Kino-Tipp: WOMB

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Ein Liebesdrama vor romantischer Strandkulisse: Auf den ersten Blick scheint „WOMB“  perfekt für einen gemütlichen Kino-Abend. Doch Romantiker werden enttäuscht sein – der Film ist ziemlich ernüchternd und auch nicht real.  Genau darin liegt das Problem.

Rebecca ist eine 24-jährige Frau als sie an den Wohnort ihres verstorbenen Großvaters zurückkehrt. Dort trifft sie ihre Jugendliebe Tommy wieder und beide spüren sofort die Zuneigung, die sie in Kindertagen verband. Was als naives Kinderspiel anfing, wird schnell ernst: Das Paar genießt das aufgewärmte Liebesglück – bis Tommy bei einem Autounfall stirbt.

Rebecca und Tomas sehen sich nach über 10 Jahren wieder. Foto: Camino Filmverleih

Rebecca und Tomas sehen sich nach über 10 Jahren wieder. Foto: Camino Filmverleih

Und hier setzt die eigentliche Geschichte von „WOMB“ an: Rebecca ist von Tommys Tod überrumpelt, erkennt aber auch gleichzeitig, dass sie nicht ohne ihn leben möchte. Sie bittet Tommys Eltern um eine DNA-Probe von deren verstorbenen Sohn – um ihn klonen zu lassen und ihn in ihrem eigenen Unterleib (engl.: womb) auszutragen.

Das Klonen als Normalfall

Je erwachsener der geklonte Tommy wird, desto mehr Problemen muss sich Rebecca stellen. „WOMB“ spielt in einer Zeit, in der Klonen medizinisch gängig, aber
gesellschaftlich jedoch keinesfalls akzeptiert ist. Klone werden im Film „Replis“ genannt und sind einerseits ganz normale Menschen, andererseits werden sie aufgrund ihrer DNA von anderen Kindern – und besonders deren Eltern – gemieden. So kommt es, dass Tommy an seinem Geburtstag allein vor seiner Torte sitzt, obwohl es eine große Party hätte geben sollen. Seine Freunde haben sich von ihm abgewendet.

Eine Jugend fern der Welt

Nach diesem Geburtstag zieht Rebecca mit ihrem Sohn in ein abgelegenes Strandhaus, wo er weitgehend abgeschottet von der Außenwelt aufwächst. Tommy wird erwachsen und sieht genauso aus, wie der Mann, den Rebecca einst so sehr liebte. Er hat keine Freunde, studiert nicht, und doch liegt eines Morgens Monica in seinem Bett. Monica bringt Rebeccas Gefühle durcheinander: Rebecca merkt, dass sie ihren Sohn nicht teilen möchte. Statt Eifersuchtsszenen gibt es bei „WOMB“ vor allem sehnsüchtige Blicke und befremdliche Situationen. Zum Beispiel kommt Rebecca morgens zu Tommy ins Bett, um zu kuscheln. Er erwidert die Annäherungsversuche, bis er merkt, dass die Frau in seinem Bett seine eigene Mutter und nicht die geglaubte Freundin ist. Dass die körperliche Anziehung von beiden Seiten nicht ohne Folgen bleiben kann, wird dem Zuschauer spätestens hier klar.

Das einsame Strandhaus wird zum neuen Zuhause. Foto: Camino Filmverleih

Das einsame Strandhaus wird zum neuen Zuhause. Foto: Camino Filmverleih

„WOMB“ klingt zuerst einmal nach dem perfekten Frauenfilm: Eine ordentliche Portion Liebe, gemischt mit noch mehr Trauer und einer Prise Romantik. Es könnte aber auch ein modernes Märchen sein, enthält es doch durchaus Science-Fiction-Elemente wie das Klonen. „WOMB“ hätte auch einfach ein netter Film für zwischendurch werden können – wenn die Intimitäten zwischen Mutter und Sohn den Zuschauer nicht so verstören würden.

Im Film wird das Klonen als etwas ganz Alltägliches dargestellt. Rebecca will ihren heiß geliebten Tommy wieder bei sich haben, also lässt sie ihn kurzerhand klonen. Dass Frauen sich von ihrem verstorbenen Freund, Ehemann oder Verlobten künstlich befruchten lassen, um dann das Kind eines Toten auszutragen, mag makaber klingen – unvorstellbar ist es jedoch nicht. Dass aber ein Klon des Liebsten die einzige Möglichkeit sein soll, die Lebensfreude wiederzufinden – das geht für den gewohnten Geschmack des Zuschauers eindeutig zu weit. Vor allem weil diese Frau den Klon wie das eigene Kind aufzieht und ab einem gewissen Alter eine körperliche Zuneigung zu ihrem Sohn verspürt.

Schwere Thematik

Der Film will zum Nachdenken anregen und grundsätzliche moralische Fragen zum Thema Klonen aufwerfen – stattdessen überfordert er einfach. Auf der einen Seite zeigt der Film detailreich Rebeccas Gefühlswelt, damit der Zuschauer sich in die Situation versetzen kann. Gleichzeitig nimmt der Film dem Zuschauer jede Möglichkeit der Identifikation, weil er so absurd und einfach zu gewollt wirkt.

„WOMB“ ist nicht leicht in eine Schublade zu stecken und genau das ist das Problem: Es ist eine Fantasy-Geschichte, die im Alltag spielt. Dass Klonen so selbstverständlich sein soll wie der Gang zum Zahnarzt, scheint doch sehr skurril. Die Handlung spielt in der Gegenwart und auf der Erde – und nicht etwa in einer Galaxie. Es geht um die Frage: Was wäre, wenn wir heute die Gelegenheit bekämen, unsere liebsten Menschen zu klonen? Würden wir es tun, wenn wir sie nach dem Tod dadurch wieder bei uns haben könnten? Diese Fragen hätten für einen kompletten Film gereicht – stattdessen rückt Regisseur Benedek Fliegauf die intime Beziehung zwischen Mutter und Sohn in den Vordergrund.

Rebecca trifft eine folgenschwere Entscheidung. Foto: Camino Filmverleih

Rebecca trifft eine folgenschwere Entscheidung. Foto: Camino Filmverleih

Irgendwie passen die Elemente Romantik, Klonen, Mutter, Sohn und Sex nicht nur sehr schlecht zusammen – sie sind mit dem normalen Verstand auch sehr schwer zu fassen. Und doch gibt es drei Gründe, „WOMB“ zu mögen: Die Filmkulisse am Meer, Eva Green in der Hauptrolle und Hannah Murray als Filmfreundin von Tommy.

Die Nordsee als Spielort

„WOMB“ wurde in der Nähe von St. Peter-Ording und auf Sylt gedreht. Wer das Meer liebt, wird die Kulisse zu schätzen wissen. Nach dem Motto „weniger ist mehr“ hat Regisseur Benedek Fliegauf den Film gestaltet – der Stoff ist schwer, also muss der Rest leicht zu nehmen sein. Das gelingt, tröstet aber keineswegs über den Inhalt des Films hinweg. Vielmehr macht gerade die Kulisse den Film noch weniger fassbar: Eine unschuldige Landschaft, mittendrin eine Mutter, die ihren Sohn begehrt. Was nach einem klassischen Kontrast klingt, wirkt zuweilen doch sehr künstlich.

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Eva Green kann „WOMB“ nicht retten

Eva Green, bekannt aus „Casino Royale“ und „Der goldene Kompass“, rettet das „WOMB“-Dilemma nur bedingt: Zwar legt sie schauspielerisch eine gute Leistung hin, doch gerade dadurch wirkt ihr Filmpartner Matt Smith noch schwächer. Ein bisschen zu jung, zu unbeholfen und irgendwie dümmlich kommt die Figur Tommy daher. Nicht zuletzt, weil seine Filmfreundin Hannah Murray, bekannt aus „Skins“, ihn ebenfalls schauspielerisch übertrumpft. Inmitten von Eva Green und Hannah Murray hätte die Rolle des Tommy schlichtweg besser gecastet werden müssen. So bleibt er ein kleiner Junge – egal, wie alt Tommy wird und wie männlich er sich gibt.

Moralische Fragen wirft der Film durchaus auf, doch leider nicht zum Thema Klonen. Der Nachgeschmack ist vor allem durch die körperliche Beziehung von Mutter und Sohn gefärbt. Und das ist wiederum eine Moral, die unserer Gesellschaft fremd ist und deswegen mehr schockiert als nachdenklich zu stimmen.

Wer sich entweder in überragendem Maß für die Problematik des Klonens interessiert oder von Eva Green besessen ist, sollte sich den Film anschauen. Der Rest sollte warten, bis „WOMB“ mitten in der Nacht auf Arte läuft.

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