Ein Leben als Grenzgänger

_DSC2817 Das Schengener Abkommen macht es für viele EU-Bürger einfacher, in einem anderen europäischen Land zu leben oder zu arbeiten. Wie wirkt sich das auf Bewohner von Grenzregionen aus?

 Vor fünf Monaten war alles noch ganz einfach. Im Oktober verließ Laura Knethel morgens um acht Uhr ihre Wohnung in Aachen und machte sich auf den Weg ins belgische Eupen. Eine Viertelstunde später überquerte sie mit dem Auto die deutsch-belgische Grenze. In Eupen arbeitet sie seit dem 1. Oktober als Online-Redakteurin für die einzige deutschsprachige Tageszeitung in Belgien, das „Grenzecho“. Vier Wochen lang überquerte sie für den Job jeden Tag zwei Mal die Grenze.

 Heute arbeitet sie nicht nur in Eupen, sondern wohnt auch dort. „Ich musste alles aufgeben – meinen Wohnsitz und meine Krankenversicherung. Meine Steuern zahle ich jetzt in Belgien“, sagt sie. Trotzdem bereut sie ihre Entscheidung nicht. Denn heute wären die täglichen Fahrten nicht mehr so einfach – das Überqueren der Grenze deutlich zeitintensiver. Seit den Terroranschlägen von Paris kontrolliert die Polizei wieder. In Lauras Augen ist das berechtigt: „Ich finde es gut, wenn die Polizei nach Terroristen fahndet.“

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Griseldis macht sich auf den Weg über die deutsch-belgische Grenze.

Beruflich und vor allem privat fahren Laura und ihre Kollegin Griseldis Cormann sehr oft über die deutsch-belgische Grenze. Griseldis, die ebenfalls in Eupen wohnt, fährt an diesem Tag zu einem Pressetermin nach Aachen. Im Auto läuft ein belgischer Radiosender, die Moderatoren sprechen französisch. Von den Kontrollen ist Griseldis genervt: „Ich habe viele Freunde in Aachen und Köln, die ich oft besuche. Wenn die Polizisten bald an jedem Grenzübergang kontrollieren sollten, würde ich ernsthaft darüber nachdenken, gegen diese Maßnahmen zu demonstrieren. Das kann dich bis zu einer Stunde kosten.“ Auch für den Gedanken eines offenen Europa sind die Kontrollen hinderlich, sagt die 26-Jährige. „Sie sollten nur für eine bestimmte Zeit andauern und nicht ohne gegenseitige Absprachen durchgeführt werden.“ Andernfalls wären die Kontrollen ein großes Problem.

An diesem Tag fährt Griseldis über eine Landstraße nach Aachen. Die zweispurige Straße ist voller Baustellen, überall ist die Asphaltdecke gerissen. Die Umgebung ist sehr ländlich. Kleine Dörfer mit vielen Bauernhöfen reihen sich aneinander. Hier ist die Bundespolizei an diesem Tag nicht präsent. Ein Ende der Maßnahmen ist im Moment nicht in Sicht, sagt Bernd Küppers, Polizeioberkommissar der Bundespolizeiinspektion Aachen. „Fakt ist, wir sind auf der Suche nach Terroristen.“

 Erste Erfahrungen mit dem Arbeiten im Ausland

Als Griseldis von ihrem Termin zurückkommt, macht sie ihren PC an. Sie muss für die nächste Ausgabe noch einen Artikel fertigstellen. Die belgische Polizei soll der deutschen vorgeworfen haben, die Grenzkontrollen ohne Absprachen durchzuführen. „Das sorgt in der Grenzregion momentan für viel Wirbel, denn deutsche und belgische Medien berichten unterschiedlich über den Fall“, sagt sie. Während sie das sagt, schaut sie auf den Bildschirm und stützt den Kopf mit der Hand ab. Ihre ersten Erfahrungen mit dem Arbeiten im Nachbarland machte Griseldis vor fünf Jahren. Damals war sie ein Jahr lang AStA-Öffentlichkeitsreferentin an der RWTH Aachen. Während dieser Zeit war sie unter anderem für Bafög-Fragen zuständig und beriet Studenten. „Ich musste die doppelte Arbeit machen. Bei Fragen musste ich sowohl die deutschen als auch die belgischen Behörden kontaktieren, um Probleme mit dem Bafög zu lösen“, sagt sie.

Zu dieser Zeit war Griseldis eine sogenannte Grenzpendlerin. Denn sie wohnte in Belgien und versteuerte ihre deutschen Verdienste dort. Dazu musste sie ein spezielles Formular für Grenzpendler ausfüllen. Das sei relativ schwierig und neu für sie gewesen, da Deutschland und Belgien unterschiedliche Steuergesetze haben.

Was sich für Arbeitnehmer ändert

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Griseldis und Laura arbeiten an der nächsten Ausgabe des „Grenzechos“.

Anfänger haben oft Probleme mit den verschiedenen gesetzlichen Steuerregelungen, sagt Christina Löhrer-Kareem. Sie arbeitet seit 15 Jahren für den Grenzinfopunkt Aachen und berät Menschen wie Laura und Griseldis, die darüber nachdenken, in dieser Region zu arbeiten oder zu leben. „Fragen zu Steuer- und Sozialrechten sind besonders komplex“, sagt sie. Geregelt werden sie im deutsch-belgischen Steuerabkommen. Grundsätzlich gilt, dass Belgier, die in Deutschland ein reguläres Arbeitsverhältnis haben, dem deutschen Sozialsystem unterliegen und auch ihre Steuern in Deutschland zahlen müssen. Bei den Krankenversicherungen gilt dasselbe. Das Arbeitsland ist entscheidend. Belgier müssen sich deshalb eine deutsche Krankenversicherung suchen und zahlen ihre Sozialversicherungsbeiträge ebenfalls in Deutschland.

Löhrer-Kareem kennt viele Menschen, die wie Laura das Land gewechselt haben. „Besonders groß sind die Unterschiede im Gesundheitswesen zwischen Deutschland und Belgien“, sagt sie. „In Belgien sind viele Angebote weniger gut ausgeprägt. Das ist vor allem bei den Krankenversicherungen der Fall.“ In einigen Bereichen ist die Umstellung auf das belgische System für Deutsche deshalb eine Art „Auslandsleid“, da sie andere Standards gewöhnt sind. In der Grenzregion Maas-Rhein dürfen Deutsche trotz ihres belgischen Wohnsitzes weiterhin in Deutschland zum Arzt gehen. Laura nutzt dieses Angebot, da viele Spezialisten in Aachen angesiedelt sind. „Gerne würde ich auch in Belgien zum Arzt gehen, aber in Eupen ist es sehr ländlich. Hier gibt es keine Fachärzte. Aachen hingegen ist eine große Metropole.“

Mit der Sprache hat Laura keine Probleme. Sie spricht Deutsch, Englisch und Französisch. „Bei der Arbeit sprechen fast alle Deutsch und nur vereinzelt Französisch“, sagt sie. Privat unterhält sie sich ebenfalls auf Deutsch. Trotz der Schwierigkeiten beim Umzug lebt sie gerne in Belgien: „Das Verhältnis zu den Kollegen in Belgien ist freundschaftlicher und auch die Hierarchien sind weniger stark ausgeprägt.“ Diese Lockerheit zeigt sich nicht nur im Beruflichen: „Meine Vermieter beispielsweise bestanden auf keinen Mietvertrag. Das wurde alles auf Vertrauensbasis gemacht.“

Belgien nicht attraktiv für Deutsche

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Die alten Grenzhäuser stehen immer noch und könnten jederzeit wieder in Betrieb genommen werden.

Trotzdem habe Belgien in den letzten Jahren eher dafür gesorgt, dass ausländische Arbeitskräfte fernbleiben, meint zumindest Hans Händler von der Interessengemeinschaft deutscher und belgischer Grenzgänger. „Früher gab es viele Vorteile wie billigere Grundstücke, Mieten und teilweise niedrigere Steuern“, sagt er. „Das ist vorbei.“ Stattdessen gebe es Probleme: Deutsche Studien- und Berufsabschlüsse würden in Belgien zum Teil nicht anerkannt. Das ist unter anderem im Gesundheitswesen der Fall. Händler plädiert für eine große Veränderung: „Der einzige Weg, der aus diesem Dilemma herausführen würde, wären die Vereinigten Staaten von Europa, die aber offenbar nicht realisierbar sind.“ Beraterin Löhrer-Kareem sieht die Lage hingegen weniger pessimistisch. Die gesetzlichen Verordnungen seien angemessen, sehe man einmal von den Fragen zum Sozial- und Steuerrecht ab.

Laura jedenfalls möchte die Erfahrung, in einer Grenzregion zu arbeiten, nicht missen: „Trotz der vielen Bürokratie bin ich froh, in Belgien zu arbeiten. Die Arbeit macht Spaß und es ist wie ein kleines Auslandserlebnis für mich, obwohl ich direkt an der Grenze lebe.“

Beitragsbilder: Richard Brandt

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