100 Dinge, ein Buch

Machen wir uns nichts vor: Die Welt ist materialistisch. Mirko Kussin und Tobias Wimbauer haben die Konsequenz daraus gezogen und Geschichten über „100 Dinge“ aufgeschrieben – über alte und neue Sachen, über spießige, nutzlose oder peinliche.

Erzählen von Corned Beef und IKEA-Taschen: Tobias Wimbauer (l.) und Mirko Kussin. Fotos: Jana Fischer

Erzählen von Corned Beef und IKEA-Taschen: Tobias Wimbauer (l.) und Mirko Kussin. Fotos: Jana Fischer

In der Dortmunder Stadt- und Landesbibliothek stellten die beiden Autoren am Montagabend einige dieser Gegenstände vor, besonders aber die Geschichten, die aus scheinbar profanen Kleinigkeiten die leblosen Hauptfiguren eines Buches machen. Die Familiendramen zum Beispiel, die hinter den Salzgebäcknamensschildern an Reihenhaustüren lauern. Oder die Staatskrisen, die eine einzige Zahnprothese – zumindest theoretisch – heraufbeschwören kann.

Das Buch, das aus dem Sammelsurium entstanden ist, haben die zwei im Eisenhut-Verlag publiziert, den Wimbauer seit 2009 mit seiner Frau Silvia betreibt. Vieles von dem, was die beiden Autoren in den kurzen Gedankengängen erzählen, wurzelt in ihrer Kindheit und Jugend. Sigmund Freud hätte sich sicherlich mit Begeisterung darauf gestürzt, wie der halbstarke Wimbauer die Telefonzellen in der badischen Provinz mit seinem Urin veredelte und Vasen zu Biergläsern umfunktionierte. „Leider autobiografisch“, sagt er heute und grinst.

Daneben geht es in der Bücherei um sonst eher mit Missachtung gestrafte Alltagsbegleiter: Den blau-gelben IKEA-Tüten zum Beispiel, offiziell „Frakta“ getauft, widmet Kussin ein würdiges Loblied – 25 Kilo Tragfähigkeit können eben manchen Einkauf retten.

Kundenseparierer oder Warentrenner?

Und wie heißen die Dinger nochmal, die an der Supermarktkasse die Einkäufe abgrenzen? Warentrenner? Kassentrennstab? Wimbauer gefällt der Vorschlag „Kundenseparierer“ am besten, „auch wenn der nicht bei Wikipedia steht“. Ganz unten auf der Nützlichkeitsskala der Autoren hingegen: Schicke Design-Lesezeichen, die nur existieren, um mickrige Taschenbuch-Geschenke aufzuwerten.

„Hundert Details, hundert Gedanken, hundert Stimmungen“, versprechen die beiden und zeichnen anhand der Alltagsgegenstände auch ihren eigenen Lebenslauf nach: Vom guten alten Mixtape und der „Liste der sechs Kommilitonen, die man in einem überfüllten Hörsaal erschießen würde, wenn man die entsprechende Anzahl Kugeln zur Verfügung hätte“ steigert die Spießigkeitsskala sich im Laufe des Abends bis zu Geschirrspülmaschine und Schrebergarten.

Während Kussin seine Beiträge in bunter Reihenfolge vorliest, folgt Wimbauer streng dem Alphabet. „Ich habe irgendwie das Bedürfnis, die Dinge zu ordnen“, sagt er und lässt auf B wie „Bierglas“ entsprechend C wie „Corned Beef“ folgen, das bei ihm genauso ein kulinarisches Kindheitstrauma verursacht hat wie Pumpernickel und Rote Beete.

Der Ehering im Schnee

Ansonsten ist die Auswahl eher zufällig: „In Mirkos Küche hing immer die Liste mit den Dingen, über die er schreiben wollte. Hätten wir die Texte im Sommer statt im Herbst und Winter geschrieben, wären da ganz andere Sachen drauf aufgetaucht.“ Immerhin: Wie Mirko Kussin eine Wanne voll Schnee nach dem Ehering seiner Frau durchwühlte, hätte die Öffentlichkeit dann vermutlich nie erfahren.

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