Fasten – Fluch oder Segen?

Der Karneval ist vorbei. Erinnert man sich an den ursprünglichen Hintergrund von Verkleidungen und Dauerparty folgt nun, wer weiß es? Richtig. Die Fastenzeit. 
Viele verzichten auf Süßigkeiten oder Alkohol, einige sogar komplett auf feste Nahrung. Doch ist das überhaupt noch gesund? Und wer fastet heutzutage überhaupt noch?

Katrin Lessmann (links) fastet jedes Jahr, ihre Studienkollegin Kristina Urban ist weniger überzeugt. (Foto: Lara Malberger)Katrin Lessmann (links) fastet jedes Jahr, ihre Studienkollegin Kristina Urban ist weniger überzeugt. (Foto: Lara Malberger)

Auf dem Campus herrschen geteilte Meinungen: Die einen verzichten bis Ostern auf Süßigkeiten, Fleisch oder Alkohol. Die anderen zeigen dem alten Brauch die kalte Schulter. 
Katrin Lessmann verzichtet schon seit fünf Jahren während der Fastenzeit, also sieben lange Wochen, auf Fleisch und Süßigkeiten. „Das sind beides Sachen, bei denen ich mich nach dem Essen schlecht fühle, eine Weile darauf zu verzichten, fühlt sich einfach gut an“, erklärt die 20-Jährige Biologiestudentin.

Die Idee für das Fasten kam durch Freunde, religiöse Motive habe sie dabei nicht. Die 23-Jährige Kristina Urban denkt dagegen nicht ans Fasten: “ Ich esse eigentlich eh wenig Fleisch und Süßigkeiten, deshalb sehe ich keine Sinn darin in der Fastenzeit komplett darauf zu verzichten.“

Logistikstudent Moritz Wernecke hat in der Fastenzeit mal auf Alkohol verzichtet: „Es war zwar eine Wette, aber ich wollte es mir auch selbst beweisen“, erzählt er. Der 25-Jährige fastete gemeinsam mit einem WG-Kollegen. 

Selbstdisziplin als Motivation

„Es sich selbst beweisen wollen“ – die eigene Motivation scheint eine Grundvoraussetzung für das Fasten zu sein. Denn wer nicht selbst von dem überzeugt ist, was er tut, kann es nur schlecht durchhalten. Das denkt auch Nele Behrens: „Ich glaube, viele Menschen erzählen einfach, dass sie fasten, essen dann aber heimlich doch die Schokolade. Ich will selbst nicht wirklich fasten, deswegen mache ich es auch nicht, dann kann ich mich auch nicht selbst betrügen“, erklärt die 21-Jährige. „Das einzige, was ich faste, sind Milchprodukte und Sorbit, aber nicht aus Überzeugung, sondern wegen einer Lebensmittelunverträglichkeit“, erzählt die Sonderpädagogikstudentin. Dieses Problem kennt auch Anette Misiolek: Die 21-Jährige studiert Bioingeneurwesen und leidet unter eine Glutenunverträglichkeit. „Mehl und auch sonst alle Getreideprodukte sind für mich tabu“, erklärt sie. Allerdings hat sie sich auch für die Fastenzeit etwas vorgenommen: „Ich möchte bis Ostern nur noch Wasser trinken und auf Säfte und süße Getränke verzichten, einfach damit ich mich besser fühle.“
Ihr Freund Michail Maricanov steht dem Fasten eher skeptisch gegenüber: „Ich sehe einfach keinen Sinn darin. Bis vor kurzem wusste ich noch gar nicht, dass jetzt Fastenzeit ist, aber dann wollten wir wissen, warum man überhaupt Karneval feiert.“
Ja, der Karneval läutet tatsächlich die Fastenzeit ein. Das Fasten zwischen Karneval und Ostern ist eigentlich christlich-religiös bedingt. Eigentlich.

André Heller hat schonmal eine Woche lang radikal gefastet - und nichts gegessen. (Foto: Lara Malberger)

André Heller hat schon einmal eine Woche lang radikal gefastet – und nichts gegessen. (Foto: Lara Malberger)

Fasten aus Überzeugung?

Heute rückt für die meisten die religiöse Motivation in den Hintergrund. Viele fasten aus gesundheitlichen Gründen oder wollen sich selbst oder anderen beweisen, dass sie eine bestimmte Gewohnheit lassen können.
Neben dem Verzicht auf Süßigkeiten gibt es auch schwerere Arten des Fastens. André Heller hat zum Beispiel für kurze Zeit komplett auf feste Nahrung verzichtet: „Ich hab mich mal eine Woche lang nur von Wasser, Säften und Brühe ernährt“, erzählt der 25-Jährige Informatikstudent. „Ich hab das als Vorbereitung auf eine Diät gemacht und es hat ganz gut geklappt“, erklärt er.

Nulldiäten verändern den Stoffwechsel 

Nach dem Nahrungsverzicht sollen Ernährungsumstellungen leichter fallen – allerdings machen auch nur Ernährungsumstellungen das Fasten zu einer sinnvollen Abnehm-Methode. Macht man nach so einer radikalen Fastenkur einfach weiter wie vorher, kann schnell das Gegenteil des gewünschten Ergebnisses eintreten: Statt abzunehmen, hat man dank JoJo-Effekt schnell mehr Gewicht drauf als vorher.
Das liegt vor allem daran, dass sich der Stoffwechsel durch das Hungern verändert: Der Körper versucht Energiereserven so gut wie möglich zu nutzen und läuft energetisch auf Sparflamme. Kriegt er dann hinterher wieder die gewohnte Energiemenge, speichert der Körper oft sogar mehr Energie als vorher.
Gisela Olias vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke erklärt, was bei einer solchen Fastenkur im Detail passiert: „In den ersten ein bis zwei Tagen greift der Körper noch auf den Zuckerspeicher in der Leber und den Muskeln zurück. So sorgt er dafür, dass unter anderem das Gehirn ausreichend mit Traubenzucker versorgt ist, davon braucht es nämlich etwa 140 Gramm am Tag.“

Der Körper passt sich an – auch beim Fasten

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Manch einer verzichtet in der Fastenzeit sogar noch auf das Brot. (Foto: flickr / More Good Foundation)

Sind diese Zuckerspeicher erschöpft, greift der Körper auf das Eiweiß in den Muskeln und die Fettreserven zurück: „In dieser fortgeschrittenen Hungerphase dienen dem Körper bestimmte Eiweißbausteine und Glyzerin als Material für die Zuckerproduktion“, erklärt Olias. Die Menge an diesen Eiweißbausteinen ist allerdings begrenzt – wird dauerhaft zu viel Eiweiß aus der Muskulatur abgebaut, kann zum Beispiel der Herzmuskel beschädigt werden. „Um Zucker und damit auch Eiweißbausteine zu sparen, nutzt das Gehirn neben Traubenzucker auch verstärkt Ketonkörper als Energiequelle, die tragen auch dazu bei, dass das Hungergefühl gedämpft wird“, erklärt Olias. „Auf diese Weise beschränkt der Organismus den Eiweißabbau auf ein Minimum.“
Zwei bis drei Wochen dauert es, bis sich der Stoffwechsel komplett umgestellt hat: Der Körper deckt seinen Energiebedarf jetzt hauptsächlich durch den Abbau von Körperfett und kommt mit weitaus weniger Energie als vor der Fastenkur aus. Jetzt purzeln die Pfunde auch langsamer: Während in der ersten Diätwoche der Gewichtsverlust noch überdeutlich war, pendelt er sich jetzt auf ein Minimum ein. „Wer dauerhaft abnehmen will, sollte nach der Kur nicht wieder in alte Ernährungsgewohnheiten fallen“, rät Olias. Als Einstieg in eine Ernährungsumstellung kann die Fastenkur also zwar durchaus nützlich sein – aus medizinischer Sicht ist sie es allerdings nicht. 

Entschlacken durch Heilfasten?

Das Hungerkuren oder sogenanntes Heilfasten dazu dienen, den Körper zu „entschlacken“ und so zu entgiften, ist umstritten. Bei den „Schlacken“ soll es sich meist um Zwischenabbauprodukte von Nährstoffen wie Kohlenhydraten, Eiweißen und Fetten handeln, die der Körper nicht mehr ausscheiden kann und die stattdessen im Organismus abgelagert werden. „Aus wissenschaftlicher Sicht ist dazu zu sagen, dass im menschlichen Organismus keine Schlackenstoffe anfallen. Aufgenommene Nährstoffe werden umgewandelt, abgebaut und schließlich über die Niere, den Darm, die Lunge und die Haut ausgeschieden“, erklärt Olias.
So erklärt sich auch der leicht säuerliche Mundgeruch, der oft mit dem Fasten einhergeht, nicht durch den Entgiftungsprozess, sondern durch die – wegen des Hungerns – vermehrte Produktion der Ketonkörper. Dazu zählt zum Beispiel Aceton, dessen Geruch man typischerweise von Nagellackentfernern kennt.
„Fasten ist für gesunde Erwachsene zwar nicht unbedingt gesundheitsschädlich, aber es belastet den Körper doch mehr, als das es ihn entlastet“, so Olias. „Vor allem nach längerem Fasten kann es zu Vitamin und Nährstoffmangel kommen.“
Deshalb ist Fasten vor allem für Kinder, Jugendliche, Schwangere und kranke Menschen tabu. Und auch gesunden Menschen rät Olias: „Radikale Hungerkuren von mehr als fünf Tagen, sollten nur unter ärztlicher Aufsicht durchgeführt werden. Man sollte sich außerdem schonen und dem Körper Stress und übermäßige Aktivität ersparen.“

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