Gauck an der TU: Zeit für verständliche Wissenschaft

Ein Großaufgebot an Sicherheitsleuten und Polizei, Absperrungen, sogar Spürhunde – am Mittwoch war hoher Besuch an der TU Dortmund. Joachim Gauck hat als Ehrengast bei der Jahreshauptversammlung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eine Ansprache gehalten. In seiner Rede plädierte der Bundespräsident für eine verständliche Wissenschaft.

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Foto und Teaserbild: Daniel Moßbrucker

„Ich habe mir heute definitiv Zeit für Wissenschaft genommen“, erklärt Gauck zu Beginn seiner Rede und folgt damit dem Motto der DFG-Jahresversammlung: Zeit für Wissenschaft. Im Mittelpunkt der dreitägigen Veranstaltung, die in den Dortmunder Westfalenhallen stattfand, stand die Wahl des Nachfolgers von DFG-Präsident Matthias Kleiner. Kleiner gibt sein Amt turnusgemäß nach zwei Amtsperioden ab und kehrt an seine Heimatuni, die TU Dortmund, zurück. Dort wurde deswegen auch die zur Jahresversammlung gehörende Festveranstaltung ausgerichtet.
Ab dem 1. Januar 2013 wird der Münchener Altgermanist Peter Strohschneider neuer Präsident der DFG.

Joachim Gauck wird an der TU Dortmund begrüßt. Foto: pflichtlektuere

Joachim Gauck wird an der TU Dortmund begrüßt. Foto: pflichtlektuere

Man müsse sich Zeit nehmen für die Kommunikation von Wissenschaft, lautet eine zentrale These von Gauck. „Demokratie braucht eine verständliche Wissenschaft, sagt er – vor allem, weil sich Demokratie und Wissenschaft in einem Punkt sehr ähnlich seien: „Unsere freiheitlich demokratische Gesellschaft lebt genau wie die Wissenschaft von dem Mut zur Frage, allerdings auch von der Vielstimmigkeit der Antworten.“

Viel Geld für wenige Unis

Gauck erwähnt allerdings nicht, dass Wissenschaft nicht immer demokratisch und fair ist, wie der harte Kampf um finanzielle Förderung zeigt. Ein Beispiel ist die Exzellenzinitiative und die dazu gehörende Auslobung von „Eliteuniversitäten“. Erst vor kurzem fand dabei die dritte Runde statt – die fünf hinzugekommenen Universitäten dürfen sich nicht nur mit dem Elite-Siegel schmücken, sondern erhalten auch eine Menge Geld. 2,7 Milliarden Euro wurde insgesamt für die Exzellenzinitiative ausgegeben. Eine Stange Geld, von der nur einige wenige Unis in Deutschland profitieren. Die TU Dortmund gehört nicht dazu.

Zudem geht es bei der Exzellenzinitiative hauptsächlich um die Förderung von Forschung, auf die Lehre hat sie kaum Einfluss. So zeigt das CHE-Hochschulranking von 2011, dass bei den Unis mit Elite-Stempel nicht unbedingt elitäre Lehre drin stecken muss.

Die Themen Freiheit und Verantwortung waren Joachim Gauck auch bei seinem Besuch an der TU wichtig. Foto: Daniel Moßbrucker

Die Themen Freiheit und Verantwortung waren Joachim Gauck auch bei seinem Besuch an der TU wichtig. Foto: Daniel Moßbrucker

Verständliche Wissenschaft

Freiheit, Gesellschaft und Verantwortung: Diese Punkte haben eine große Bedeutung für Gauck. Er fordert die Zuhörer auf, die Gesellschaft teilhaben zu lassen an der Wissenschaft, sie habe ihr gegenüber eine Bringschuld. Und gerade deswegen sei Verständlichkeit so wichtig, findet der Bundespräsident: „Wir müssen uns um ein Gespräch bemühen, denn Gesellschaft reicht so weit, wie Verständigung reicht.“

Ein Positivbeispiel nennt Gauck dann auch: Den Communicator-Preis der DFG. Der mit 50.000 Euro dotierte Preis wird jedes Jahr an Forscher vergeben, die sich besonders um die Vermittlung ihrer Ergebnisse in der Öffentlichkeit kümmern. Dieses Jahr ging die Auszeichnung an den Bienenforscher Jürgen Tautz, verliehen wurde er am Dienstag im Dortmunder U.

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Die Zukunft der Wissenschaft

Wissenschaft sei auch wichtig für die Politik, so Gauck. Zum einen seien die Erwartungen an die Wissenschaft „riesig“ – egal, ob es um saubere Energie, ausreichend Nahrung für eine wachsende Bevölkerung oder funktionierende Therapien gegen Krankheiten gehe. Zum anderen stellt Gauck eins ganz besonders heraus: „Die Stärke der Wissenschaft liegt darin, dass sie nicht vorgibt, endgültige Wahrheiten zu kennen, sondern sich der Vorläufigkeit bewusst ist – dass sie diese Offenheit nicht nur aushält, sondern als eine ihrer Voraussetzungen anerkennt.“ Auch in der Zukunft sei diese Stärke von Bedeutung.

Er war der Ehrengast: Der Bundespräsident zwischen seiner Lebensgefährtin und Ministerin Anette Schavan. Foto: Daniel Moßbrucker

Er war der Ehrengast: Der Bundespräsident zwischen seiner Lebensgefährtin und Ministerin Anette Schavan. Foto: Daniel Moßbrucker

Längst ist die Zukunft auch für Wissenschaft nicht mehr in Stein gemeißelt – Forschung steht immer mehr unter Druck. Meist werden nur einzelne Projekte gefördert, selten langfristig Mittel zur Verfügung gestellt. Das gilt vor allem beim Erwerb von Drittmitteln; also den Geldern, die eine Uni oder ein Institut extern von Stiftungen oder Konzernen erhält. Die Drittmittelquote ist in den letzten zehn Jahren von 16 auf 26 Prozent gestiegen, so der DFG-Förderatlas. Dadurch entsteht eine immer stärkere Wettbewerbssituation innerhalb der Wissenschaft. „Zeit für Wissenschaft“ ist nur möglich, wenn man sich auch Zeit nehmen kann.

Neben der Ansprache von Joachim Gauck hielt auch der scheidende DFG-Präsident Kleiner eine Rede, gefolgt vom Festvortrag des Theologen Hubert Wolf aus Münster. Ursula Gather, die Rektorin der TU Dortmund, hatte zuvor die Veranstaltung eingeleitet und dabei besonders den Strukturwandel der Stadt Dortmund und die Forschung an der TU hervorgehoben. Dabei nutzte sie auch die Gelegenheit, um den Siegeruniversitäten der aktuellen Exzellenzinitiative zu gratulieren – unter denen sich die TU Dortmund nicht befindet. Das nahm auch Joachim Gauck zur Kenntnis. Seine Rede begann er mit den Worten: „Ich weiß nicht genau, wo ich bin, mir fehlt etwas: Es wird nicht geklagt. Bin ich in Deutschland?“

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