Chatbots, Deine Freunde von morgen? Eine Bestandsaufnahme.

Sie sollen Apps ablösen, uns aus dem Gespräch heraus eine Pizza, Tickets oder ein Taxi bestellen und in Zukunft fast alles über uns wissen. All das, indem wir einfach mit ihnen chatten, wie mit einem guten Freund. 2016 wird das Jahr der Chat-Roboter, sogenannter Chatbots. Unser Autor Robert Tusch stellt sie auf den Prüfstand.

Die Wetterkatze „Hi Poncho“ macht es mir besonders leicht. Schließlich steckt in ihrem Namen bereits die Begrüßung. Ich nehme den Kontakt auf: „Hi Poncho“, tippe ich in den Facebook Messenger und warte auf eine Antwort.

Poncho ist das Maskottchen eines amerikanischen Wetterdienstes. In den vergangenen Tagen ist die Katze in der gelben Regenjacke zu einer digitalen Berühmtheit geworden. Schließlich ist Poncho der bislang umfangreichste Chatbot im Messenger von Facebook. Jeder kann die Wetterkatze kontaktieren, ein bisschen Smalltalk führen und nebenbei aktuelle Wetterinformationen erhalten. Das Besondere: Hinter Poncho stecken keine Menschen, sondern Algorithmen. Es dauert nur wenige Sekunden, bis mir Poncho antwortet.

IMG_1841

Okay, Smalltalk funktioniert schon mal. Jetzt möchte ich mehr über Poncho wissen.

IMG_1842

Hmm. So richtig viel erzählt Poncho nicht über sich. Viel zu oft bricht sie das Gespräch einfach ab. Doch die Katze ist lange nicht der einzige Chat-Roboter, mit dem man bislang schreiben kann. Facebook hat auf der Entwicklerkonferenz „F8″ Anfang April ein Dutzend weiterer Bots vorgestellt. Die Webseite botlist.co listet sie.

Der Bot des Nachrichtenkonzerns CNN zum Beispiel sucht auf Nachfrage über den Messenger die Nachrichten zu bestimmten Themen heraus. Ähnliches kann auch der Algorithmus des Wall Street Journals. Mit dem amerikanischen Blumenlieferanten 1-800-Flowers kann der Nutzer über den Messenger Blumen bestellen. Und durch den Chatbot des Online-Shops Spring lässt sich sogar das Mode-Sortiment durchsuchen. Keiner der Roboter spricht bislang deutsch. Ändern wird sich dies sehr wahrscheinlich, wenn auch deutsche Unternehmen auf den Geschmack der Chatbots kommen.

Funktionsumfang noch begrenzt

Vom allwissenden Chatbot sind die bisher auf dem Markt verfügbaren Algorithmen jedoch noch weit entfernt, wie Poncho zeigt. Was der Chatbot bisher kann, beschränkt sich auf zwei Dinge: Smalltalk und die Wettervorhersage. Überprüfen wir das doch mal:

Image-1

Selbst bei einer einfachen Wetterabfrage ist es mühselig, sich mit dem Chat-Roboter zu unterhalten. Wer die Sprachsteuerung seines Handys befragt, erhält in wenigen Sekunden mehr Informationen über das Wetter als Poncho in einem Gespräch preisgibt. „Wir sind noch am Anfang einer langen Entwicklung“, gibt Poncho-Chef Sam Mandel im Gespräch mit Techinsider zu bedenken. Neben der Wettervorhersage kann man Poncho bislang nur noch ein Guacamole-Rezept entlocken. Das war es aber auch.

Woran liegt das?

Dass die bisher verfügbaren Chatbots mehr über klare Befehle als über freie Eingaben funktionieren, ist das Kernproblem der Algorithmen. Doch das Ziel ist klar: Die Chatbots sollen die Freunde von morgen werden. „Sie sollen nicht nur alles verstehen, was man sagt, sondern auch alles über den Chatpartner wissen“, sagt Mandel. Dazu müssen die Chatbots selbstständig werden. Experten sprechen von einer künstlichen Intelligenz (KI). Dabei können die Bots ihre Antworten selbst „schreiben“, ohne auf festgelegte Ausdrücke der Entwickler beschränkt zu sein. Die Informationen für ihre Antworten suchen sie sich im Internet zusammen. Einige Tests auf diesem Gebiet gab es schon. Doch die sind wenig alltagstauglich, wie ein Beispiel von Microsoft zeigt.

Chatbot Tay wurde zum Nazi

Tay_2788548f

So wie Tay sollen Bots nicht von Nutzern lernen.

Im März dieses Jahres stellte Microsoft den Roboter namens Tay ins Netz. Auf Twitter sollte er lernen, wie 18- bis 24-Jährige heute so kommunizieren. Das ist nichts Ungewöhnliches in der KI-Forschung. Schließlich müssen Menschen die Software auch trainieren. Doch Tay lockte Trolle an: Der Roboter übernahm rassistische Meinungen einiger Nutzer und gab sie unverblümt weiter. Er entwickelte sich so zum sexistischen und rassistischen Monster. Einige Äußerungen fand der Konzern so schlimm, dass er die Tweets gelöscht hat. In ihnen war der Ruf nach Völkermord enthalten, Tay leugnete den Holocaust und zog unpassende Vergleiche mit Hitler. Nach 24 Stunden musste Microsoft das Experiment abbrechen.

Tay zeigt, dass der Weg noch lang ist bis zum selbstlernenden Chatbot. Die bisherigen Versuche jedenfalls sind frustrierend. Was zu der Frage führt: Warum braucht man Bots überhaupt? Wieso sollte ich im Messenger die Pizza bestellen, wenn es auf der Webseite oder den Apps viel mehr Informationen gibt? Was kann Poncho besser als die Wetter-App auf dem Handy? Die Antwort: Nichts. Zumindest noch nicht.

„Bots vereinfachen das Shopping“

Den Bots wird eine große Zukunft vorhergesagt. Vor allem werden sie die alltäglichen Abläufe im Internet vereinfachen, ist sich der Kölner Social-Media-Experte Jan Stranghöner sicher. „Viele Vorgänge wie Shopping, das gesamte Ticketing von Events und Kinoanbietern, aber auch einfache Anleitungen für Heimwerker lassen sich sehr gut über einen Messenger Bot umsetzen.“

Der Vorteil der Roboter liege darin, dass sie den Nutzer zielgerichteter „bedienen“ können. Wer zum Beispiel über einen Bot ein Kleidungsstück kaufen will, braucht nur einmal zu Beginn der Konversation seine Größen und Lieblingsfarben anzugeben. Der Algorithmus merkt sich dies, egal wann man ihn wieder auf die Suche schickt.

Aber vor allem schaffen die Bots einen schnellen Draht zu Unternehmen. So plant zum Beispiel Burger King einen Bot, der es ermöglicht, Bestellungen über den Messenger aufzugeben. Expedia will das Buchen von Hotels anbieten. Und den Bot von Zalando soll man in Zukunft nach persönlichen Vorschlägen befragen können.

Diese Messenger investieren in Chatbots

Facebook Messenger
Facebook ist nicht das einzige Unternehmen, das in Chatbots investiert, aber das größte. Auf der Entwicklerkonferenz F8 hat das soziale Netzwerk eine „Bot Engine“ vorgestellt. Damit können Entwickler Facebooks Algorithmen verwenden, um selbst Chatbots zu erstellen. Der große Vorteil für Facebook: Die mittlerweile 900 Millionen Nutzer des Messengers verbringen noch mehr Zeit auf der Plattform.

Microsofts Cortana
Auch Microsoft forscht an Chatbots. Nach dem Projekt „Tay“ will Microsoft nun die Sprachassistentin Cortana erweitern. Entwickler sollen Cortana-Befehle künftig problemlos in ihre Apps integrieren können. Dabei können sie selbst Anweisungen bestimmen, die Nutzer Cortana fragen können. 

Skype
Auch aus Skype heraus können Nutzer künftig die Pizza bestellen oder eine Reise buchen. Dazu hat Microsoft, das Skype gehört, ein „Bot Framework“ veröffentlicht. Es soll Online-Shops und anderen Unternehmen die Möglichkeit geben Chatbots zu erstellen.

Slack
Slack, ein Messenger für Unternehmen, hat kürzlich 80 Millionen US-Dollar in Entwickler investiert, die digitale Hilfsprogramme für den Dienst entwickeln. Derzeit verfügt der Dienst über 150 Bots und Tools, die hier gelistet sind.

Telegram
Der Krypto-Messenger Telegram hat eine Million Dollar Preisgeld für die Entwicklung von Chatbots ausgelobt. Jeder Entwickler, der Bots für Telegram entwickelt, erhält demnach eine Förderung von 25.000 Dollar. Das Prämienprogramm läuft bis 31. Dezember 2016. Schon seit Mitte letzten Jahres unterstützt Telegram Chatbots, die das Unternehmen auf dieser Seite listet.

Kik
Auch der vor allem bei US-Teenagern beliebte Messenger Kik hat einen Bot Shop eingerichtet, in dem Nutzer Erweiterungen finden, mit denen sie sich unterhalten können.

Denkbar ist auch, dass sich die Bots bald untereinander unterhalten. Damit könnten sie etwa die Terminfindung übernehmen. Möchte ich mit einem Geschäftspartner einen Termin für ein Treffen vereinbaren, beauftrage ich dafür in Zukunft einfach einen Bot. Dieser kennt meinen Kalender und setzt sich mit dem Bot des Geschäftspartners in Verbindung. Den Termin muss ich letztlich nur noch bestätigen.

„Das Potenzial der Bots steckt in der Kreativität der Entwickler“, sagt Stranghöner mit Blick auf die Zukunft. „Facebook hat auf der F8 neben den Messenger Bots, direkt die Plattform vorgestellt mit der sich die Bots ‚trainieren’ lassen.“ Somit habe jeder die Möglichkeit einen Bot nach seinen Wünschen zu bauen. Bis die Chat-Roboter also wirklich nützlich werden, müssen sich die Nutzer noch gedulden und erstmal mit ein wenig Smalltalk, den Wettervorhersagen und dem Guacamole-Rezept vorlieb nehmen.

Titelbild erstellt mit Placeit.net

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.