Neues aus der Gerüchteküche

„Ich habe da was gehört“, „Weißt du, was mein Nachbar mir erzählt hat?“- so oder ähnlich hört es sich anfangs an. Es ist faszinierend, mysteriös und aufregend. Die Rede ist vom wohl ältesten Massenmedium der Welt: dem Gerücht.

In Paul Webers Gemälde „Das Gerücht“ von 1943 wird das Gerücht als Schlange dargestellt, dem Symbol der Falschheit. Das Gerücht hat hier typische Details: Große Ohren mit denen es Dinge spitzkriegen kann, eine spitze Nase, die sie in alles rein steckt und eine dicke Brille mit der sie dennoch alle nur verzerrt wahrnimmt. Foto:flickr.com/User:Tellmewhat

In Paul Webers Gemälde „Das Gerücht“ von 1943 wird das Gerücht als Schlange dargestellt, dem Symbol der Falschheit. Das Gerücht hat hier typische Details: Große Ohren mit denen es Dinge spitzkriegen kann, eine spitze Nase, die sie in alles rein steckt und eine dicke Brille mit der sie dennoch alle nur verzerrt wahrnimmt. Foto:flickr.com/User:Tellmewhat

Wir alle kennen Gerüchte, die zum Teil banal und an den Haaren herbeigezogen sind, aber gerade da liegt die Faszination. Es könnte ja wahr sein und deswegen glauben wir gerne daran. Die Menschen fühlen sich beim Gerücht an ein mysteriöses, magisches Phänomen erinnert, das sich rasend schnell verbreitet und unaufhaltbar ist. Doch so magisch ist das Phänomen gar nicht. Schon lange hat das Gerücht seinen eigenen Forschungsbereich, in dem es aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet wird. Welche gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Funktionen hat es? Warum verbreiten sich Gerüchte so schnell? Und was fasziniert die Menschen an dieser charmanten Art der Kommunikation? Solche und ähnliche Fragen versuchen die Gerüchteforscher zu beantworten.

Ein in Fahrt gekommenes Gerücht ist schwer zu stoppen. Dafür ist die anonyme Gruppe zu gewaltig. Zwei Maßnahmen, die in der Zeitung vorkommen, sind die Gegendarstellung und die Widerlegung. Foto:coolio-claire/flickr.com

Ein in Fahrt gekommenes Gerücht ist schwer zu stoppen. Dafür ist die anonyme Gruppe zu gewaltig. Zwei Maßnahmen, die in der Zeitung vorkommen, sind die Gegendarstellung und der Widerruf. Foto:flickr.com/User:coolio-claire

Gerüchte haben denselben Ursprung wie Informationen

Eines der ältesten Gerüchte stammt aus dem alten Griechenland. Der Barbier und die Niederlage der Athener Seeflotte: Der Barbier erfuhr von einem Fremden, dass Athens Flotte geschlagen wurde. Er verbreitete die Information und wurde daraufhin von der Athener Regierung gefoltert. Wer ihm die Information gegeben hatte, konnte er nicht genau sagen. „Darin liegt die Anziehungskraft: Das Gerücht könnte eben wahr, aber auch falsch sein. Oftmals stellen sich Gerüchte jedoch erst viel später als falsch heraus“, erklärt Hedwig Pompe. In der Geschichte um die Athener Seeflotte stellte sich die Information unglücklicherweise als wahr heraus.

Entertainment als Merkmal

Hedwig Pompe ist akademische Oberrätin am Institut für Germanistik an der Universität Bonn und Expertin auf dem Gebiet der Gerüchteforschung. „Gerüchte treten dann auf, wenn sie die Aufmerksamkeit der Leute erregen. Natürlich muss auch Neues und Ungewöhnliches enthalten sein.“ Themen, die ständig neue Gerüchte bringen sind Krieg, Frieden, Liebe und Sexualität. Die Berichterstattung über den Libyenkonflikt ist ein gutes Beispiel, bei dem viele Nachrichten nur vom Hörensagen bekannt sind. Bei den Quellen handelt es sich um Videos von Libyern, die diese mit ihren Handys aufgenommen haben. Oder die in den letzten Wochen täglichen Nachrichten zur Hochzeit zwischen Kate und William. Wer ist zur Hochzeit eingeladen? Wohin geht es in die Flitterwochen? Und wie steht es um die Gesundheit der künftigen Braut?

So wie hier, ist es oft: Das Gerücht verbreitet sich am besten in der Gruppe. Wo das Gerücht später angefangen hat, ist dann meistens nicht mehr feszustellen. Foto:Andrew Feinberg/flickr.com

So wie hier, ist es oft: Das Gerücht verbreitet sich am besten in der Gruppe. Wo das Gerücht später angefangen hat, ist dann meistens nicht mehr feszustellen. Foto: flickr.com/ Andrew Feinberg

„Nur eine schlechte Nachricht, ist eine gute Nachricht.“

So drastisch wie es der Philosoph Marshall McLuhan ausdrückt, ist es nicht. „Es gibt auch positive, gute Gerüchte. Allerdings wirken schlechte Informationen meist anziehender für die Menschen“, sagt Pompe und verweist damit auf die gesellschaftliche Funktion. Gerüchte spiegeln die Stimmung einer Gesellschaft wider, also was hält eine Gesellschaft für möglich, was hat sie für Vorurteile. Außerdem schaffen Gerüchte ein Kollektiv. Deswegen tratschen auch alle gerne mit: Sie wollen Teil der Gruppe sein. „Gerüchte kann man mit Flashmobs vergleichen: „Schau mal, da ist richtig was los. Lass uns hingehen!“ Na ja, so ist es dann auch oft mit dem Gerücht“, beschreibt Pompe die Eigenarten eines Gerüchts.

Der typische Gerüchteverbreiter

Solche Personen kennen wir alle. Ohren immer gespitzt, sie schnappen alles auf, aber nie so richtig und sind richtige „Tratschtanten“. Die perfekten Zutaten für ein Gerücht: Person A erzählt es Person B und so macht die Nachricht die Runde. Dabei wird Schritt für Schritt die Geschichte ein wenig anders erzählt, Details werden weggelassen, andere einfach hinzugefügt. Daher sind Gerüchte zunächst eine mündliche Art der Kommunikation. Verpackt werden Gerüchte zum Beispiel in Legenden und Sagen, die sich über Jahrhunderte verbreitet haben und noch heute erzählt werden.

Durch das Internet gibt es ständig neue Informationen und damit auch neue Gerüchte. Beschleunigt wird das ganze durch das Web 2.0: Facebook, Twitter und Youtube verstärken den Echtzeitfaktor enorm. Foto:Asthma Helper/flickr.com

Durch das Internet gibt es ständig neue Informationen und damit auch neue Gerüchte. Beschleunigt wird das ganze durch das Web 2.0: Facebook, Twitter und Youtube verstärken die Verbreitung enorm. Foto: flickr.com/User:asthma helper

Eine Sache hat sich mittlerweile jedoch stark geändert: „Informationen und Gerüchte verbreiten sich heutzutage viel schneller. Vor allem die Massenmedien und das Internet haben die Entstehung extrem beschleunigt. Ohne Medien keine Gerüchte“, sagt Pompe und sieht das Gerücht in einer Endzeitphase. Die geforderte Schnelligkeit und die unsichere Quellenlage bringen stetig neue Meldungen. Allerdings viel zu viele: Was uns alles an den Kopf geworfen wird, können wir gar nicht aufnehmen. So könnte das Gerücht in Zukunft seinen Charme und Charakter verlieren.

Gerüchte über Gerüchte

Doch bis dahin ist es noch sehr weit. Gerüchte sind Teil unseres Alltags und sind aufgrund ihrer vielfältigen Erscheinung nahezu unaufhaltsam. Den Inhalt eines Gerüchts zu ändern ist beinahe unmöglich. Wo soll man auch anfangen? Fragt man jemanden, wo er diese oder jene Information her hat, hört man häufig Antworten in dieser Art: „Puh, hat mir der Markus erzählt und der hat es von einem Kollegen seiner Freundin oder so.“ Damit fällt die Möglichkeit ein Gerücht bis zu seiner Entstehung zurückzuverfolgen ins Wasser. Ist ein Gerücht erstmal in der Welt muss man auf zwei Sachen hoffen, sagt Pompe. „Entweder das Gerücht erschöpft sich, weil die Leute das Interesse verlieren. Oder es entpuppt sich als Lüge.“

Gerüchte werden von allen Medien in die Welt gesetzt. Ob TV, Radio oder Online. Die spekulativsten Schlagzeilen hat jedoch die BILD-Zeitung. Foto:Redvers/flickr.com

Gerüchte werden von allen Medien in die Welt gesetzt. Ob TV, Radio oder Online. Die spekulativsten Schlagzeilen hat jedoch die BILD-Zeitung. Foto:Redvers/flickr.com

Täglicher Spaß

Wechselgerüchte von Fußballstars, Babyklatsch bei den Prominenten oder Munkeleien über mögliche Rücktritte von Politikern – täglich lesen wir in den Medien solche Meldungen. Darüber lachen wir dann, regen uns auf oder schütteln einfach ungläubig den Kopf. Eigentlich wollen wir doch alle Gerüchte lesen, meint auch Pompe. „Das sind wechselseitige Erwartungen. Wir wollen Gerüchte, die Medien geben sie uns. Und so läuft die Spirale weiter und weiter.“ Gerüchte machen unseren Alltag schließlich spannender und wir haben immer Gesprächsstoff à la „Hast du schon davon gehört?“ oder „Hättest du gedacht, dass der so was macht?“. Und letztlich wundert man sich auch häufig über sich selbst, wenn man mal wieder einem Gerücht geglaubt hat, das sich im Nachhinein als totaler Unsinn herausstellt.

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