Organspende: „Aufklärung allein reicht nicht aus.“

Über 12 000 Menschen warten in Deutschland auf ein Spenderorgan. Jeden Tag sterben drei von ihnen. Es benötigen viel mehr Menschen ein Organ, als es Spender gibt. Das Problem ist bekannt und auch die Spendebereitschaft der Deutschen ist hoch. Doch nur wenige fassen einen Entschluss, den sie in einem Organspendeausweis festhalten. „Ich glaube nicht, dass das an der Trägheit der Leute liegt“, sagt Vera Kalitzkus. Sie arbeitet am Institut für Allgemein- und Familienmedizin an der Universität Witten/Herdecke und hat über das Thema Organspende das Buch „Dein Tod, mein Leben“ geschrieben.

Die Medizinethikerin Vera Kalitzkus glaubt nicht, dass Aufklärung allein zu mehr Organspendeausweisen führt. Foto: Matthis Dierkes

Die Medizinethikerin Vera Kalitzkus glaubt nicht, dass Aufklärung allein zu mehr Organspendeausweisen führt. Foto: Matthis Dierkes

pflichtlektüre: Derzeit tourt die Informationskampagne „Organpate werden“ von der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung (BZgA) durch Deutschland. Die Strategie der BZgA lautet dabei: Mehr Information gleich mehr Organspenden. Geht diese Gleichung auf?

Vera Kalitzkus: Ich glaube nicht. Es hängt viel mehr damit zusammen, dass ich mit dem Organspendeausweis ein Dokument vor mir liegen habe, das ganz klar fordert, dass ich mir meiner eigenen Endlichkeit bewusst werde und darüber entscheide. Es geht immer um Tod und Leben bei Organspende – auf beiden Seiten. Auf Seiten der Spender und der Empfänger. Und sich das wirklich konkret deutlich zu machen, ist etwas, wovor die Menschen Angst haben. Der Tod ist das Schwierigste, womit wir konfrontiert werden im menschlichen Leben. Das macht Angst und die Auseinandersetzung damit ist schwer und wird von vielen gescheut.

pflichtlektüre: Was hält die Menschen davon ab, einen Organspendeausweis auszufüllen?

Vera Kalitzkus: Da spielen viele Gründe mit rein. Also zum einen sind es bei vielen Menschen Bedenken bezüglich des Hirntodes. Verstehe ich den Hirntod als Tod des Menschen?

Anmerkung: Nach derzeitigem Stand der Transplantationsmedizin wird der Hirntod als Tod des Menschen definiert. Die Hirnfunktionen sind dabei so schwer geschädigt, dass keine Therapie mehr möglich ist. Für viele Organspenden, zum Beispiel beim Herz, ist der Hirntod die Voraussetzung für eine Organentnahme.

Die Angst vor der Beschäftigung mit dem eigenen Tod schreckt viele Menschen vor der Organspende ab. Foto: spacejunkie / photocase.com

Die Beschäftigung mit dem eigenen Tod schreckt viele Menschen vor der Organspende ab. Foto: spacejunkie / photocase.com

Das Zweite ist, dass viele befürchten, zu früh für Tod erklärt zu werden. Die Angst: „Wenn ich einen Organspendeausweis besitze, wird dann noch alles für mich getan?“ Dann kommen noch Gründe hinzu über die selten reflektiert wird: Nämlich welche Vorstellungen habe ich von der Übergangsphase zwischen Leben und Sterben? Welche Vorstellungen von der Seele oder dem Übergang in eine andere Welt habe ich? Was noch hinzukommt ist natürlich auch die Frage, wie mit dem verstorbenen Körper umgegangen wird.

pflichtlektüre: Oft wird für die Organspende geworben mit dem Tenor: Eine Organspende gibt dem Tod einen Sinn. Ist das für Sie ein Argument?

Vera Kalitzkus: Für mich braucht der Tod keine Sinnzuschreibung von außen. Der Tod gibt dem Leben seinen ganz speziellen und spezifischen Sinn. Nur weil wir sterben, haben wir eine bestimmte Lebensgeschichte und die bekommt erst durch ihre Begrenzung eine Sinnhaftigkeit. Was sich jeder überlegen muss: „Kann ich diese letzte Phase, diese körperliche Sterbephase für einen anderen hingeben? Macht das für mich persönlich Sinn?“

pflichtlektüre: Über was sollte man sich bewusst sein, bevor man einen Organspendeausweis ausfüllt?

Vera Kalitzkus: Man sollte sich auch die Situation der Angehörigen klar machen. Denn die tragen in dieser Situation oft die Hauptlast.

Die Entscheidung für eine Organspende bedeutet, dass sich die Angehörigen nicht in aller Ruhe von ihrem Verwandten verabschieden können. Foto: willma... / photocase.com

Bei einer Organspende muss alles schnell gehen. Die Angehörigen können nur kurz Abschied nehmen. Foto: willma... / photocase.com

pflichtlektüre: Was kommt auf die Angehörigen zu?

Vera Kalitzkus: Die Konfrontation mit einem lebenden Leichnam.
Man sollte sich darüber Gedanken machen: Komme ich mit dieser Vorstellung klar, dass zu diesem Zeitpunkt, indem der Mensch ganz frisch verstorben ist, eine große Operation stattfindet? Der Leichnam bleibt dann ja auch nicht so unversehrt, als wenn keine es keine Organentnahme gegeben hätte. Dadurch verändert sich das Abschiednehmen auf der Intensivstation.
Eine Mutter sagte mir: „Es ist diese Erfahrung des Sterbens, die einem genommen wird.“ Und das ist das, was sie sehr vermisst hat. Weil es die letzte Phase ist, die sie mit ihrem Kind noch gehabt hätte. Und das kann ihr niemand zurückbringen. Auch keine Sinnzuschreibung von außen.

Ein Interview von Fabian Karl und Matthis Dierkes.


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