Lieber Solo? So wäre unser Leben ohne die EU

EU. Zwei Buchstaben, die für viele weit weg sind. Was geht mich an, was in Brüssel und Strasbourg geschieht? Allerhand, behaupten die Politiker, die am Sonntag bei der Wahl des Europäischen Parlaments unsere Stimme haben wollen. Mittlerweile macht die Europäische Union etwa 80 Prozent unserer Gesetze. Aber bekomme ich das als kleiner Student wirklich zu spüren? Wäre nicht alles viel einfacher ohne die Union? pflichtlektüre online-Mitarbeiter Michael Klingemann hat für Euch überlegt, wie so ein Tag als Student ohne die EU aussehen könnte.

Manch einer will mit Europa nichts zu tun haben. Aber geht das überhaupt?

Manch einer will mit Europa nichts zu tun haben. Aber geht das überhaupt?

Werbeverbot für Tabak

„Marlboro, hol dir den vollen Geschmack“. Bah, als Ex-Raucher kann man so etwas wirklich nicht gebrauchen. Ich sollte den Fernseher morgens auslassen. Auf RTL 1 bis RTL 7 läuft fast nur noch Werbung. Mir fehlen die Informationen. Aber woher nehmen? In Dortmund erscheint nur die „BILD-Kompakt Ruhrgebiet“. Bertelsmann-Springer gehören mittlerweile 80 Prozent des deutschen Zeitungsmarktes. Möchtegern-Skandale, Stars, die sich ins Blatt drängen, aber kaum kritische Berichte. Genau aus diesem Grund lese ich keine Zeitung. Also erst mal einen Kaffee, schwarz, ohne Milch. Preise von 1,80 bis 2 DM für einen Liter Milch kann sich ein Student nicht leisten.

Deutschland ohne Euro und Bachelor

Seit zwei Jahren studiere ich in Bochum Maschinenbau. Langweilig! Mein Studium hat bisher nur wenig mit Praxis zu tun. Wenigstens kann ich mir den Stundenplan selbst zusammenstellen, und deshalb bin ich nur gelegentlich an der Uni. Bis zum Vordiplom dauert es noch. Warum sollte ich mich auch stressen? Maschinenbauingenieure sind in Deutschland zurzeit nicht gerade gefragt. Die Finanzkrise hat die D-Mark extrem aufgewertet, andere Währungen haben verloren. Die Folge: Keiner kann sich mehr deutsche Waren leisten, erst recht nicht teure Maschinen. Die gibt es billiger aus anderen Ländern, allen voran natürlich China. Aber auch in Großbritannien, Italien und Frankreich haben Maschinenbauer gute Chancen. Ich allerdings nicht, mein Diplom wird dort nicht anerkannt. Abgesehen davon würde ich dort eh keine Arbeitserlaubnis bekommen. Ursprünglich wollte ich ja in England studieren, aber das ist unmöglich. Deutsche Studierende sind an den Unis im Ausland nicht gern gesehen. Man bekommt einfach keine Zulassung, nicht mal für ein halbes Jahr.

Kein Spitzenpersonal an der Uni

Ohne die EU hätten wir noch die D-Mark. Aber wäre das wirklich so gut? Foto: Klingemann

Ohne die EU hätten wir noch die D-Mark. Aber wäre das wirklich so gut? Foto: Klingemann

Die Vorlesung Automatisierungstechnik gebe ich mir dann doch noch. Hätte ich sie mir mal gespart. Der Prof liest irgendwelche Zahlen vor und kann selbst nichts davon vernünftig erklären. Die RUB hat offenbar Probleme, gute Professoren zu finden. Wer wirklich was drauf hat, lehrt Maschinenbau im Ausland, nicht in Bochum.

Nach der Uni geht es zum Einkaufen. Heute Abend kommen ein paar Freunde zum Kochen vorbei. Also düse ich zum Supermarkt, mit meiner alten Gurke, einem Opel Manta von 1979. Der fährt noch, auch wenn er stinkt und die Luft verpestet. Aber daran stört sich zum Glück keiner. Vorbei an der Großbaustelle in der Dortmunder Innenstadt. Trotz großer Proteste ist hier gerade das Dortmunder U abgerissen worden. Die Stadt hatte einfach kein Geld, um das alte Industriegebäude der ehemaligen Unionsbrauerei zu erhalten. Im Supermarkt bin ich schnell durch: Einen Kasten Bier für 10 Mark, Spagetti und Tomaten. Ich staune immer wieder über die Preise in der Obst- und Gemüseabteilung. Eine Mango kostet hier fünf Mark, genauso viel wie ein Kinobesuch oder ein Cocktail bei meinem Lieblingsmexikaner. Die hohen Zölle und Importkosten sollen daran schuld sein. Noch eine krumme Gurke in den Einkaufswagen und ab zur Kasse. Ich bin spät dran.

Deutsches Reinheitsgebot

Kai schüttelt sich und spuckt das Bier aus. „Was hast du da für einen Scheiß gekauft?“ Er meint das Bier sei schlecht, wir können das nur am Geschmackstest feststellen. Haltbarkeitsdaten auf Bierflaschen gibt es nicht. Kai, seine Freundin Christiane, Frank und ich wollen zusammen in den Urlaub fahren. Wird wohl Holland werden, denn mein Manta kommt nicht viel weiter. Fliegen kann man eh nicht bezahlen. Also wollen wir mit dem Auto an die holländische Nordseeküste. Nur Frank macht noch Theater: „Lass uns doch in Deutschland bleiben, Geld umtauschen, zwei Stunden Wartezeit an der Grenze – da habe ich echt keinen Bock drauf“.

EU-Fördergelder fürs Breitbandnetz

Um zehn bin ich wieder alleine in meiner Studentenbude und surfe noch etwas im Internet. Ich muss mich mit einem 56K-Modem begnügen. Angeblich hat die Deutsche Telekom kein Geld, um das Netz auszubauen. Oh, jetzt ist auch noch das Licht im Schlafzimmer kaputt. Ich schraube schnell eine neue 100-Watt Glühbirne rein, gehe ins Bett und träume von einem Europa ohne Grenzen, Zölle und D-Mark.

Text: Michael Klingemann

 
 

 

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