehung in Griechenland berichtet. Ist diese harsche Kritik aus dem Ausland gerechtfertigt?

Panos: Ja, sie ist gerechtfertigt. Aber ich finde, dass man einzelne Staatsbürger nicht für sämtliche Fehler sämtlicher Politiker der beiden größten Parteien, der „Nea Dimokratia“ und der „PASOK“, beschuldigen kann. Aber Korruption und Steuerhinterziehung ist weit verbreitet. Auch, weil es Ärzte und Finanzbeamte und generell Freunde der beiden großen Parteien gibt, die gerne die Verfehlungen der Regierung für ihre eigene Geldbörse nutzen.

Die Missstände führen aber auch zu Gegenreaktionen und neuen Formen des Protests. Du bist ja in der sogenannten „I Won’t Pay“-Bewegung aktiv, die unter anderem Mautstationen besetzt. Was kennzeichnet diese Bewegung?

Panos: Es gibt verschiedene öffentliche Formen des Protests. Viele arme Menschen können nicht alle Schulden, die durch die griechischen Minister verursacht wurden, bezahlen. Viele dieser Menschen, die die Mehrheit sind, bilden die „I won’t pay“-Bewegung. Die Aktionen an den Mautstationen begannen schon vor 21 Monaten. Andere wiederum weigern sich in griechischen Krankenhäusern die Praxisgebühr in Höhe von fünf Euro zu bezahlen. Manche zeigen ihren Protest auch, indem sie ihre Stromrechnung nicht zahlen und einige weigern sich, die teuren Tickets für die öffentlichen Verkehrsmittel zu kaufen.

Gewaltsame Ausschreitungen in Athen

Die Frustration der griechischen Jugend ist groß. Die Ablehnung des Staates gipfelt immer wieder in gewalttätigen Ausschreitungen und Strassenschlachten. Foto: George Laoutaris


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Neben friedlichen Protesten kommt es immer wieder zu gewaltsamen Ausschreitungen. Besonders als im Jahr 2008 der 15-jährige Schüler Alexandros Grigoropoulos von einem Polizisten erschossen wurde, eskalierte die Gewalt. Siehst du die Gefahr, dass Griechenland in einen Strudel der Gewalt gezogen wird?

Panos: Nein. Kein Protest ist gewalttätig. Die Ermordung von Alex hat nichts mit den Protesten zu tun. Wenn diese gewalttätig verlaufen, liegt es an der Dummheit von fünfzig bis hundert Personen, denen hunderttausende friedliche Demonstranten gegenüber stehen. Für die Medien ist es natürlich einfach, ein Gefühl der Angst zu erzeugen. Ich hingegen fürchte mich nicht davor, dass Griechenland in die Gewalt abrutscht. Die Regierung mitsamt ihrer Beschützer hat da mehr Angst.

Griechenland durchlebte in seiner Geschichte bereits häufig schwierige Zeiten. Wie kann das Land deiner Meinung nach auch diese Krise meistern?

Strand in Griechenland

Zurück zum Landleben als Option? Foto: Christian Teichmann

Panos: Eine Lösung kann nur durch demokratische Prozesse, durch Gespräche, gefunden werden. Diese sollten zu konkreten Taten führen, die selbstverständlich gewaltfrei sein müssen. Die Lösung muss außerhalb der verkrusteten Parteienlandschaft und den Syndikaten erfolgen, die von den beiden größten Parteien des Landes angeführt werden.

Du hast uns hier dein ganz persönliches Bild der Krise dargestellt. Willst du denn auch in Zukunft weiterhin in Griechenland leben?

Panos: Das ist wirklich eine sehr schwere Frage für mich. Denn niemand verlässt gerne sein Land – vor allem nicht so ein schönes wie Griechenland. Aber das Leben ist wirklich nicht einfach hier. Es gibt früher oder später nur zwei Möglichkeiten für uns alle: Entweder die großen Ballungsgebiete zu verlassen und wieder auf’s Land zu ziehen. Oder die Auswanderung.

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